Sicher bruchgelandet

Kim de l’Horizon gewinnt mit dem Roman Blutbuch den Deutschen Buchpreis 2022. Was angesichts der Konstellation von Moderator und Autor:in eine lesunggewordene Katastrophe erwarten ließ, entpuppt sich (trotz einiger Ärgernisse) als unterhaltsamer Abend, der Lust auf de l’Horizons Text macht.

Von Frederik Eicks

Bild: Hanna Sellheim

Wer die Ereignisse um die Verleihung des Deutschen Buchpreises 2022 nicht mitbekommen hat, erschreckt vielleicht etwas, als Kim de l’Horizon am 22. Oktober als diesjährige:r Gewinner:in die Bühne des Alten Rathauses betritt, um – wie schon seit einigen Jahren Brauch – die erste Lesung außerhalb Frankfurts beim Göttinger Literaturherbst zu geben. Statt gestylter Haare und flamboyantem Outfit, die man von den Pressefotos kennt, sieht de l’Horizon gut gekleidet, aber noch etwas zerrupft aus: die Haare oberhalb und seitlich des Kopfs ungleichmäßig bis auf den Schädel wegrasiert, am Hinterkopf noch etwas Haarfrisur, vereinzelte Haarbüschel hinter den Ohren. Das könnte man zusammen mit dem knallpinken Pullover und der Goldkette zwar auch als irgendwie extravaganten Look verstehen, ist aber das Resultat von de l’Horizons Reaktion auf den Erhalt des Buchpreises: De l’Horizon rasierte sich zum Zeichen der Solidarität mit den massiven, kraftvollen Frauenprotesten im Iran während der Preisverleihung die Haare vom Kopf und widmete den Preis den Protestierenden.

Mit dieser Geste unterstreicht de l’Horizon nachdrücklich die politische Dimension – nicht nur diejenige des Romans Blutbuch, sondern auch diejenige der Entscheidung der Jury für diesen Titel. Würde aber de l’Horizon in Göttingen nicht noch die sichtbaren Spuren dieser Aktion tragen, könnte man am Ende dieses Abends glauben, das Blutbuch sei nicht in seinem innersten Kern ein politisches Buch, dessen Protagonist:in auf der Suche nach dem eigenen Körper zwischen oder außerhalb der Geschlechter ist – der auch sozial konstruiert und damit politisch ist. Zwar spricht Moderator Stephan Lohr den unkonventionellen ›Look‹ zu Beginn selbst an und schließt die Veranstaltung auch mit einem Schwenk darauf, aber im Gespräch mit Kim de l’Horizon umschifft er diesen Themenkomplex weitestgehend.

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Kim de l’Horizon
Blutbuch

Dumont: Köln 2022
336 Seiten, 24,00€

Lohr im Selbstgespräch

So kommt Lohr, nachdem er recht exakt denselben Gesprächseinstieg vollzieht wie jedes Jahr (»Wie anstrengend war denn die vergangene Woche?«), darauf zu sprechen, dass de l’Horizon ja auch studiert habe und das »Buch auf einer gewaltigen theoretischen und auch ästhetischen Arbeit« fuße, die sozusagen dem sichtbaren Text als unsichtbares Fundament diene. Das ist eine ziemlich vage, quasi beliebig auslegbare Behauptung, auf die de l’Horizon bezeichnenderweise auch nicht mehr erwidern kann als »Ja, klingt gut…« Worum geht es denn? Politische und Gendertheorie? Welche? Judith Butler? bell hooks? Rousseau? Sieht Lohr Überbleibsel von Ingeborg Bachmanns Frankfurter Vorlesungen oder gar Martin Opitz’ Buch von der Deutschen Poeterey im Blutbuch? Diese Scheu vor dem Konkreten geht im Gespräch eine unheilige Allianz ein mit Lohrs selbstdarstellerischer Art, ›Fragen‹ zu stellen. Die vermeintlichen Fragen sind kaum getarnte, suggestive Thesen und Behauptungen zum Text, die Lohr aufstellt und die er gern von de l’Horizon persönlich beglaubigt wissen möchte.

Lohr: Das Buch fuße auf einer gewaltigen theoretischen Arbeit. De l’Horizon: Ja. Lohr: Enthalte das Buch nicht auch seine eigene Entstehungsgeschichte? De l’Horizon: Ja. Lohr: Das Blutbuch sei ja weniger eine autobiografische Erzählung, da müsse man vorsichtig sein, es gehe um eine empathische Persönlichkeitsentwicklung, oder? De l’Horizon, inzwischen sichtlich verunsichert, was de l’Horizon darauf sagen soll: Ja, genau… Besonders kurios wird dieser Halb-Dialog an einer Stelle, an der Lohr meint, im Roman werde die Familie »erlebt, dargestellt, ausprobiert, aufgeschrieben aus der Perspektive eines Kindes« und anschließend fragt, welche Rolle denn die Großmeer (berndeutsch für Großmutter) für die Entwicklung der Hauptfigur spiele. De l’Horizon, bemüht um zufriedenstellende Repliken, setzt an zu einem weiteren ›Ja, eine sehr wichtige…‹, möchte aber ergänzen, sucht nach den passenden Worten, was Lohr jedoch nicht schnell genug zu gehen scheint. Er grätscht rein, monologisiert etwas und beantwortet sich die Frage selbst: Die Großmeer »ist doch eine Triebfeder des Romans!« Da das nun jede Person weiß, die den Klappentext des Buchs gelesen hat, fällt de l’Horizon auch nichts mehr ein außer: Ja…

Kim de l’Horizon charmant und gewitzt

Göttinger Literaturherbst 2022

Vom 22. Oktober bis 6. November findet der 31. Göttinger Literaturherbst statt. Litlog ist wieder mit dabei und veröffentlicht jeden Tag einen Bericht zu den diversen Veranstaltungen des Programms. Hier findet ihr unsere Berichterstattung im Überblick.

Trotz all dieser Kritik muss man festhalten, dass der Abend viel glimpflicher ablief, als zu erwarten war. Angesichts der Konstellation von Autor:in und Moderator, die sicherlich kein Literaturhaus der Welt jemals zusammen auf eine Bühne gesetzt hätte, war – ehrlich gesagt – mit einer völligen Bruchlandung zu rechnen. Gemessen an diesen Erwartungen muss man anerkennen: Irgendwie gelingt die Veranstaltung, die beiden sind in ihrem herzlichen Umgang miteinander sicher bruchgelandet. Mit viel Witz und Charme lockert Kim de l’Horizon die Stimmung auf und sorgt für viele Lacher. Dabei ergibt sich eine unfreiwillige Dynamik zwischen de l’Horizon und Lohr, die manchmal wie ein Comedy-Duo wirken, das sein komödiantisches Potential gerade aus der Unwahrscheinlichkeit seiner Zusammensetzung schöpft. So sagt de l’Horizon zu Beginn, dass es schön sei, »hier« zu sein, woraufhin Lohr auf den gediegenen historischen Saal des Alten Rathauses abhebt – der nun wirklich überhaupt nicht zu de l’Horizon passt. Entsprechend unterbricht de l’Horizon: »Ne, ich meinte die Leute« – großes Gelächter im Saal.

Und auch wenn das Politische bei dieser Lesung nicht den Raum erhält, den es erhalten sollte, kann Kim de l’Horizon einige wichtige Anmerkungen zum Blutbuch anbringen: So gelingt ein kleiner Exkurs zum Geschlecht als sozial konstruierte und sozial erlernte Rolle, die man beispielsweise am Gang ablesen könne: »Wie würde ich mich bewegen, wenn ich auf einer Insel zwischen lauter Tieren aufgewachsen wäre?« Eingangs zitiert Lohr die Buchpreis-Jury, die sich ihrer Begründung nach von der »literarischen Innovationskraft« »provozieren und begeistern ließ«. Die Bitte um eine Stellungnahme dazu wehrt de l’Horizon zunächst ab, erklärt dann aber, dass es mit dem Buch nicht darum gehe, zu provozieren. Es gehe nicht um das Prahlen mit Sprachkunst, sondern die Sprache sei dem Gegenstand entsprechend gewachsen.

Starke Stimme

Damit reagiert de l’Horizon gekonnt auf die unglückliche Formulierung der Jury, die leider einen weit verbreiteten Fehlschluss wiederkäut: Natürlich gibt es aktivistische queer-feministische Aktionen, die auf Provokation angelegt sind, aber die allermeisten queeren und/oder nicht-binären Menschen legen es nicht auf Provokation an: Ihr So-Sein und vermeintliches Nicht-›Normal‹-Sein werden aber gesellschaftlich als Provokation empfunden, beispielsweise wenn um eine geschlechtsneutrale Anrede gebeten wird (an der übrigens auch Lohr scheitert) oder wenn queere Menschen queere Figuren schreiben. Dabei ist die Forderung so simpel: diesem So-Sein mit dem gebührenden Respekt zu begegnen. Mit Kim de l’Horizons Gewinn des Deutschen Buchpreises und mit dem Blutbuch erhält die Bewegung eine starke Stimme in Form eines Texts, den an diesem Abend im Alten Rathaus erfreulicherweise eine Menge Menschen mitnehmen, die mit diesem Themenkomplex in ihrem Alltag vermutlich nicht viele Berührungspunkte haben. Sie erwartet eine inhaltlich wichtige, sprachlich herausragende und immer politische Lektüre.

In den Kommentaren wurden wir darauf aufmerksam gemacht, dass unsere gendersensible Schreibweise nicht Kim de l’Horizons Umgang mit Pronomen entspricht. Wir haben den Text entsprechend angepasst.

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2 Kommentare

  1. says: lucie

    Dieser Artikel trifft es genau! Der Abend zeigt, dass Bücher wie die von de l’Horizon gebraucht werden! Danke für diese wunderbare Zusammenfassung der Veranstaltung. 🙂

  2. says: Lana

    Kim de l’Horizons Pronomen sind dey/dem oder keine Pronomen. Wenn du im Text von Respekt gegenüber nicht-binären Menschen schreibst, wäre es gut, den Text dahingehend zu ändern.

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