Zwischen Schuld und Anerkennung

Schuld, Familiendrama und Geheimnisse – in Norbert Gstreins Roman Der zweite Jakob kommt die pikante Vergangenheit eines erfolgreichen Schauspielers ans Licht. Dabei gelingt dem Autor eine glaubwürdige Charakterzeichnung.

Von Carlotta Behnes

Bild: Via Pixabay, CC0

Was ist das Schlimmste, was du je getan hast?

Mit dieser Frage wird Jakob von seiner Tochter konfrontiert. Sie trifft bei dem erfolgreichen Schauspieler damit direkt ins Schwarze und es wird deutlich, dass sein Leben nicht so unschuldig ist, wie es bisher schien. Er gibt ihr einen Einblick in seine dunkelsten Erinnerungen und verändert damit die gesamte Beziehung zwischen ihnen.

Norbert Gstrein ist mit seinem faszinierenden Roman Der zweite Jakob für zahlreiche Buchpreise nominiert worden. Er handelt von dem Schauspieler Jakob, über den kurz vor seinem gefürchteten 60. Geburtstag ein Journalist eine Biografie schreiben möchte, was Jakob gar nicht gelegen kommt. In der Retrospektive wird von seinem vergangenen Leben erzählt – insbesondere von einem Filmdreh in Grenzbereich. Die Zeit dort ist geprägt von Gewalt und Drogengeschäften.

Durch die Ich-Perspektive ermöglicht Gstrein Nähe zum Protagonisten Jakob. Die Wiedergabe seiner Gedankengänge führt dazu, dass die Lesenden sich gut in ihn hineinversetzen und seine Perspektive nachvollziehen können. Er sehnt sich nach dem Glück und fragt sich, ob die Schuld, die er im Laufe der Jahre auf sich geladen hat, ihn durch das Erzählen einholen kann. Bisher hat Jakob sie verdrängt. Doch als er nach seinen Lasten gefragt wird, kommen beim Erzählen die Erinnerungen zurück.

Wer bist du wirklich?

Beim Lesen kommt die Frage auf, wie Jakobs Charakterzüge tatsächlich sind – nicht nur vor seiner Tochter scheint er Geheimnisse zu haben und viel um sich selbst zu kreisen. Dadurch wirkt sein wahres Wesen mysteriös und die Lesenden möchten herausfinden, wie Jakob wirklich ist. Denn seine überhebliche Selbsteinschätzung kann in die Irre führen. Einerseits stellt er sich selbst als maßgeblich bedeutend dar, jedoch hat er auf der anderen Seite viele dunkle Seiten, denen er sich selbst bisher nicht gestellt hat. Somit kann er nicht so fehlerfrei sein, wie er sich selbst einschätzt.

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Norbert Gstrein
Der zweite Jakob

Hanser: München 2021
448 Seiten, 25,00€

Der Roman ist von verschachtelten Sätzen durchzogen. Zunächst schränkt dies den Lesefluss ein, jedoch unterstreicht es den Charakter der Figur, der nicht auf den ersten Blick einschätzbar ist. Es entsteht der Eindruck, als könne der professionelle Schauspieler sich auch im wahren Leben gut verstellen. Doch wie ist er ohne seine Maske?

Vergangenes kann nicht rückgängig gemacht werden

Eine wichtige Rolle in Jakobs Leben spielt seine Tochter Luzie, die sich mit dem Leben schwertut. Dennoch offenbart Jakob ihr sein größtes Geheimnis: Er trägt Mitschuld an einem tödlichen Autounfall. Als seine Tochter sich nach dieser Offenbarung zunächst von ihm abwendet, plagen Jakob die Schuldgefühle mehr als zuvor. Die Beziehung zwischen den beiden war schon immer schwierig und wird nun noch komplizierter. Doch die Liebe zu ihr lässt ihn nicht aufgeben.

Auch durch die Fragen des Journalisten Elmar wird Jakob klar, dass er seine Schuld nicht durch Erzählungen vermindern kann. Jakob kann seine Fehler nicht länger durch verzerrte Geschichten ausblenden oder sie schönreden, um sich selbst besser darzustellen. Ausgewichen ist er ihr zu lange, jetzt muss er sich seiner Schuld stellen.

Zwischen Kunst und Realität

Seine Tochter versucht ihn zu trösten, indem sie Jakob von einer Statue von ihm erzählt, die in der Stadt aufgebaut wird, um ihn zu ehren. Doch statt des erhofften Trosts fragt Jakob sich:

War ich eine ebenso tragische wie lächerliche Figur, bei der sich am Ende Kunst und Leben nicht mehr unterscheiden ließen?

Durch die teils sehr detaillierte Darstellung der Zeit beim Filmdreh liegt der Fokus der Erzählung auf Jakobs Vergangenheit. Jakob lebt in dieser Vergangenheit, er denkt ständig an sie und es fällt es ihm schwer, sich von ihr zu lösen.

Wie der Titel bereits vermuten lässt, gibt es einen zweiten Jakob, den seltsamen Onkel des Protagonisten. Leider wird dieser von Gstrein nur am Rande eingeführt, sodass die Lesenden nicht viel über ihn erfahren – lediglich, dass der »erste« Jakob kein gutes Bild von seinem Onkel hat und fürchtet, seine Tochter könne wie er werden. Eine Schwäche des Romans ist die Überbesetzung mit Nebenfiguren. Die Funktion dieser ist nicht offensichtlich, wie etwa im Fall von Jakobs ehemaliger Geliebter Maja, die für die Geschichte nicht weiter relevant ist. Jakobs Probleme und Verzweiflung wären auch ohne die Einführung weiterer Figuren erkennbar und könnten so noch tiefer erkundet werden.

Gstreins Meisterwerk ist trotzdem nicht unbegründet für den Buchpreis nominiert worden. Er überrascht mit vielen unerwarteten sowie emotionalen Szenen. Sein facettenreicher Roman verdeutlicht, wie sehr bestimmte Situationen im Leben einen Menschen selbst nach Jahren noch prägen können. Es regt die Lesenden zum kritischen Überdenken des eigenen Lebens, besonders im Hinblick auf die eigene Schuld, an. So ist Der zweite Jakob ein gelungener Roman über Schuld, verstrickte Beziehungen sowie die Tiefen der Menschheit.

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