Ann Essweins Roman Jahre ohne Sprache erzählt von Natascha, einer jungen Frau, deren letzter Sommer vor dem Erwachsenwerden von einem traumatischen Erlebnis überschattet wird. Natascha, heute Nao, versucht, das Unaussprechliche, das geschehen ist, in Worte zu fassen.
Hinweis: Der folgende Text enthält Beschreibungen von sexualisierter Gewalt und der Beschäftigung mit Traumata. Wenn Sie Unterstützung suchen, finden Sie in Göttingen Hilfe bei: dem Frauennotruf und der psychiatrischen Notfallversorgung.
Von Johanna Görlich
Fünf Jahre nach diesem Sommer lässt die Protagonistin ihre Vergangenheit in ihrem Heimatdorf zurück und lebt als Nao in einer besetzten Knopffabrik mit einer Wahlfamilie, die sowohl Pronomen als auch Hierarchien bewusst hinter sich lässt. In dieser Gemeinschaft werden alternative Lebensentwürfe erprobt und sich von normativen Zuschreibungen distanziert, denn es gibt »nur ein Wir«. Nach dem Vorher fragt niemand, denn diejenigen, die in der Fabrik leben, haben sich für einen Neuanfang entschieden. Nao betrachtet diese neue Umgebung als klaren Bruch zur eigenen Herkunft: offener und freier. Das, was vorher war, sollte eigentlich nicht länger bedeutend sein, legt sich aber dennoch wie ein Schleier über Naos Leben und prägt das Verhältnis zu sich selbst sowie zu den anderen. »Die Hand« drängt sich immer wieder in Naos Bewusstsein.
»Du bist du, ich bin ich«
Jahre ohne Sprache verdichtet sich zunehmend zu einer Suche nach der eigenen Erinnerung. Dabei verschränken sich Gegenwart und Rückblicke, was den fragmentarischen Prozess der inneren Verarbeitung deutlich hervorhebt. Langsam bricht Nao das eigene Schweigen über das Erlebte, vorsichtig und lückenhaft. Sprache erscheint dabei nicht als Erlösung, sondern vielmehr als Möglichkeit, sich der eigenen Vergangenheit schrittweise anzunähern und sie gleichermaßen als einen Teil der eigenen Geschichte zu akzeptieren. Indem Nao beginnt, über das Geschehene zu sprechen, wird für Nao selbst nachvollziehbarer, was damals passiert ist. Nao geht dabei forschend vor und wagt sich zu den Erinnerungen, stellt sich »der Hand«.
Die Rückkehr der Sprache
Stilistisch arbeitet Ann Esswein besonders mit zeitlichen Rückblenden oder Wiederholungen aber auch mit der Integration neuer Perspektiven, welche Nao einnimmt, um die Erinnerungen an »die Hand« zu rekonstruieren. Beinahe tastend, als müsste jeder Satz erst überprüft werden, bevor er ausgesprochen werden darf, versucht Nao die eigene Wahrnehmung zu prüfen. So wendet sich Nao an Luki, einen ehemaligen Kindheitsfreund und eine der wenigen Personen, die Nao noch als Natascha kannten. Doch zwischen ihnen liegt eine spürbare Distanz. Der Mann mit Aktenkoffer und Hemd wirkt wie ein Fremder. Nao bittet ihn um Hilfe: Da ist »immer wieder eine Erinnerung, und ich kann sie noch nicht ganz verstehen.« Als Luki jedoch das damalige Ereignis verharmlosend als »komische Affäre« bezeichnet, ist Nao schockiert.

Jahre ohne Sprache
Ecco: 2025
192 Seiten, 24 €
Diese Art des Erzählens spiegelt Naos Innenleben wider und macht das Lesen zu einem emotional fordernden Erlebnis. Dabei verbindet Jahre ohne Sprache überzeugend individuelle Erfahrungen mit Strukturen einer patriarchalen Gesellschaft, die den Lebensrealitäten von Frauen kein Gehör schenkt. Fragen nach Macht und Geschlechterrollen sowie nach dem Umgang mit Verletzlichkeit werden dabei nicht explizit genannt oder ihre Antworten diskutiert, sondern anhand der verschiedenen Figuren evoziert. Nao selbst erzählt von »schlurfenden Frauen«, die Nao während der kurzzeitigen Arbeit in einer Anstalt beobachtet, einem Ort zwischen »Psychiatrie und Knast«. Es sind Frauen, deren Gang von Missbrauch und Erschöpfung gezeichnet ist. Statt Unterstützung erfahren sie Pathologisierung und werden für ihre Wunden selbst verantwortlich gemacht.
Spuren der Verarbeitung
Im weiteren Verlauf des Romans ist sichtbar, dass Naos Selbstfindung von tiefen Unsicherheiten begleitet wird. Je mehr sich »der Hand« des Täters und dem Verdrängten angenähert wird, desto stärker wird Naos Verletzlichkeit, die Nao versucht, zu überspielen. Besonders deutlich wird dies in den gedanklichen Begegnungen mit dem Täter, die sich zwar wiederholen, doch jedes Mal einen anderen Ausgang offenbaren. Auf diese Weise sucht Nao nach den richtigen Worten und kann das Erlebte nach und nach verarbeiten.
Essweins Roman ist dementsprechend kein Buch, das schnelle Antworten liefert. Vielmehr zeigt Jahre ohne Sprache, dass Wörter nicht immer ausreichen, um das Geschehene zu übersetzen, und das Schweigen Teil eines Verarbeitungsprozesses sein kann. Dabei wählt die Autorin einen sensiblen Zugang zu Traumata, der Raum für Reflexion lässt. Ihr Roman überzeugt durch seine emotionale Ehrlichkeit und regt dazu an, über Selbstermächtigung neu zu denken.

