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Reihe: Bis der Vorhang fällt
Offenheit auf ganzer Linie

Blutverschmiert und orgienreich empfing das Gärtnerplatztheater in München sein mitunter verschrecktes Publikum zur Inszenierung von Romeo und Julia. Was Tanztheater so zu bieten hat? Die erhabene Atmosphäre des Hauses jedenfalls hätte vielleicht weniger Freizügigkeit versprochen.

Von Anika Tasche aus München

Theater hat auch immer etwas mit Offenheit zu tun. Für diesen Theaterabend traf das nicht nur insofern zu, als dass ich von einem Plan abwich und nicht, wie vorgehabt, die drei großen Bühnen Münchens zuerst besuchte, sondern ebenso, als ich mich einer neuen Form zuwandte: dem Tanztheater. Noch nie zuvor hatte ich ein rein auf Tanz basierendes Stück gesehen, einzig der Besuch einer Ballett-Aufführung an der Hannoveraner Oper kann hier vielleicht erwähnt werden. Doch als eine Bekannte mitbekam, dass ich die Theater der Stadt erkundete, schlug sie vor, gemeinsam am Gärtnerplatztheater die Inszenierung von Romeo und Julia zu besuchen, eben als tänzerische Produktion.

Das Staatstheater am Gärtnerplatz, so der offizielle Name, führt überwiegend Musicals jeglicher Art sowie als Haus der Bayrischen Staatsoper auch Opern auf. Doch Flexibilität kann nie schaden und öffnet manchmal ganz neue Welten. Zudem ist mir das Haus bereits bei einem meiner vielen Streifzüge durch München aufgefallen, liegt das Theater doch sehr schön am Gärtnerplatz in einem imposanten weißen Bau, der im Stil des Spätklassizismus gehalten ist. 2017 generalsaniert fällt es sofort ins Auge. Auch im Inneren macht das Gebäude einiges her mit seinen prunkvollen Verzierungen und seinem großen Kronleuchter (der an das Phantom der Oper von Gaston Leroux erinnert). Im Saal dominieren die Farben Rot und Gold, sodass eine erhabene Atmosphäre entsteht. Passend dazu ist auch der Großteil des Publikums gekleidet. Noch aufgehübschter als die Gäste des Residenztheaters kamen viele in Cocktailkleidern und Anzug ins Gärtnerplatztheater. Da fühlte ich mich in meinem Standard-Schwarz schon auffällig und war froh, unter den Zuschauern dann doch auch den*die ein*e oder andere*n Jeansträger*in ausmachen zu können.

Im Programmtext heißt es:

Die Liebe selbst habe an Romeo und Julia mitgeschrieben, urteilte bereits Gotthold Ephraim Lessing über William Shakespeares weltberühmte Liebestragödie. Doch mit romantischem Paargeflüster und zärtlichen Liebesschwüren hatte die choreografische Uraufführung von Erna Ómarsdóttir und Halla Ólafsdóttir […] nur noch wenig zu tun.

Eine »neuartige Tanzkreation« sollte mich laut der Beschreibung erwarten und bereits nach Öffnen des Vorhanges ging es ungewöhnlich los. Das gesamte Ensemble (rund 20 Tänzerinnen und Tänzer) versammelte sich vor dem wieder geschlossenen Vorhang und jede*r gab ein mehr oder weniger persönliches Statement zur Inszenierung ab. Das Konzept dieser Szene war lediglich, dass alle etwas sagen. Einer fiel natürlich trotzdem aus der Reihe – Ausnahmen bestätigen die Regel! Viele stellten ihre Rollen vor wie etwa:

Ich tanze heute Abend die Julia, aber wir alle tanzen heute Abend die Julia.

Oder auch:

Ich tanze heute Abend die Kirche und Julias Lieblingspizzeria.

Dass nach solch einem Beginn kein gewöhnlicher Abend folgen konnte, war offensichtlich. Die erste Szene glich einem wilden Durcheinander, doch wurde mit der Zeit eine Art Choreografie ersichtlich. Schließlich konnten wir sogar den Kampf zwischen den beiden verfeindeten Häusern Capulet und Montague wiedererkennen. Doch über weite Strecken der Inszenierung blieben wir im Ungewissen, was genau gerade dargestellt werden sollte. Als ich Shakespeares Romeo und Julia einst gelesen hatte, war es mir nicht so vorgekommen, als hätten die beiden außerordentlich viel Zeit, es miteinander zu treiben. Auf der Bühne hingegen dominierten die sexuellen Szenen. Nahezu jedes Bild bot eine sexuelle Anspielung (was beim Tanz schnell gemacht ist). Nun ja, ein ungewöhnlicher Abend eben.

Ein unvoreingenommenes Ausharren

Nach etwa einer Stunde folgte die Pause. Man kann im Gärtnerplatztheater nur empfehlen, diese zu nutzen, um in das Pausenfoyer im ersten Stock zu gehen und von dort die wunderbare Aussicht auf den Gärtnerplatz zu genießen, doch einige Zuschauer nutzten die Zeit anderweitig und verließen fluchtartig das Gebäude. Nach der Pause waren die Reihen auf jeden Fall deutlich gelichtet. Was folgte, war eine Massenorgie, bei der die Tänzer*innen, für diese Szene ganz in weiß gekleidet, sich gegenseitig mit Blut beschmierten. Damit die Sauerei wieder beseitigt werden konnte, schloss sich der Vorhang wieder und ein Film wurde gezeigt. Immer wieder sah man darauf Hautpartien, die offenbar aneinanderklebten und peu à peu auseinandergezogen wurden. Auch dies war für einige Zuschauer*innen zu viel und erneut verließen Gäste den Saal.

Es folgte der allseits bekannte Schluss der Tragödie: der Tod der beiden Liebenden. Ein eindrucksvolles Bild, was sich die Choreografinnen dort

Reihe

Direkt aus Göttingen verschlug es unsere ehemalige Redakteurin für ein Volontariat in einem renommierten Literaturverlag nach München. Zwei ihrer großen Leidenschaften, Litlog und Theater, bleibt sie in unserer Reihe »Bis der Vorhang fällt« als Münchener Theaterkorrespondentin dennoch treu.

 
 
ausgedacht haben: Die Tänzer*innen bewegten sich in der Gruppe langsam nach vorn, jede*r von ihnen hielt Händchen mit einer Plastikhand. Am Ende kniete das gesamte Ensemble auf der Vorderbühne, hielt sich im Arm und der Vorhang schloss sich. Immer wieder zeigte die Produktion auch solche bewegenden Bilder. Es war ein emotionaler Abend, nicht nur für die Tänzer*innen auf der Bühne; wohl erging es auch vielen Zuschauer*innen ähnlich wie mir und eine Einordnung des Abends fällt schwer. Durchaus gab es Szenen, die sehr ästhetisch waren, doch ebenso gab es viele Momente, die einfach nur Fragezeichen hervorriefen und ins Leere liefen. Romeo und Julia als Tanztheater ist wohl eine Sache für sich – schließlich wird beim Tanz eher wenig respektive gar nicht gesprochen, und ist die Inszenierung so experimentell wie an diesem Abend, so sind nicht einmal die Rollen klar auszumachen. Dieses Stück verlangt also einiges an Offenheit.

Es war der letzte Abend, an dem die Inszenierung, die erst im November 2018 angelaufen ist, gegeben wurde. Folglich bleibt keine Zeit mehr, um sich selbst ein Bild zu machen. Was nicht abgesetzt wird, ist das Gärtnerplatztheater. Ein beeindruckendes Theater, das Klassiker wie eben Romeo und Julia oder auch Die Zauberflöte gibt. Wie modern diese dann ausfallen, zeigt sich sicher erst beim Besuch selbst. Für mich steht fest, Offenheit lohnt sich. Und der Vorhang fällt erst, wenn ich noch mehr gesehen habe.



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 Autor*in:
 Veröffentlicht am 20. April 2019
 By Julien Reveillon via unsplash unsplash licence
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