Impressum Disclaimer Über Litlog Links
Helden ohne Perspektive

Nein: keine Capes, keine Kostüme. Nicht Waffen oder Kämpfe gegen Superschurken bestimmen diesen Roman. Eher – jetzt kommt’s –: der Kampf mit sich selbst. Und was ist mit Superkräften? Ja, die gibt’s. Aber so wirklich super findet die niemand, der sie besitzt. Warum eigentlich nicht? Und was soll das alles? Die wichtigere Frage ist aber natürlich: Will ich das lesen?

Von Felix Keutel

Zugegeben, ich kenne mich mit Superhelden nicht so gut aus. Da gibt es den Fledermaus-Mann und den Spinnen-Mann, und manchmal sind die, glaube ich, auch traurig und deep – also, so zwischendurch, wenn sie nicht gerade Schurken verprügeln. Das weiß ich zumindest. Ich weiß auch, wie Superhelden nicht aussehen: wie perspektivlose Frauen in ihren Dreißigern zum Beispiel. Das sind aber nun gerade die titelgebenden Superheldinnen, die uns Barbi Marković präsentiert. Eine bewusste Provokation, nehme ich an. Glückt das? Gucken wir uns zunächst die Handlung an:

Was zuletzt geschah…

Der Roman erzählt einen entscheidenden Tag im Leben der Superheldinnen. Denn an jenem Tag werden sie es schaffen, das alte Dasein hinter sich zu lassen, und schließlich ihr – so wird es gleich am Anfang verkündet – »neoliberales Roboterselftrackerastronautenhappyend« bekommen. Das klingt schon einmal ganz furchtbar betont ulkig, aber mal sehen.

Die drei Hauptfiguren treffen sich, wie an jedem Samstag, in einem Café, um zu besprechen, wie sie ihre Kräfte zur Hilfe von ein paar Unglücklichen einsetzen können. Aber Oide, die Erzählerin, hat diesmal andere Pläne: Heute soll alles für sie anders werden. Sie kann ihr bisheriges Leben nicht mehr ertragen: die schlechten Jobs, die Depressionen, die ewige Nabelschau, das Erbe der Magie, das wie ein Fluch über ihr schwebt (dazu später mehr). Ihren Mitstreiterinnen geht es auch nicht viel anders.

Buch


Barbi Marković
Superheldinnen
Residenz Verlag 2016
192 Seiten, 18,90€



Die beiden anderen sind Mascha, die noch am stabilsten ist und die größten Kräfte besitzt, und dann ist da noch die mit ihren Kräften unerfahrene Direktorka. Sie sind wie Oide in ihren Dreißigern und haben mit Problemen zu kämpfen. In Rückblenden wird das alles erklärt. Sie alle sind aus Südosteuropa nach Wien gezogen, um ein neues Leben anzufangen, jede mit einem anderen Hintergrund; sie leiden unter Geldsorgen und mangelnder Perspektive im Leben. Ihr größtes Ziel ist es daher, die Mittelschicht zu erreichen. Das sind also die besagten Superheldinnen. Aber halt. Da war doch was? Richtig: die Superkräfte. Was sind das nun für welche? Denn wohl das einzige, was die drei Damen ihren Titel zu Recht tragen lassen könnte
(– könnte –), sind ihre übernatürlichen Kräfte.

With Great Power Comes Great… Despair?

Denkt man an Superhelden, kommt vielleicht das alte zum Klischee gewordene Zitat in den Sinn: »Mit großer Macht kommt große Verantwortung.« Anscheinend kenne ich mich doch aus. Darauf referiert jedenfalls Oide, wenn sie sagt:

Aber die Macht ging mit einer erdrückenden Verantwortung einher. Jemand anderer hätte an unserer Stelle versucht, die Welt zu verändern. Jemand, den die Resignation nicht schon in früher Jugend erfasst und von Kopf bis Fuß wie ein Ausschlag bedeckt hätte.

So trostlos ist bestimmt nicht mal der düstere Fledermaus-Mann.

Was also sind das für Superkräfte? Wo andere Superhelden noch alle Probleme der Welt mit Gewalt lösen, finden hier magische »Interventionen« statt. Mit vereinten Kräften, die sie aus der Energie der Leserschaft ihrer unbedeutenden Zeitungskolumne kanalisieren (wirklich), können sie das Schicksal einer Person verändern: Der »Blitz« fügt einen positiven Schicksalsschlag zu, die »Auslöschung« radiert den Betreffenden aus seinem bisherigen Leben aus und gibt ihm ein vollkommen neues, ohne dass es jemand merkt. So weit, so merkwürdig.

Das wirkt so speziell, als wollte Marković damit etwas sagen. In Rückblenden erfahren wir den Ursprung der Superkräfte. Sie sind das harte Erbe zauberkundiger, exzentrischer Großmütter aus der alten Heimat. Die Großmutter von Oide etwa soll mit ihren Kräften das ganze Wirtschaftssystem von Serbien lahmgelegt haben. Das wäre als alternativer serbischer Mythos ganz unterhaltsam gewesen, wird aber leider kaum ausgeführt. Das magische Erbe erscheint so nicht nur persönlich, sondern auch kulturell und politisch. Aber das Politische wird gerade vermieden: Die Superheldinnen sind keine Big Player, sie agieren ausschließlich im Kleinen. Die Superkräfte sind das auferlegte Schicksal der drei Hauptfiguren. Vielleicht musste das ja einfach rein, weil Superhelden. Aber wie fügt sich das in einen Text ein, der gleichzeitig auch versucht, möglichst zeitgenössisch zu sein? Denn neben solchen Sprüngen in die Vergangenheit bekommt der Leser auch, einfach mal so, von der Handlung abgetrennte Einblicke ins Großstadtleben.

Hier könnte Ihre Werbung stehen!

Barbi Marković hat als Stadtschreiberin von Graz gearbeitet (veröffentlicht als Graz Alexanderplatz 2012) und ja: Das merkt man. Vier Städte werden uns beschrieben, oder eher – montiert: Wien, Berlin, Sarajevo und Belgrad. Weil das ganze so zeitgenössisch ist, kriegt jede Stadt ihre Raute (#) vor den Namen. Ja, Raute. Und dann geht’s also los: Werbung wird abgetippt, Graffiti, Hinweisschilder, alle möglichen Stimmen der Stadt halt, um so die Stimmung der Zeit einzufangen. Das kann tatsächlich amüsant sein:

Der Käufer erwarb durch den Kauf von Goldschmuck beim Juwelier Majdanpek ein dauerhaftes Produkt von höchster Qualität, aber das war noch nicht alles. Durch den Kauf legte er sein Geld an und steigerte real dessen Wert. Die Tatsachen waren unbestritten. Der Goldwert war schon seit Jahren auf der ganzen Welt im Steigen, und dieser Trend war auch für die kommenden Jahre zu erwarten. Die Belgrader kauften mit Geschmack, sie kauften klug und sicher, der Juwelier Majdanpek war ihr Freund.

Mit solchen Paraphrasen entzaubert Marković sehr schön das Werbeland. Im lakonischen Ton und ohne die obligatorischen Ausrufezeichen der Versprechungen, ohne die knallenden Farben, riesigen Schriften und Bilder sieht man hier, ganz nüchtern dargestellt, bloßgestellt: die pure Lächerlichkeit dieser Heilsbotschaften. Denn Werbung funktioniert nur unbewusst – bewusst gemacht, wird sie zur Lachnummer.

Ergänzt werden diese Bilder der Großstadt aber auch durch Aussagen wie folgende, bei denen Komik und Tragik nahe beieinander liegen. Die Erzählerin berichtet über einen Aufenthalt in Berlin:

Weißt du, was auf dem Haus gegenüber dem Platz früher geschrieben stand? Ein Zitat aus ‘Berlin, Alexanderplatz’. ‘Wiedersehen auf dem Alex, Hundekälte. Nächstes Jahr 1929, wird’s noch kälter’ stand früher dort. Und weißt du, was damals, als ich dort war, da stand, in der Hundekälte von Berlin? Da stand: ‘Wer möchte nicht ein Büro sein, bei einer derart erstklassigen Aussicht!’

Unschwer ist an diesen Bildern zu erkennen, dass der Roman den Anspruch erhebt, die heutige Zeit darzustellen. Da sollte man sich ansehen, inwiefern das insgesamt gelingt.

Karriere, Gesundheit, Lifestyle, Liebe

Bei Zeitromanen besteht die Gefahr, dass Darstellungen von Tendenzen der Gegenwart schnell eher plump wirken und zu banalsten Reflexionen dienen. Oftmals ist das dann in schlechteste Rollenprosa gekleidet. Bei Marković hält sich das in Grenzen. Zivilisationskrankheiten, Self-Tracking, Facebook, Gesunde Ernährung™ usw. finden Erwähnung. Es gibt aber diesen furchtbaren erhobenen Zeigefinger nicht, der Leser darf auch selbst denken und muss sich keine Litaneien anhören. Dafür sorgt auch eine gute Portion Ironie.

Aber ich gestehe: Es interessiert mich nicht, was eine Figur über soziale Netzwerke denkt. Ich möchte keine Lageberichte. Das Problem des Zeitromans ist seine beschränkte Sicht. Alle wollen unsere Zeit erklären, aber die Erkenntnisse sind schlichtweg common sense. Dass Facebook schlecht ist, weiß jeder – zumindest jeder, der so ein Buch auch liest. Und auch im Benz ist man manchmal traurig. Weiß jeder. Klar muss Kunst keine neuen Erkenntnisse liefern. Man ruft auch nicht am Ende von Romeo und Julia »Wusst‘ ich schon!« in den Saal. Aber man will das ganze doch in eine Erfahrung gebettet sehen und nicht in einem bloßen Kommentar-Gegenkommentar-Gerede. Wo die Phrase »Unsere Generation…« auftaucht, da läuten bei mir die Alarmglocken. Das kommt zum Glück nicht oft vor in dem Roman, aber man kann es ständig riechen, etwa bei Aussagen wie: »Die Menschen waren gezwungen, unablässig auf dem Laufband der Gesellschaft dahinzutraben, sie hatten keine Zeit, sich umzudrehen und die Früchte ihrer Arbeit zu betrachten.« Das könnte man in jedem Roman sagen. Aber warum genau in diesem? Show, don’t tell ist nicht umsonst ein bewährtes Konzept. Die Dinge nur zu beschreiben ist einfach. Doch was einem diese Dinge sagen sollen, das auch zu erzählen: Das ist die Kunst. Denn gerade dafür liest man ja einen Roman und nicht etwa einen Essay. Oder einen Blogpost. – Aber Moment mal. Was hat das mit Superkräften zu tun?

Heizung ↑ Klimaanlage

Ich muss sagen: Das geht alles einfach nicht zusammen. Das Buch versucht zu viel zu sein: Großstadt-, Zeit-, Generations-, Immigranten- und Pop-Roman. Dazu der Superheldenstoff, wo es eigentlich um die Depression der Gegenwart geht. In weniger als 200 Seiten ist das nicht möglich – das Korsett ist einfach zu eng. In seinem (wenn auch oft ironischen) Pessimismus will das Buch doch ein bisschen zu bunt sein.

Dabei wird viel erklärt und gezeigt: wie die Kräfte funktionieren, welche Vergangenheit die Protagonisten haben, die Stimmung in den Hauptstädten, die Depressionen der Erzählerin. Aber dann wird das alles hinter sich gelassen und das neue Leben beginnt. Das Buch hört auf, wo es eigentlich richtig hätte anfangen können. In Aktion sieht man dabei so gut wie nichts. Es gibt genau einen Schurken. In der Vergangenheit. Und die Superkräfte werden ein paar Mal eingesetzt. Nur einmal effektvoll. Für so viel Aufbau erwartet man dann einfach mehr. Vielleicht hätten ein paar abgetippte Burger-King-Menus weniger nicht geschadet und dafür ein bisschen mehr Handlung in der Gegenwart. Aber es ist wohl so, wie es im Buch selbst steht:

Mascha sagte, sie hätte auf dem Weg zum WC gehört, dass das Sette Fontane zwar eine Klimaanlage hatte, es aber nicht möglich war, gleichzeitig die Klimaanlage und die Heizung einzuschalten. ›Genau so ist es im Leben, dachte ich‹

Denk ich auch. Man kann eben nicht alles haben.

Also, was nun? Gut oder schlecht? Ich muss sagen, ich habe diese Versuchsanordnung nicht verstanden: Superheldinnen mit schicksalsverändernden Kräften, die eine Vergangenheit in Südosteuropa haben, wo sie von exzentrischen Großmüttern ihre Zauberkräfte gelernt haben; dazu zeitgenössische Bilder aus vier Hauptstädten und Depressionen. Vielleicht ist es ja l’art pour l’art. Ich hab es jedenfalls nicht kapiert. Ich habe aber sonst selten geflucht und ein paar Mal gelacht, weil vieles so absurd erscheint. Es ist ein merkwürdiges Buch. Das will es aber auch ein bisschen zu sehr sein. Ich glaube, es hätte mehr sein können – wenn es versucht hätte, weniger zu sein. Aber das gilt nicht: Mehr bekommen wir nicht. Das was da ist, müssen wir auch so nehmen. Und kann man es also nehmen? Ja, man kann es nehmen. Nicht zu ernst, bitte. Aber doch in die Hand, zum Lesen.



Metaebene
 Autor:
 Veröffentlicht am 1. Februar 2017
 Kategorie: Belletristik
 JayMantri via Pixabay / CC0 Public Domain
 Teilen via Facebook und Twitter
 Artikel als druckbares PDF laden
 RSS oder Atom abonnieren
 Ein Kommentar
Ähnliche Artikel
Ähnliche Artikel
Ein Kommentar
Kommentare
 Steffen
 16. Februar 2017, 17:12 Uhr

Super Text, macht Lust auf das Buch und ist gut geschrieben. Und lustig.

Kommentar schreiben

Worum geht es?
Über Litlog
Mitmachen?