Die Kunst des Zorns

Mareike Fallwickl und Eva Reisinger zeigen in ihrem Kurzgeschichtenband Das Pen!smuseum wütende, radikale Frauenfiguren, die gesellschaftliche Normen sprengen. Zwischen Rache, Solidarität und moralischer Grenzüberschreitung entsteht ein feministischer Kosmos, der weibliche Wut feiert.

Von Katarina Fiedler

Bild: Via Pexels, CC0

Die Frauen im Kurzgeschichtenband Das Pen!smuseum haben die Schnauze voll – sie sind wütend, halten sich nicht mehr an gesellschaftliche Normen und rächen sich an den Männern in ihrem Leben auf vielfältige Weise. Die österreichischen Autorinnen Mareike Fallwickl (Die Wut, die bleibt 2022) und Eva Reisinger (Männer töten 2023) kreieren mit ihren eigenen Kurzgeschichten und denen ihrer Gästinnen Sophia Süssmilch und Jovana Reisinger einen feministischen Kosmos, in dem die Protagonistinnen nicht zwangsweise sympathisch sind, sondern aufgrund ihrer kompromisslosen Art faszinieren.

Wer die Band Florence + The Machine kennt, könnte an einigen Stellen der Lektüre den Anfang ihres Liedes Mermaids im Kopf haben: »I thought I was hungry for love / Maybe I was just hungry for blood«. Der geschilderte Blutdurst ist eines der zentralen Motive in den Kurzgeschichten der vier Autorinnen. Ihre Protagonistinnen sind längst darüber hinweg, lieb um Gerechtigkeit zu bitten oder sich zu entschuldigen, wenn sie die gesellschaftliche Moral bis ins Äußerste reizen. Was daraus folgt, zeigen die 20 Geschichten auf 203 Seiten, in denen die Grenzen des Sag- und Machbaren auf vielfältige Weise überschritten werden.

Weibliche Solidarität als Leitmotiv

Während Maria ihre Krankenversicherung betrügt, um Frauen aus Polen einen Schwangerschaftsabbruch zu ermöglichen, stellt Simone den heimlich fotografierten Penis ihres Ex-Mannes im titelgebenden Museum aus. Ein hilfloser Polizist versucht, drei alte Damen des Mordes an einem Mitbewohner des Altenheims zu überführen, während sich diese sich klischeehaft verwirrt und respektlos verhalten. In einem Stripclub wird Männern, die ihre Finger nicht bei sich lassen, eine nachhaltige Lektion erteilt, und Anna findet Gefallen daran, ihren lieblosen Ehemann mit Jüngeren zu betrügen. Besonders herausragend ist die Geschichte einer menschlichen Bärin, die sich an sexuell übergriffigen Männern rächt. Frauen, die ihre Taten beobachten, zeigen keine Angst; sie können sie also entweder nicht sehen oder ordnen die Bärengestalt als weniger furchteinflößend ein als die Präsenz eines Mannes. Die Verbindung zum »Mann oder Bär?«-Diskurs auf Social Media ist in dieser literarischen Verarbeitung unübersehbar.

Neben der Rache an Männern zieht sich durch die Geschichten die Freundschaft unter Frauen, die sich verstehen, unterstützen und in ihrem Blutdurst bestärken. Ebenso vielfältig wie die Schicksale der Frauen sind dabei die Erzählstile: Die epischen Kurzgeschichten werden durch dramatische Texte sowie Chat-Verläufe, einen »Stream of Consciousness« und eine »Perfekte To-Do-Liste« ergänzt.

Schon nach den ersten Geschichten wird klar, dass die Figuren nicht unabhängig voneinander existieren, sondern einander kennen. Anders als in Daniel Kehlmanns Ruhm (2009), in dem etwa die Protagonistin einer Geschichte die Geschichte einer anderen Figur erzählt, sind ihre Verbindungen jedoch nicht so verworren. Sie bewegen sich eher in der Kategorie des freudigen Wiedererkennens, wenn man den Namen der Galeristin, in der Simone ihre Fotos ausstellt, ein paar Geschichten später erfährt. Über diese Verbindungen entwickelt sich der Kurzgeschichtenband jedoch zu einem Collagenroman weiter, der weibliche Wut als roten Faden durch die Schicksale der Frauen zieht, während gleichzeitig die Kraft der Solidarität in den Vordergrund gerückt wird. Die Erzählungen können alleinstehend, als Geschichtenfolge oder als Anfang zu etwas Größerem gelesen werden – immerhin endet die letzte Kurgeschichte mit dem Satz:  »Aber es ist ein Anfang.«

Hg. von Mareike Fallwickl und Eva Reisinger
Mit Kurzgeschichten von Jovana Reisinger und Sophia Süssmilch
Illustrationen von Andrea Z. Scharf
Das Pen!smuseum
Leycam Verlag 2025
203 Seiten, 25 €

Darf sie das?

Die Kurzgeschichten sind durchzogen von ungebändigter Wut und moralisch fragwürdigen Entscheidungen der Protagonistinnen. In ihrer Unangepasstheit überschreiten sie gezielt gesellschaftliche Erwartungen und Grenzen: Körperverletzung im Stripclub, ein Bärenangriff als Strafe für sexuelle Übergriffe eines Mannes oder die Betäubung von One-Night-Stands sind nur drei Beispiele für die aufrüttelnden Handlungen dieser Frauen, die ethische Normen übertreten. Bei den Leser:innen bleibt ein nagendes Gefühl der Unsicherheit: Sind diese gewaltvollen Rückeroberungen patriarchaler Machtstrukturen in Ordnung? Eben: Darf sie das? Die Antwort auf diese Frage liegt in der Frage selbst, denn all die Männer, die in den Kurzgeschichten (und in der Realität) wie die Protagonistinnen handeln, dürfen das auch nicht:

»Meine Chefin wird der Polizei erklären, dass der Mann zu viel getrunken hat. Was sie wirklich unverantwortlich finde, besonders hier im Club allein unter Frauen. Er brauche sich nicht zu wundern, wenn er nicht mehr auf sich habe aufpassen können und das Hemd auch noch so weit offen gehabt habe.«

Die Argumentation der Stripclubbesitzerin schmerzt, ist sie doch allen, die sich mit sexualisierter Gewalt an Frauen auseinandersetzen, bekannt. Die verdrehte Welt in den Geschichten führt die Realität der fehlenden Strafverfolgung männlicher Täter auf geschickte Weise vor Augen. Doch werden die Taten der Protagonistinnen dadurch nicht besser. Sie sind gewalttätig, sie sind moralisch verwerflich – zugleich bieten diese Grenzüberschreitungen ein Ventil, zum Beispiel für die Überforderung einer Mutter, die in einem unaufhörlichen Gedankenkarussell festsitzt: »[..] ich bin allein, ich bin ganz allein, aber eben nicht, ich bin nie allein, ich kann die Wohnung nicht verlassen, ich kann nicht allein aufs Klo […].«  Die Taten der Protagonistinnen bieten also eine Flucht in eine literarische Welt, in der Frauen all das ungestraft tun können, was sie in der realen Welt manchmal gerne tun würden. In der Fiktion gilt: Sie darf das.  

Fallwickl und Reisinger rufen damit keineswegs zur gewalttätigen Revolution auf. Sie stärken mit sprachlicher Intensität, Witz und Überraschungseffekt den Anteil feministischer Erzählstimmen in der Literatur, die auch das aussprechen, was oft ungesagt bleibt. Mit Themen wie Giselle Pélicot, ›Mann oder Bär?‹, Taylor Swift und female rage ist Das Pen!smuseum eine literarische Mentalitätsgeschichte feministischer Diskurse der bisherigen 2020er. Die Kurzgeschichtensammlung ist schockierend, unbequem und gleichzeitig befreiend witzig und unkonventionell – ein Muss in jedem (feministischen) Bücherregal.

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