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LZ-Sommerprogramm 2019
Mauerfall und queere Liebe

Der Sommer schließt sich dieses Jahr nahtlos an den Frühling an! Zumindest im Literarischen Zentrum. Nur drei Tage nach dem Abschluss des Quartals geht es mit der ersten Veranstaltung der folgenden Saison weiter, die glücklicherweise nicht von der uns drohenden Dürre betroffen ist.

Von Amelie May

Wer die deutschsprachigen Feuilletons auch nur ansatzweise aufmerksam verfolgt, wird an der Debatte um Takis Würgers Stella nicht

Literarisches Zentrum



Das Literarische Zentrum ist fester Bestandteil des Göttinger Literarischen Lebens seit April 2000. Neben den vierteljährlichen Veranstaltungsprogrammen ist das Literarische Zentrum außerdem am Göttinger Literaturherbst beteiligt, organisiert das Kinder- und Jugendprogramm »Literatur macht Schule« und setzt das Literaturvermittlungs- programm »Weltenschreiber« in Göttingen um.

 
 
vorbeigekommen sein. Der Roman über die historische Person Stella Goldschlag, die während des Nationalsozialismus andere Jüd*innen an die Nazis verriet, um sich und ihre Familie zu retten, hat sich diverse Vorwürfe eingefangen: Er sei sensationalistisch, verletze gar die Persönlichkeitsrechte der im Jahr 1994 verstorbenen Goldschlag. Die Debatte war Anlass für den Steidl-Verlag, die 1993 erschienene und längst vergriffene Biographie Stella Goldschlag. Eine wahre Geschichte, geschrieben von Peter Wyden, der mit Stella Goldschlag in die Schule gegangen ist, neu aufzulegen. Durch diesen gemeinsamen Lebensabschnitt sei der Einblick in das Handeln Goldschlags viel tiefer als bei Würger, wie Anja Johannsen, Programmleiterin und Geschäftsführerin des Literarischen Zentrums, betont. Über dieses Buch wird am 03. Mai der Literaturkritiker Christoph Schröder reden. Schröder schrieb Kritiken über beide Bücher und fällte über Würgers Stella das klare Urteil, es sei eine »Nazischnurre mit Fertigfiguren«. Was die neu aufgelegte Biographie zu einer lesenswerteren und historisch sensibleren Lektüre mache, darüber spricht er mit Anat Feinberg, Professorin für hebräische und jüdische Literatur. Gelenkt wird das Gespräch von Torsten Hoffmann, der erst vor kurzem eine Lesung mit Takis Würger moderierte. Ein Garant also für einen Abend voller ergiebiger Gespräche.

Wider die Heteronormativität

Nach längerer Zeit endlich fortgesetzt wird die Reihe Love it or leave it, nämlich mit Gunther Geltinger. Sein Roman Benzin fügt sich passgenau in die Reihe, die das unerschöpfliche und vielfältige Potential von Liebe durchdeklinieren will: Alexander und Vinz, die Protagonisten des Romans, wollen auf einem Roadtrip durch den Süden Afrikas ihre Beziehung auffrischen. Die Leser*innen werden nicht nur mit den Schwierigkeiten des Paars mit sich selbst und in dieser widersprüchlichen Gesellschaft konfrontiert, sondern darüber hinaus auch mit der eigenen kolonialen Geschichte und den Auswüchsen bis in die Gegenwart. Mit Geltinger sprechen wird Tomasz Kurianowicz, am 09. Mai.

Ebenfalls in diese Reihe würde Antje Rávik Strubel passen, schrieb sie doch mit In den Wäldern des menschlichen Herzens einen vielfach hochgelobten Roman, mit dem sogar das Ende der Heteronormativität in der Literatur ausgerufen wurde. Allerdings kommt sie nicht als regulärer Gast, sondern als Trägerin des Preises der Literaturhäuser 2019, weswegen sie durch die deutschen Literaturhäuser tourt. Am 22. Mai macht sie zum ersten Mal Halt in Göttingen – und das wird »allerhöchste Zeit«, wie Anja Johannsen findet. Die thematischen Schwerpunkte ihrer Tour variieren je nach Ort – in Göttingen wird sie mit Anna Bers vom Seminar für Deutsche Philologie über das Reisen im weiteren Sinne, über Grenzgänge, sprechen.

Steigende Mieten – gefallene Mauer

Anschließend an die Lesung mit Radka Denemarková im März 2019 wird Tschechien als Gastland der Leipziger Buchmesse nun mit Jáchym Topol, der als der gegenwärtig wichtigste tschechische Autor gehandelt wird, ein zweites Mal im Rampenlicht stehen. Sein neuer Roman Ein empfindsamer Mensch ist in seiner politischen Aktualität von besonderer Brisanz: Eine tschechische Künstler*innenfamilie bekommt 2015 bei ihrem Besuch in Großbritannien die Auswirkungen des sich anbahnenden Brexits an den eigenen Leibern zu spüren. Ihre anschließende Irrfahrt führt sie quer durch Europa. Dass ihr Weg dabei der Gegenrichtung von Geflüchteten entspricht, ist ein erzählerisches Mittel, das Spannung und eine aufrüttelnde Lektüre verheißt. Ein Roman, »bei dem einem das Lachen im Hals stecken bleibt«, wie Johannsen ihr Leseerlebnis beschreibt. Auf dem Podium des Literarischen Zentrums wird er mit seiner Übersetzerin Eva Profousová, die aus dem deutschsprachigen Text lesen wird, und Lubomír Sůva sitzen, der den Abend am 29. Mai moderiert.

Eine weitere momentan viel beachtete Stimme der Gegenwartsliteratur ist Anke Stelling, die kürzlich für ihren Roman Schäfchen im Trockenen den Preis der Leipziger Buchmesse erhielt. Der Titel ist so zynisch wie programmatisch: Der Roman erzählt vom irrwitzigen Kampf um die zunehmend gentrifizierte Berliner Innenstadt, in der es längst nicht mehr allen Menschen möglich ist, eine Wohnung zu mieten. Anfängliche Solidarität schlägt in pures eigennütziges Denken um – die Menschen wollen ihre Schäfchen also doch lieber erst ins sprichwörtlich Trockene bringen. Mit Stelling sprechen wird Anke Detken vom Seminar für Deutsche Philologie am 06. Juni.

Was genau am 12. Juni im Alten Rathaus passieren wird – das bleibt spannend. Fest steht, dass in Kooperation mit dem Göttinger Literaturherbst zum After Work mit Gregor Gysi eingeladen wird. 30 Jahre Mauerfall, so lautet der Veranstaltungstitel, der das Leitmotiv des offenen Gesprächs mit Martin Machowecz, Leiter des Leipziger Büros der Zeit vorgibt und auch beim Programm des Literaturherbstes immer wieder als roter Faden aufblitzen wird. Die Veranstaltung ist gewissermaßen der Auftakt zu diesem Themenschwerpunkt des Literaturherbstes, inwiefern Gysi Autobiographisches zum Jahr 1989 verlautbaren wird, bleibt so offen wie das Format selbst.

Verständigung über Generationen hinweg

Die Reihe »Liederabend« hält sich hartnäckig, und das ist auch gut so, denn die Themenideen wollen einfach nicht enden. Gab es beim letzten Mal sogar Livemusik von Anthony Wilson zu hören, so geht es am 18. Juni, wenn wieder das altbewährte Gespräch mit Autor*innen über musikalische Phänomene im Vordergrund steht, etwas klassischer zu – zumindest, soweit es das Thema »Back to the garden« Woodstock Revisited zulässt. Über die Bedeutung dieser Ära spricht der Kurator der Reihe Gerhard Kaiser mit dem Musikjournalisten Frank Schäfer, der mit seinem Buch Woodstock ’69. Die Legende bestimmt einige diskussionswürdige Thesen liefern wird.

Zu guter Letzt wird es am 27. Juni noch eine brisante Podiumsdiskussion geben. Kontinuitäten, keine Grabenkämpfe, dieser Titel ist ein eindeutiges Postulat Erica Fischers in Feminismus revisited. Das Vorhaben der Aktivistin, die zu den richtungsweisenden Feministinnen der 1970er Jahre gehört, war es, sich mit jungen Feministinnen auszutauschen, um zu dem Schluss zu kommen, dass die heutigen Forderungen in einer Linie mit denen ihrer Generation stünden. Über – scheinbare? – Generationsunterschiede hinweg wird sie mit Tanita Kraaz sprechen.

Neues vom literarischen Nachwuchs

Auch aus der Reihe Literatur macht Schule konnte Marisa Rohrbeck, stellvertretende Leiterin des Bereichs Kulturelle Bildung, von zwei geplanten Veranstaltungen berichten. Am 22. Mai werden Franziska Gehm und Horst Klein ihr Erzählbilderbuch Hübendrüben in einer interaktiven Lesung in der Hermann-Nohl-Schule vorstellen. Das Buch bereitet das Thema DDR und Mauerfall kindgerecht auf, indem es von zwei Kindern erzählt, die in den unterschiedlichen Teilen Deutschlands aufwachsen und die jungen Leser*innen so mit den Unterschieden der Regime vertraut macht.

Auch das Literaturvermittlungsprogramm »Weltenschreiber« geht in die nächste Runde und hat mit der Stipendiatin Marina Schwabe eine erfahrene und engagierte Mentorin gewonnen. Das Ziel des Programms ist es, Kindern und Jugendlichen das literarische Schreiben näherzubringen und dabei vor allem den angstfreien Spaß daran in den Vordergrund zu stellen. Schwabe studiert in Hildesheim den Masterstudiengang Literarisches Schreiben, hatte unter anderem die künstlerische Leitung des Prosanova-Festivals im Jahr 2017 inne, ist Mitherausgeberin der BELLA triste und hat diverse Erfahrungen als Mentorin in Schreibwerkstätten sammeln können. Es sei eine »wunderbare Idee«, mit interessierten Schüler*innen das Schreiben in einer ungezwungen Atmosphäre zu erproben. Rohrbeck betont, dass das Programm, das auch Lehrer*innenfortbildungen beinhaltet, einen neuen und produktiven Umgang bezüglich der Wertschätzung literarischen Schreibens fördere.

Was die Schüler*innen mit der Unterstützung des Weltenschreiber-Programms erarbeiten, werden sie Familie und Freund*innen am 25. Juni bei einer Abschlusslesung auf der großen Bühne des Jungen Theaters präsentieren.



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 Veröffentlicht am 1. Mai 2019
 Marisa Rohrbeck, Anja Johannsen und Marina Schwabe ©Literarisches Zentrum
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