Die Erzählerin in Jehona Kicajs Roman ë wird im Kosovo geboren und flieht vor Kriegsbeginn nach Deutschland. Trotz der Flucht schreibt sich der Krieg in ihren Körper ein: Sie knirscht mit den Zähnen. Die Suche nach einer medizinischen Lösung wird gleichzeitig zur Spurensuche in der Vergangenheit.
Von Lilian Lumme
Wenn der Buchstabe ›ë‹ im Albanischen am Ende eines Wortes steht, wird er selbst nicht ausgesprochen, verändert aber die Betonung des Wortes. In ihrem Roman über die albanischsprachige Erzählerin, die von Kicaj mit keinem Namen versehen wurde, beschreibt die Autorin genau dies: wie etwas, das selbst nie ausgesprochen wird, die Bedeutung von allem anderen verändert. Was bedeutet es, über ein Thema zu schweigen? Was macht das mit uns?
Zu Beginn des Romans wacht die Erzählerin mit einem abgebrochenen Stück Zahn im Mund auf. Sie knirscht nachts mit den Zähnen und scheint so all das zu verarbeiten, worüber sie am Tag nicht sprechen kann. So bahnt sich das Unausgesprochene seinen Weg. Und seiner ist vieles: Der Roman erzählt von Traumata, tragischen Familiengeschichten, Rassismus. Dabei gelingt es Kicaj, genau zu zeigen, wo es wehtut, und auf intelligente Art zu untersuchen, was es heißt, wenn uns die Worte im Halse steckenbleiben – und dass es unmöglich ist, all das nicht Gesagte auf Dauer zu unterdrücken.
Eine Spurensuche in der Vergangenheit
Kaleidoskopartig wechselt der Roman zwischen der Gegenwart, in der die Erzählerin nach den Ursachen und einer Lösung für das nächtliche Zähneknirschen sucht, und der Vergangenheit. Hier verweben sich Erinnerungen an die Flucht nach Deutschland und Erzählungen einzelner Familienmitglieder über den Krieg mit Erfahrungen von Rassismus und der bis in die Gegenwart hineinreichende Suche nach ihrem im Kosovokrieg verschollenen Großvater. Auf diese anschauliche Weise zeigt der Roman uns, wie auch die scheinbar nichtigsten Erfahrungen aus einer längst vergangenen Zeit noch auf unser Erleben und Empfinden in der Gegenwart einwirken und uns prägen.
Konfrontation mit Alltagsrassismus
Nicht nur der Krieg im Kosovo und ihre eigene Familiengeschichte lasten auf der Erzählerin, sondern auch ihre zahlreichen Erfahrungen mit Alltagsrassismus. Diese reichen von vermeintlichen Banalitäten wie etwa dem falschen Aussprechen ihres Namens bis hin zu Schwierigkeiten bei der Wohnungssuche. Die Ungerechtigkeiten gipfeln in der ignoranten Verwechslung beziehungsweise Gleichsetzung des Albanischen mit dem Serbischen. So wird die Erzählerin in der Grundschule gezwungen, die »jugoslawische« Strophe eines Kinderlieds zu singen – gemeint ist Serbisch, eine Sprache, welche sie selbst nicht spricht und die für die seit ihrer Kindheit mit Verfolgung, Unterdrückung und Krieg verbunden ist. Beim Lesen können auch nichtbetroffene Personen diese Enttäuschung und stille Wut nachempfinden.
Ein vergessener Krieg
Der Kosovokrieg Ende der 90er Jahre ist nicht einmal dreißig Jahre her, doch in Deutschland schon so gut wie vergessen. Mit ihrem Roman setzt Kicaj diesem Kapitel der jüngeren Geschichte ein zeichenhaftes Mahnmal. Durch Zufall stößt die Erzählerin auf den Aushang einer Vortragsreihe, die von einer Forensikerin gehalten wird, welche für die UN potenzielle Kriegsverbrechen im Kosovo aufklären sollte. Die meisten der Opfer sind entweder sehr jung oder sehr alt, oft haben sie Schusswunden im Rücken, was bedeutet, dass man sie von hinten ermordet hat. Auch die Erzählerin selbst erinnert sich an Geschichten ihrer Familienmitglieder, in denen sie nur knapp dem Tod entkommen sind. Geschildert werden Augenblicke, die einem noch sehr lange nach dem Lesen in Erinnerung bleiben werden. Kicaj gelingt es auf höchst feinfühlige Weise, die Schrecken eines Krieges, der in Deutschland schon lange vergessen scheint, wieder in den Fokus zu rücken.

ë
Wallstein: 2025
176 Seiten, 22 €
Dem Unsagbaren eine Stimme geben
Dieser Roman bricht das Schweigen, das in Deutschland bezüglich des Kosovokriegs so lange geherrscht hat. Kicaj hat es geschafft, dem Unsagbaren und dem nicht Gesagten eine Stimme zu geben; es ist eine starke, kraftvolle Stimme. Es ist kein Wunder, dass sie mit diesem Debütroman bereits auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises stand und den Literaturpreis der Landeshauptstadt Hannover (HANNA) sogar gewinnen konnte. ë ist ein Roman, der vermutlich noch lange im Gespräch sein wird. Jehona Kicaj zeigt uns hier auf eindrucksvolle Weise: Worüber man nicht sprechen kann, darüber muss man schreiben.

