Tropenfieber

Ein Roman als Poetikvorlesung. Nichts anderes ist Die Holländerinnen von Dorothee Elmiger. Eine namenlos bleibende Autorin tritt ans Pult und beginnt, von ihrer Schreibkrise zu sprechen. Klingt nicht gerade vielversprechend, würde man meinen.

Von Jakob Malzahn

Bild: Via Rijksmuseum, CC0

Wer einmal eine Poetikvorlesung besucht hat, kennt möglicherweise die Problematik dieses Formates: Die literarischen Texte der vortragenden Autor:innen sind in der Regel interessanter als ihre selbstreflexiven Ausführungen. In Die Holländerinnen gerät die Poetikvorlesung jedoch zu einem literarischen Abenteuer, das Realität und Fiktion auf meisterhafte Weise miteinander kombiniert. Zurecht wurde dieser Roman mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet.

Skurriles Rechercheprojekt

Als die fiktive Autorin in einem aussichtslosen Schreibprojekt über die »Geschichte des Auges« feststeckt, erreicht sie auf der Autobahn der Anruf eines bekannten Theatermachers. Dieser plant ein großangelegtes Rechercheprojekt in den lateinamerikanischen Tropen und fragt die Autorin, ob sie die Erkundungsreise als Protokollantin begleiten will. Obwohl sie dem Theatermacher aufgrund der schlechten Verbindung und seiner weitschweifigen Ausführungen kaum folgen kann, willigt sie kurzentschlossen ein.

Wenige Wochen später reist sie in den Regenwald Lateinamerikas. Hier soll das reale, noch immer nicht aufgeklärte Verschwinden zweier niederländischer Frauen – Näheres dazu findet man im Netz – von einem Team aus Theaterleuten nachvollzogen werden. Dazu wird mit Ortsansässigen gesprochen und später sogar mit mangelnder Ausrüstung durch den Regenwald gewandert, begleitet von einem Mädchenchor aus der niederländischen Stadt Leiden. Die Erzählerin beschreibt diesen »Gewaltmarsch« auf elektrisierende, bisweilen ins mystisch-religiöse kippende Weise:

»Langsam hätten sie sich vom Fluss entfernt, seien wieder aufwärtsgestiegen, heraus aus dem Tal, und es müsse zu diesem Zeitpunkt gewesen sein, dass jemand die völlig durchnässten, müden Mädchen aus Leiden aufgefordert habe, ein Lied zu singen. Tatsächlich habe eines der Mädchen, das weit vor ihr gegangen sei, dann zu singen begonnen, und die anderen hätten nach und nach eingestimmt, ihre klaren Stimmen hätten einander gesucht und sich verbunden, wie Strahlenbüschel hätten sie das Dunkel durchdrungen, und es seien ihr die Haare zu Berge gestanden, als sie endlich verstanden habe, dass es sich um den berühmten Hirtenpsalm gehandelt habe: ›Gott ist mein Hirt, mir wird nichts mangeln. Er lagert mich auf grüne Weide, er leitet mich an stillen Bächen.‹ Ein heftiges Husten in den vorderen Reihen. ›Und wall‘ ich auch im Todesschattentale, so wall‘ ich ohne Furcht, denn du beschützest mich.‹ Noch heute, sagt sie, höre sie die Stimmen wie helle Glocken mitten im höllischen Nichts des Waldes.«

Unheilvolle Grundatmosphäre

Diese Grundkonstellation mag Potenzial für einen Abenteuerroman oder Thriller bieten, aber so viel sei vorweggenommen: Kaum etwas passiert während des absonderlichen Trips in die Tropen. Der Haupthandlungsstrang des Romans verliert sich buchstäblich in den undurchdringlichen Tiefen des Regenwaldes und endet mit der überstürzten Abreise der Autorin. Durch die unheimlichen, schockierenden und stellenweise auch grotesken Binnenerzählungen wird jedoch selbst der handlungsarme Hauptstrang mit Spannung gelesen. Stets erzählen Figuren aus dem Team oder Ortsansässige von Episoden aus ihrem Leben, die geheimnisvoll sind und deren Reiz sich noch dadurch verstärkt, dass sie jeweils Pointen zu haben scheinen, die sich kaum greifen lassen. Man vergisst diese Binnenerzählungen nicht so schnell. Sie sind Meisterstücke, die sich auch separat als Kurzprosa veröffentlichen ließen.

So handeln sie beispielsweise von einer Studentin, die während ihres Ferienjobs auf einem Bauernhof mit massenhaften Ziegen-Fehlgeburten konfrontiert wird; von einem nächtlichen Aufenthalt in verwahrlosten Gegenden New Yorks; von einem Kameramann, der während der Dreharbeiten zu einer TV-Produktion über die Zähmung von Mustangs die Kontrolle über sein Begehren verliert oder von einem kaputten Kühlschrank, der zu einer existenziellen Krise für ein New Yorker Ehepaar wird. Zudem wird der Werdegang einer weiteren fiktiven Autorin namens Marilyn Trapenard mitsamt Werkbiografie derart überzeugend dargestellt, dass man sich erst durch eine kurze Internetrecherche versichern muss, ob diese Autorin nicht doch existiert.

Dorothee Elmiger:
Die Holländerinnnen
Hanser: 2025
160 Seiten, 23€

Automatisch werden diese Binnenerzählungen von den Leser:innen auf den Hauptstrang übertragen, sodass eine insgesamt unheilvolle Grundatmosphäre entsteht. Dieser Zusammenhang lässt sich jedoch nicht anhand der Handlung rekonstruieren. Er wird durch Themen und Motive wie geschlechtsspezifische Gewalt, Kontrollverlust, kosmische Erfahrungen, Vegetation und Körperlichkeit hergestellt. Die Leser:innen müssen keine komplexe Handlung rekonstruieren, dafür aber umso aufmerksamer die motivischen Verflechtungen nachvollziehen. Zudem entwickelt Elmiger ein dichtes intertextuelles Netz, an dem sich Literaturwissenschaftler:innen nun ausleben dürfen. Überdies nimmt der Roman Elemente des Abenteuerromans, der psychologischen Novelle, der Dokumentation und Reportage auf – ohne dass er sich einem dieser Genres eindeutig zuordnen lässt. Ob es sich überhaupt um die Gattung Roman handelt, ist fragwürdig: Man könnte dieses kurze Buch auch als Novelle bezeichnen, bei der sich die »unerhörte Begebenheit« (Goethes Novellendefinition) zwischen den Zeilen abzuspielen scheint.

Falsche Fährten und ernste Themen

Fest steht aber, dass diese fiktive Autorin trotz ihrer anfangs erwähnten Schreibkrise außerordentlich erzählen kann. Man wünscht sich eine solche Poetikvorlesung! Der Vortrag der fiktiven Autorin wird durchgehend im Konjunktiv wiedergegeben. Von dieser eigenwilligen sprachlichen Gestalt sollte man sich nicht abschrecken lassen, denn die melodischen, weitverzweigten Sätze tragen wunderbar durch den Roman, sofern man sich darauf einlässt. Zugleich verstärkt die obsessive Nutzung des Konjunktivs den Effekt des Unheimlichen und weist nebenbei auf ein weiteres Thema des Textes hin: Die Bedingungen und Möglichkeiten des Erzählens.

Die Holländerinnen ist nicht herzerwärmend, animiert nicht zum Handeln und vermittelt keine klare Botschaft. Weder auf Aktionismus noch auf Einfühlung setzt Elmiger. Der Roman schockiert, beängstigt und erschüttert. Und gerade dies macht ihn zu einem würdigen Preisträger. Elmiger gelingt etwas, das gegenwärtig rar geworden ist: Ein Erzählen, das auf die Potenziale der Fiktion setzt und dennoch gesellschaftlich hochrelevante Themen wie geschlechtsspezifische Gewalt und Kolonialismus zur Sprache bringt. Nach zeitweiligen Druckproblemen ist der Roman nun wieder überall erhältlich. Es bleibt zu hoffen, dass er noch viele unerschrockene und neugierige Abnehmer:innen findet.

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