Schattennummer ist Thomas Pynchons neunter und vermutlich letzter Roman, den er zu Lebzeiten veröffentlicht. Schon seit Jahren wird der nunmehr 89-jährige US-Amerikaner für den Literaturnobelpreis gehandelt. Er selbst hält sich seit den 60er Jahren aus der Öffentlichkeit heraus – letztes Jahr erschien sein erstes Lebenszeichen seit Bleeding Edge von 2013.
Von Lilian Lumme
Milwaukee Anfang der 1930er Jahre: Der Privatdetektiv und ehemalige Schläger Hicks McTaggert erhält den Auftrag, die Erbin des Käse-Magnaten Bruno Airmont aufzuspüren. Ihr soll das große Käse-Imperium vermacht werden, auf das es ebenfalls das Internationale Käsesyndikat, kurz InKäsSyn abgesehen hat. Dabei führt eine mögliche Spur direkt ins Europa des erstarkenden Faschismus. Dass Hicks McTaggert einen so außergewöhnlichen Namen hat, ist, wie alles bei Pynchon, nicht zufällig: Seinem Schluckauf-Namen gerecht werdend stolpert der Privatdetektiv von einer Bar in die nächste, hangelt sich von einer Affäre zur anderen, überquert etliche Landesgrenzen im Europa der frühen 30er Jahre, bis nicht nur er, sondern auch der:die Leser:in den Überblick verliert. Das ist aber keineswegs etwas Schlechtes: Vielmehr zeigt uns Pynchon durch diese Form die Unentwirrbarkeit der Wirklichkeit. Da ist es kein Wunder, dass der berühmte Privatdetektiv Hicks McTaggert im Roman selbst nicht einen einzigen Fall lösen kann.
Ein literarisches Wimmelbild
Wie für Pynchons Romane üblich, lässt er auch in Schattennummer eine Fülle verschiedenster Figuren auftreten, die einander in ihrer Absurdität nur übertreffen: Ein gewisser Doktor Zoltán von Kiss berherrscht den sogenannten »Apportismus«, eine Fähigkeit, mit deren Hilfe er Gegenstände entmaterialisieren und an andere Orte verschwinden lassen kann. Ein späterer Begleiter Hicks‘ ist der kokainabhängige britische Spion Egon Praediger, der sich Kokain mit einem Suppenlöffel in die Nase »schaufelt«. Doch genauso schnell, wie sie eingeführt werden, verschwinden die Figuren auch wieder in einem ständigen Auf und Ab.
Auch geheime Mächte, Verschwörungen und groteske Religionen spielen eine tragende Rolle. Das fängt bei Nazi-Bowlinggruppen in Milwaukee an, geht über verschrobene osteuropäische Vampir-Motorradgangs und endet bei den sogenannten »Käsarianern«, einer neu gegründeten und aus dem Geheimen agierenden Sekte, die glaubt, dass Käse ein fühlendes Lebewesen sei, das in der Höhe seines Bewusstseins sogar den Menschen übertreffe.
Unübersichtlichkeit als Erzählform
Wer Pynchon liest, kann schnell den Überblick verlieren. Das liegt einerseits an der bereits erwähnten Vielzahl unterschiedlicher Figuren – andererseits auch an der Art, wie Pynchon seine Geschichten strukturiert: Ständige und unvermittelte Rückblenden machen es beim ersten Lesen schwer, den Überblick über die erzählte Zeit zu behalten. Wenn sich Hicks mit einer anderen Figur unterhält und dabei in Gedanken abschweift, wechselt das Erzählen häufig seinen Fokus: Als würde der Erzähler selbst den Faden in den Erinnerungen einer Figur verlieren. Ebenfalls wechselt der Roman fast kapitelweise seine Schauplätze, das Lesen selbst wird zu einem Irren durch die Straßen von Milwaukee und durch das Europa der 30er Jahre. So findet der Roman eine ganz eigene, herrlich verspielte Weise des Erzählens. Pynchon zeigt uns: Es geht nicht um die einzelnen Handlungsstränge und Figuren für sich, sondern um ihre Gesamtheit und ihr Zusammenspiel in einer Welt, auf deren Komplexität und Absurdität man nur mit einer komplexen und absurden Form reagieren kann.

Schattennummer
Übersetzt von Dirk van Gunsteren und Nikolaus Stingl
Rowohlt: 2025
400 Seiten, 26 €
Ein Liebesbrief an den Detektivroman
Mit Schattennummer hat Pynchon nur scheinbar einen Detektivroman geschrieben. Vielmehr lässt sich dieses Buch zugleich als Liebeserklärung und Parodie auf den Detektivroman verstehen. Der inkompetente Detektiv Hicks McTaggert, der selbst den Überblick verliert, aber stets beweist, dass er das Herz am rechten Fleck hat, ist hierfür der ideale Protagonist. Mit seiner Hilfe können wir diese schrille Erzählwelt kaum entwirren. Stattdessen lädt uns der Roman ein, selbst in diese Welt einzutauchen und zu versuchen, sie zu verstehen. Auf diese Weise wird das Lesen selbst zu einer literarischen Spurensuche – und wer schon immer einen Roman von Thomas Pynchon lesen wollte, tut gut daran, dieser Einladung zu folgen.

