Trinken auf Schwesternschaft

Mit klirrenden Gläsern und einem munteren »Skål!« beginnt der alles andere als konventionelle Abend mit Andrea Sawatzki und Anneke Kim Sarnau im Deutschen Theater. Ein Abend über Alkohol, Frauen und die Literatur.

Von Sophie-Marie Ahnefeld

Bild: Dietrich Kühne

Was haben wir nicht alle diese Abende vermisst! Natürlich, das lässt sich über den gesamten Literaturherbst sagen. Aber dieser 31. Oktober im Deutschen Theater mit Andrea Sawatzki und Anneke Kim Sarnau ist doch ein besonderer. Vielleicht macht es das Thema: Frauen, Alkohol und Literatur. Da kriegt manch eine:r glänzende Augen. Aber es liegt noch mehr in der Luft. Das Lachen von Sarnau ist ausgelassen, Sawatzkis Lächeln besonders andächtig und das Publikum lacht und klatscht. Wenn man in einzelne Gesichter der Menge sieht, spiegeln sich darin eine lang ersehnte Heiterkeit, Zuversicht und ein klein wenig Nostalgie. Die rezitierten Gedichte und Geschichten befördern Erinnerungen an vergangene Abende zutage, an denen man selbst unbeschwert und beschwipst war – und das im Kreise von Freund:innen. Die Krimikommissarinnen und der Moderator Knut Elstermann erinnern uns daran, wie schön das sein kann.

Frauen, Alkohol und Literatur. Assoziativ verbindet man mit diesen Stichworten das Stereotyp eines mittelalten Mannes in einer verrauchten Kneipe, der bei einem Glas Whiskey von seinen Frauengeschichten prahlt und über eben diese Geschichten Bücher schreibt. Frauen und Alkohol. Die großen Inspirationen der großen Künstler. Aber in der Lesung im Deutschen Theater wird nicht über Frauen gesprochen. Stattdessen melden diese sich selbst zu Wort. Und auch über Alkohol wird nicht nur geredet: Das Publikum darf neidisch dabei zusehen, wie Sawatzki und Sarnau unter unbefangenem Lachen Champagner verköstigen. (Elstermann: »Wir haben noch eine andere Flasche!«)

Der Anfang von Glück oder vollkommener Identitätsverlust

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Literaturherbst 2021

Vom 23. Oktober bis 7. November fand der 30. Göttinger Literaturherbst statt. Als Nachklapp veröffentlicht Litlog in der Woche ab dem 8. November jeden Tag einen Bericht zu den diversen Veranstaltungen des Programms. Hier findet ihr unsere Berichterstattung im Überblick.

Und dann setzt Sawatzki die Brille mit dem dunklen Rand auf, spitzt die Lippen und beginnt zu lesen. Die Stimme hallt durch den ausverkauften Saal und ihre Worte dringen tief. Mal süffisant-ironisch, mal in bitterernstem Ton beleuchten die Texte die Ambivalenz von Alkohol. Nach einem Konzept von Rike Schmidt wird Autor:innen wie Dorothy Parker, Irmgard Keun und Elisabeth Raether eine Stimme gegeben: Trinken im Namen der Frauenrechte, Trinken als Ausgleich für ein unausgeglichenes Leben, Trinken als sozialer Klebstoff, aber auch als Ersatz eines fehlenden Gottes.

Ein Ersatz, der nichts schafft, der den Verstand trübt und für einen Moment die Illusion einer großen Schöpfung gibt. Trinken, um wie Jack London die kosmische Traurigkeit zu spüren. Als Anfang des Glücks oder des vollkommenen Identitätsverlustes. Während Elstermann Sawatzki und Sarnau Champagner nachschenkt, ist natürlich auch Zeit für persönliche Anekdoten.

Sawatzki berichtet davon, dass sie ihren Coronafrust für ihr Trinkverhalten der letzten Monate verantwortlich machte – was spätestens mit den Lockerungen des Sommers zum Problem wurde. »Dann haben wir gesagt, dass es jetzt aufhören muss und dann habe ich gesagt, dass es schwer ist, damit aufzuhören, weil ich nur Menschen kenne, die trinken.« Im Anschluss fragt Elstermann Sarnau: »Wie ist es denn bei dir mit den Trinkgewohnheiten? Wenn man kleine Kinder hat, dann langt man vielleicht mal richtig zu, wenn die dann mal schlafen?« Sarnau antwortet: »Wenn die mal endlich schlafen. Ich würde sagen, ich schlafe vorher. Ich habe tatsächlich angefangen, abends eine Zigarette zu rauchen. So Helmut-Schmidt-mäßig. Menthol.« Ihr Lachen schallt durch den Raum, das Publikum stimmt mit ein. Es ist diese Leichtigkeit, nach der sich viele von uns während der vergangenen eineinhalb Jahre gesehnt haben.

Und wie es eben an Abenden wie diesen so ist, wird es mit jedem Nachschenken lustiger und bunter. Besonders Sarnaus Verkörperung von Joachim Meyerhoffs Großeltern in Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke begeistert das Publikum. Einmal verspricht sich Sarnau und schiebt daraufhin demonstrativ das Sektglas weit von sich. Auch darüber lacht das Publikum. Vielleicht wäre irgendwann am Abend noch der ein oder andere kritische Satz bezüglich der Problematik von Alkoholismus oder ein Verweis an Beratungsstellen angebracht gewesen. Andererseits lebt die Veranstaltung eben gerade von der literarischen Verarbeitung des Themas und Texte wie Guten Morgen, Mitternacht von Jean Rhys bringen die Tragik von übermäßigem Alkoholkonsum schonungslos zur Sprache. Und so geht ein glühender Abend zu Ende, der für manche vielleicht erst der Anfang der Nacht ist. Und wenn man dann später an der Bar steht und sich noch ein Glas bestellt, dann erinnert man sich vielleicht an das zuletzt zitierte Gedicht von Dorothy Parker: 

I like to have a martini,

Two at the very most.

After three I’m under the table,

After four I’m under my host.

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