Sofia Isella widersetzt sich in ihrer Musik und ihrem Auftritt jeglicher Vorstellung, dass Frauen in der Kunst ästhetisch im Sinne des male gaze zu sein haben. Am 17. April erschien mit Something is a shell. die bereits dritte EP der 21-jährigen Musikerin.
Von Lilian Lumme
Bild: Crush Music
Sofia Isella (Eigenschreibweise: SOFIA ISELLA) verstört und fasziniert zugleich. In ihren Songs verbinden sich oft Elemente des Post-Punk oder Industrial mit den Klängen und Themen des Dark Pop. Kombiniert wird das Ganze mit einer Vielzahl an unterschiedlichen Instrumenten: Ob Geige, Klavier oder Gitarre, es scheint kein Instrument zu geben, das die Sängerin nicht beherrscht. Die Instrumente klingen dabei meist rau oder verzerrt, untermalt werden sie mit Klängen, die an Horrorfilme erinnern. In ihrem Sprechgesang bewegt sich Sofia Isella an vokalen Grenzen: Flüstern, Raunen und das bewusste Spiel mit dem Brechen der Stimme schaffen eine düstere Atmosphäre, die sich durch ihr ganzes Werk zieht.
Bekannt ist Sofia Isella jedoch hauptsächlich für ihre sprachlich komplexen und höchst poetischen Texte, die oft von ihrem Verhältnis zur Kunst, Sexualität oder weiblicher Identität im Patriarchat handeln. Ihr vermutlich bekanntester Song The Doll People treibt dabei die Objektifizierung weiblicher Körper auf die Spitze, indem sie zu Spielzeugen männlicher Fantasien erklärt werden: »The doll people are not men / They are made of ass and glass / Our skin is clay and painted blue / Our head can detach / We are statues with a pulse / We are art you can fuck«.
Fehlender Kontext
Auch Something is a shell. greift diese Themen auf. Bereits der Titel des ersten Songs Numbers 31:17-18 verweist auf eine Bibelstelle aus dem Vierten Buch Mose, in der Gott Mose die Rache an den Midianitern befiehlt, wobei nur Mädchen, die noch nicht mit einem Mann geschlafen haben, verschont werden sollen. Im Song selbst geht es um die Frage, ob überhaupt ein Kontext diese oder ähnliche Passagen rechtfertigen kann. Und viel eher als auf Einsicht stößt man bei einer Kritik auf Rechtfertigungen oder andere Ausflüchte:
»They will not stop singing and defending that song / Rather find the excuse for massacre than be wrong / Rather ignore the lyrics than stop singing along«
Diesen Text kann man nicht nur auf die Rechtfertigung biblischer Grausamkeit hin lesen, sondern auch in einem größeren Kontext interpretieren: wenn etwa eingefleischte Fans ihre Idole verteidigen, indem sie auch noch deren absurdeste Taten und Haltungen entschuldigen, oder Politiker:innen immer neue Rechtfertigungen für akute politische Krisensituationen und humanitäre Katastrophen finden. Das Grausame wird entweder zum notwendigen Übel stilisiert oder in seiner Darstellung verharmlost. Sofia Isella zeigt mit Numbers 31:17-18, dass Vergewaltigung, Mord und Gewalt immer falsch sind, völlig unabhängig vom Kontext, in dem sie stehen.
Die Kunst schärft ihre Messer
Star v beginnt mit einem einprägsamen, fast schon cineastischen Instrumental. Immer wieder ist das Schärfen eines Messers zu hören. In einer der ersten Zeilen beschreibt Sofia Isella das Öffnen eines Muskels, das sich als ein Sich-Öffnen in der Kunst deuten lässt. Wie bereits in ihren früheren Songs I Can Be Your Mother und Muse verbindet sich das Schaffen von Kunst mit gewaltvollen Bildern. So wird dort beispielsweise der Stift auf einem Blatt Papier mit einer Pistole am Kopf verglichen. Kunst offenbart sich als die eigentliche Gewalt, in der Kunstschaffenden zeigt sich ein masochistischer Charakter. Sich zu öffnen wird nicht mehr bloß im übertragenen, sondern im Wortsinne, als ein körperlicher Akt verstanden. In Star v wird die Kunst zu einem Spiel erklärt, bei dem der Erfolg eigentlich eine Niederlage ist:
»The game is strange but you know the rule / The winners lose and lose and lose and lose«
Wider den male gaze
Der eindrücklichste Song der EP heißt Above the Neck. Sofia Isella gelingt es, spielerisch zwischen einfach-prägnanten und komplex geschriebenen Zeilen das Gewaltvolle der weiblichen Sexualisierung im Kontext patriarchaler Strukturen zu entlarven. Wie bereits in The Doll People gibt auch Above the Neck Betroffenen von sexualisierter Gewalt eine Stimme, die einen beinahe kathartischen Effekt haben kann: Durch die einfühlsame und zugleich unverstellte Art, wie sie über sexualisierte Gewalt und die Sexualisierung weiblicher Körper schreibt, gibt sie Betroffenen das Gefühl, gesehen und verstanden zu werden und verleiht sowohl Resignation als auch Wut eine kraftvolle Stimme: »If I transform into masturbation motivation / Something that’s more open to interpretation / All of a sudden, your desire to understand / Head popped out of your ass, you’re a wide-eyed kitten man«
Dabei reflektiert Sofia Isella auch ihre Position als Künstlerin. Angesichts ihres allgemeinen Auftretens und des Mangels an männlich verstandener Schönheit und Glätte sowohl in ihrer Online- als auch Bühnenpräsenz sowie in ihrer Cover Art ist es kein Wunder, dass auf ihren Konzerten kaum cis-männlich gelesene Fans anzutreffen sind. Und das ist auch gut so, entsteht dadurch doch ein natürlicher musikalischer safer space für Betroffene und Verbündete, die es mit ihrer Unterstützung ernst meinen und nicht bloß auf die Befriedigung konventioneller ästhetischer Bedürfnisse zielen. Und gerade das ist das Kunstvolle daran.

