Kann eine Laufbahn als Regisseur:in hierzulande gelingen – in einem Land, in dem »Ideologen und Bürokraten« originelle Ideen zunichte machen? Unter dem Titel Selbstbild und Systemzwang hielt der Regisseur Dominik Graf am 4. Februar eine erfrischende erste Poetikvorlesung.
Von Jakob Malzahn
Bild: Lenja Kempf Fotografie
Eine illustre Reihe an Schriftsteller:innen vereint die Göttinger Lichtenberg-Poetikdozentur. Seit ihrer Gründung 1999 wurden mit ihr unter anderem literarische Größen und Publikumslieblinge wie Peter Rühmkorf, Sarah Kirsch, Feridun Zaimoglu, Daniel Kehlmann, Maxim Biller und Monika Rinck ausgezeichnet. Dieses Jahr allerdings fiel die Wahl nicht auf eine:n Schriftsteller:in, sondern auf eine Größe des deutschen Fernsehens und Kinofilms: den Regisseur Dominik Graf.
Persönliche Laudatio
Zu Beginn gibt es eine Laudatio des Filmwissenschaftlers Dr. Felix Lenz. Als Neunjähriger sei er das erste Mal mit Grafs Filmkunst in Berührung gekommen. Seine Mutter, eine Filmkritikerin, habe an einem Abend Grafs Jugendfilm Treffer (1984) gesehen. Weil Lenz aufgrund der Geräusche nicht habe schlafen können, stellte er sie vor die Wahl: »Entweder leiser oder mitgucken.« Dieses Initiationsereignis war folgenreich: Inzwischen wurde Lenz mit einer Monografie über Grafs Polizeifilme habilitiert.
Kennengelernt haben sich die beiden auf der Berlinale 2010. Als Lenz dem Regisseur seine Texte über dessen Filmkunst vorgelegt habe, soll Graf charmant reagiert haben: »Ah, eine vertrauensbildende Maßnahme!« Man merkt, dass Lenz nicht nur Filmwissenschaftler ist, sondern auch eingefleischter Fan. In der Laudatio werden unter anderem Grafs Vielseitigkeit, seine ästhetische Aufwertung verschiedener Genres, seine Empathie und seine raffinierten, wohlüberlegten Einstellungen hervorgehoben. Als Lenz von der Bühne tritt, wird er von Graf herzlich umarmt.
»Versuchen Sie gar nicht erst, mitzuschreiben.«
Lässiger Pulli, Jeans, Turnschuhe. So präsentiert sich der Großmeister des deutschen Films. Seine eigene Filmografie und Biografie sind die großen Themen, mit denen Graf sich in seiner Poetikvorlesung befassen will. Obwohl er immer versucht habe, sich selbst als Person aus seinen Filmen herauszuhalten, sei mit dem Alter »die Frage nach dem Ich« im Film stärker geworden. Graf hält einen dicken Stapel Papier ins Licht. Er habe den Umfang des Vorlesungsmanuskripts in den letzten Tagen nochmal ordentlich reduzieren müssen. Dennoch warnt er: Es werde Namen und Filmtitel hageln: »Versuchen Sie gar nicht erst, mitzuschreiben.«
Bis 22 Uhr wird er vortragen. Als Zuhörer:in wird man dennoch nicht schläfrig. Grafs angenehmer, leicht näselnder Redestil, seine Anekdoten aus fast fünfzig Jahren Filmgeschichte, seine bildlichen und packenden Nacherzählungen von Filmszenen sowie nicht zuletzt seine würzige Polemik lassen die Zeit schnell verstreichen. Oft wird im Publikum gelacht und geschmunzelt, es herrscht eine allgemein heitere Stimmung.
Geboren 1952, kann Graf auf eine lange Filmografie zurückblicken. »Wie eine Schrotflinte« habe er produziert, in der Hoffnung, dass auch ein paar Treffer darunter sind. Falsche Bescheidenheit? Immerhin sind unter Grafs Regie meisterhafte Tatort– und Polizeiruf 110-Folgen entstanden, zudem der Thriller Die Katze (1988), die berühmte Miniserie Im Angesicht des Verbrechens (2010), der preisgekrönte Historienfilm Die geliebten Schwestern (2014), die Literaturverfilmung Fabian oder Der Gang vor die Hunde (2021) sowie zahlreiche weitere Produktionen.
Totalabrechnung mit dem deutschen Film und Fernsehen
Bevor Graf auf das Thema des Abends zu sprechen kommt, geht er mit dem deutschen Fernsehen ins Gericht. Die Sendeanstalten der Republik seien »Kolosse aus Angst und Restriktion«. Dort herrsche die »völlige Abwesenheit eines Diskurses«. Diese Polemik auf das deutsche Fernsehen und den deutschen Filmbetrieb wird im Laufe des Abends immer wieder aufgegriffen: Nicht der schlechte Geschmack, sondern »Ideologen und Bürokraten«, »ältere und jüngere Klotzköpfe« und »stromlinienförmige Klons« seien dafür verantwortlich, dass in Deutschland kaum gute, originelle Filme entstünden. Man befürchtet kurz, die Polemik wird kein Ende nehmen, aber dann unterbricht sich Graf: Es handle sich ja um eine Poetikvorlesung – eine »Levitenlesung« müsse aber auch mal sein.
Wie sind beachtenswerte Filmografien unter diesen katastrophalen Verhältnissen überhaupt möglich? Muss man als kreativer, kompromissloser Kopf nicht zwangsläufig scheitern? Was, wenn man nicht das nötige strategische Geschick besitzt, seine Ideen zu verwirklichen? Angesichts dieser Herausforderungen kann Graf mit Blick auf seine eigene Filmografie schlicht konstatieren: »Du hast verdammtes Glück gehabt.« Durststrecken habe es nicht gegeben, Projekte hingegen immer.
Beispiel eines kompromisslosen Regisseurs: Wolfgang Büld
Man würde erwarten, dass Graf nun, wie es für eine Poetikvorlesung üblich ist, sein eigenes Schaffen näher beleuchtet, auf entscheidende Einflüsse eingeht, möglicherweise Grundsätze einer Filmpoetik formuliert. Graf tut nichts davon und gerade dadurch gerät der Vortrag so erfrischend und sympathisch. Stattdessen geht er auf andere Lebensläufe und Filmografien ein, etwa auf die von Wolfgang Büld, einem ehemaligen Kommilitonen Grafs.
Dieser hochtalentierte Regisseur habe einen Bilderbuchstart hingelegt und mit Aussagen provoziert wie, der Film sei »verderbliche Ware, zum schnellen Gebrauch bestimmt.« Mit Respektlosigkeit und Sarkasmus habe Büld konsequent seine eigene anarchisch-trashige Ästhetik verfolgt. Doch irgendwann geriet die Karriere ins Stocken, Projekte wurden nicht mehr finanziert. Büld ließ sich nicht beirren, drehte in Großbritannien weiter und lebt heute mit einer kleinen Rente in London. Graf verhehlt nicht, dass er dennoch mit einem gewissen Neid auf Bülds filmisches Schaffen blickt: »Uns fehlt etwas von ihm.«
Pessimismus oder Pose?
Statt herauszufordern, setzen die meisten deutschen Produktionen auf seichte Unterhaltung, orientieren sich stark am Publikumsgeschmack. Provokatives Ausscheren und eine Lust am vielschichtigen Erzählen gehören nicht zu den herausstechenden Merkmalen des deutschen Films. Oder in Grafs Worten: Der »Karnickelstall deutscher Konsensfilme« lässt Regisseure vom Typ Büld nicht zu. Es folgt eine weitere verbale Armada auf die deutsche Filmszene. So unterhaltsam, rhetorisch versiert und berechtigt diese Polemik ist – es drängt sich doch die Frage auf: Wie viel davon ist Pose? Zwar konnte auch Graf etliche Ideen nicht umsetzen. Er präsentiert sogar Auszüge aus einer langen Liste nicht verwirklichter Projekte. Dennoch ist er selbst nicht am deutschen Filmbetrieb gescheitert, im Gegenteil.
Trotz allem Pessimismus, trotz aller Sehnsucht nach unkonventionellen, mutigen Filmemacher:innen in der gegenwärtigen deutschen Filmlandschaft geht Graf auch auf eine unbestreitbar positive Entwicklung ein. Was zu Beginn seiner Karriere noch faktisch unmöglich gewesen sei, ist nun Realität geworden: Inzwischen haben sich Frauen als Regisseurinnen etabliert. Ein Beispiel dafür ist Grafs langjährige Weggefährtin Caroline Link, die ebenfalls auf eine erfolgreiche Filmografie zurückblicken kann.
Wenn Graf auf seine eigene Filmografie eingeht, dann meist selbstkritisch und zurückhaltend. Als »Künstler« will er sich nur in Anführungszeichen verstehen. Diese Haltung ist glaubwürdig. So fragt er: »Wurde ich durch die Arbeitswelt deformiert? Was fehlt? Wo wollte ich noch hin?« Mit Blick auf Büld, Christian Petzold und andere vermisst er einen roten Faden in der eigenen Filmografie. Aber ist das eine Schwäche? Grafs Vielseitigkeit, seine Vorliebe für den Genrefilm und seine Fähigkeit, vollkommen in einer Sache aufzugehen, werden nicht nur von Expert:innen wie Lenz gelobt und goutiert. Ein Blick ins Publikum zeigt aufmerksame und amüsierte Gesichter. Graf hat bewiesen, dass er nicht nur mit seinen Filmen, sondern auch mit einem Vortrag in der Lage ist, sein Publikum zu unterhalten und zugleich herauszufordern.

