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Freunde oder nicht?

Welchen Weg will ich gehen und wie stelle ich mir eine Beziehung vor? In Sally Rooneys Roman Gespräche mit Freunden begeben sich vier Figuren in ein kompliziertes Beziehungsgeflecht, das sich nicht so einfach wieder lösen lässt.

Von Regina Seibel

Wie sieht eine Liebesbeziehung im 21. Jahrhundert aus? Sally Rooneys Debüt Gespräche mit Freunden liefert keine genaue Antwort darauf. Es zeigt aber sehr wohl, dass es unterschiedliche Arten von Liebesbeziehungen geben kann. Ein Patentrezept gibt es nicht, dafür kann aber eine Beziehung immer wieder neu erfunden werden.

Sally Rooney verpackt in ihrem Roman die Geschichte um ein kompliziertes Beziehungsgeflecht, das sich ständig weiterentwickelt und wendet. Im Mittelpunkt steht Frances, eine 21-jährige Studentin, die Gedichte schreibt und diese mit ihrer besten Freundin Bobbi auf Spoken-Word-Events aufführt. Zwischen den beiden ist jedoch weitaus mehr als eine enge Freundschaft. Über ein Jahr lang waren sie ein Paar, und auch nach der Trennung bleibt Bobbi die wichtigste Bezugsperson für Frances.

Nach der Schule lagen wir normalerweise in ihrem Zimmer und hörten Musik und redeten darüber, warum wir uns mochten. Es waren lange und intensive Gespräche […]. Wenn Bobbi über mich sprach, kam es mir so vor, als würde ich mich zum ersten Mal im Spiegel sehen.

Bei einem ihrer gemeinsamen Bühnenauftritte treffen Frances und Bobbi auf die 15 Jahre ältere Melissa, selbst Autorin und Journalistin, die ein Porträt über die Freundinnen schreiben möchte. Sie treffen sich regelmäßig und unterhalten sich, Melissas Ehemann Nick ist auch oft dabei. Er ist Schauspieler in Theater und Film.

Die Beziehungen zwischen Frances, Bobbi, Melissa und Nick wechseln zwischen Bewunderung, Liebe, Eifersucht und Hass, nicht selten widersprechen die Gefühle einander. Einfache Freunde, wie es im Titel steht, sind sie jedenfalls nicht. Während Bobbi zunächst großes Interesse für Melissa zeigt, kommen sich Frances und Nick immer näher. Doch diese Konstellation wird nicht so bleiben.

»Ich war nicht, wer ich vorgab zu sein«

Beim Lesen des Romans sollte nicht vergessen werden, dass all die Verwicklungen aus der Sicht von Frances, also aus nur einer Perspektive, geschildert werden. Was Bobbi, Melissa und Nick fühlen, was sie für Charaktere sind, lässt sich nur mutmaßen: einerseits anhand der Informationen, die Frances über sie preisgibt, und andererseits anhand des Verhaltens der Vier untereinander. Dass dieses Bild jedoch äußerst trügerisch sein kann, beweist Frances selbst. Während sie ihr Innenleben durch ihre Gedanken offenbart und Gefühle wie Bewunderung, Verliebtheit und Eifersucht artikuliert, bleibt ihr Verhalten den anderen gegenüber kühl. Sogar

Buch-Info


Sally Rooney
Gespräche mit Freunden
Luchterhand: München 2019
384 Seiten, 20,00 €

 
 
ihre beste Freundin Bobbi kann ihre Wut darüber eines Tages nicht mehr zurückhalten, dass Frances ihre Gefühle nicht zeigen kann. Frances kämpft mit sich selbst, weiß häufig nicht, was sie will und wer sie ist. Gegen ihre Überforderung versucht sie vorzugehen, indem sie sich selbst verletzt. So glaubt sie, die Kontrolle über sich selbst behalten zu können.

Besonders kühl verhält sich Frances Nick gegenüber, auch wenn sie sich schon früh ihre Gefühle für ihn eingesteht. Sie ist geradezu fasziniert von seiner Schönheit, so wie sie es auch von Bobbis ist. Ihre Zuneigung kann sie Nick jedoch nicht offen zeigen, zu sehr fürchtet sie, dass er diese womöglich nicht erwidert. An dieser Stelle versagt auch die Kommunikation zwischen den Figuren: Es finden auffallend wenig Gespräche über die eigenen Gefühle statt. Vor allem die Unsicherheiten darüber, wie Frances und Nick zueinander stehen und was sie vom jeweils anderen erwarten, erschweren das Verhältnis zwischen den beiden; weniger stört hingegen die Tatsache, dass er verheiratet ist. Doch auch das birgt natürlich Probleme. Nick wirft Frances vor:

Aber ich denke, wenn du ehrlich zu dir selbst bist, dann bist du im Grunde froh, dass ich verheiratet bin, weil es bedeutet, dass du dich sonst wie aufführen kannst, und ich bekomme für alles die Schuld zugeschoben.

Welche Regeln gelten in solchen unkonventionellen Beziehungen? Die Protagonist*innen wissen keine Antwort darauf und müssen den richtigen Umgang miteinander erst lernen. Problematische Aspekte in Bezug auf Frances sind Kontrolle und Macht. Unentwegt versucht sie, die Macht über sich und andere zu behalten. Es dauert seine Zeit bis sie erkennt, dass es nicht möglich ist, alles zu kontrollieren, insbesondere Gefühle nicht.

»Man kann jemanden lieben und trotzdem Affären haben«

Die zahlreichen Gespräche, die zwischen den Figuren stattfinden, führen selten zu einer Einigung. Diskutiert werden kontroverse Gegenstände wie Religion, Politik, Depression, Sexualität und Liebe. All dies nimmt im Roman allgemein eine große Rolle ein. So komplex die Themen und das Geschehen im Roman sind, so einfach ist der sprachliche Stil gehalten. Viele der Gespräche finden nicht im realen Leben (der fiktionalen Welt) statt, sondern per Chat, Mail oder Telefon, und sind dadurch auf kurze, ungeschmückte Sätze reduziert. Dadurch können sie schnell fehlgedeutet werden. Die einfache Sprache ermöglicht es nicht, hinter die Fassade der Figuren zu blicken, sie erfasst auch unmöglich das ganze, durchaus dynamische, Geschehen. Die Handlung ist zu vielschichtig, als dass sie sich durch die Perspektive einer Figur erklären lassen könnte. Auffällig ist auch, dass die direkte Rede nie durch Anführungsstriche gekennzeichnet ist. Somit ist auch diese nicht mehr als ein Gedanke. Sie kann niemanden charakterisieren; möglicherweise zeigt sie bloß, wie eine Figur versucht zu sein.

Die Probleme, die Rooney im Roman behandelt sind aktuell und werden zahlreich diskutiert, auch die Figuren vertreten unterschiedliche Meinungen. So erntet Bobbi von gleichaltrigen Freunden nur Unverständnis für ihre Ansicht, dass Monogamie nicht natürlich sei. Sie meint: »Man kann jemanden lieben und trotzdem Affären haben«. Ein großer Streit entfacht. Frances hingegen hält sich heraus. Sie glaubt, dass sie zu dieser Frage nichts zu sagen habe.

Möglicherweise ist genau das ein Problem. Rooney zeigt, wie es ist, wenn Menschen keinen eigenen Standpunkt vertreten und sich nicht entscheiden können, wer sie eigentlich sein wollen. Einigen Leser*innen sollte es nicht schwerfallen, sich in dieser Situation selbst zu erkennen, immerhin werden die jungen Erwachsenen heutzutage schon mal als »Generation der Jeinsager« betitelt. Dies lässt sich zwar nicht verallgemeinern, so stellt Bobbi beispielsweise einen Charakter dar, der eine eigene Meinung hat und sie bedingungslos vertritt. Trotzdem kann es Menschen, die sich selbst im Wege stehen, nicht schaden, Gespräche mit Freunden als Anlass zu nehmen, mehr Entscheidungsfreude zu wagen, eigene Wege zu gehen und sein eigenes Glück zu finden. Es findet sich nicht immer dort, wo andere es finden.



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 Veröffentlicht am 28. Mai 2020
 Kategorie: Belletristik
 via pxhere, CC0
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