Klimafreundlich, gerecht und gesund

Der Every-Konzern hat den Anspruch, eine klimaneutrale, gesunde und transparente Welt zu schaffen. Die Umsetzung dieser Ziele erfolgt durch totale Überwachung und die Abschaffung des freien Willens. In seinem neuen Roman Every macht Dave Eggers das Buch selbst zum Stilmittel.

Von Alexander Kempf

Bild: Via Pixabay, CC0

AuthentiFriend ist eine App, die mittels Muskelindikatoren im Gesicht und der Erkennung von Stimmlagen die Aufrichtigkeit eines:r Freundes:in und letztlich die Qualität der Freundschaft bewertet. Entwickelt wurde sie durch das titelgebende Digitalunternehmen Every in Dave Eggers Roman Every – ein Konzern, der aus dem Zusammenschluss eines E-Commerce-Riesen, »der nach einem südamerikanischen Dschungel benannt war«, und der Social-Media-Plattform The Circle (die bereits Thema des 2013 erschienenen Dystopie-Romans von Dave Eggers war) besteht. Mitarbeiter:innen werden als Everyones bezeichnet, der Campus nennt sich Everywhere. Für den Konzern sprechen seine Ansprüche und Ziele: Gegenseitige Wertschätzung. Gesundheit. Sicherheit. Klimagerechtigkeit. Transparenz. Für alle.

Gegen den Konzern spricht dessen Umsetzung. So erfolgen die Bemühungen um eine bessere Welt nicht durch einen politischen Prozess, sondern vielmehr durch totale Überwachung, die durch die Preisgabe sämtlicher persönlicher Daten ermöglicht wird. Shaming-Apps brandmarken vermeintliches Fehlverhalten und ersetzen die Judikative, Algorithmen schränken die Willensbildung erheblich ein und nicht zuletzt hautenge Bodysuits aus Lycra, die es auf dem Every-Campus zu tragen gilt, sorgen für absolute Transparenz vor allem in Hinblick auf männliche sexuelle Erregung. Im Vorwort zum Roman heißt es, die Handlung spiele in einer nahen Zukunft. Leser:innen werden angehalten, nicht herausfinden zu wollen, wann.

Ad Absurdum

Im Mittelpunkt des Romans steht die Geschichte der 32-jährigen Delany Wells, die den Every-Konzern und dessen Totalität mit Hilfe ihres Freundes Wes von innen heraus zerschlagen will. Nach einem umfangreichen Bewerbungsverfahren wird sie eingestellt und bereichert Every nunmehr mit zunehmend radikaleren und albernen Ideen, von denen sie sich erhoffte, Every damit ad absurdum zu führen: So misst die von Delany entwickelte App Did I? die Dauer und Intensität von Orgasmen und ermöglicht es den User:innen, ihre Orgasmen öffentlich mit denen anderer zu vergleichen. Die App Wham! erinnert Benutzer:innen alle zwei Stunden daran, etwas Unerwartetes zu tun, weil Spontanität vorgeblich das emotionale und intellektuelle Wohlbefinden fördere.

Eggers überschüttet die Leser:innen mit etlichen grotesken Ideen. Neben den unzähligen Apps, die sich Delany und Wes einfallen lassen, vermittelt auch die bisherige Infrastruktur, die der Every-Konzern zur Verbesserung der Welt etabliert hat (nicht zuletzt in Kleidung integrierte Kameras, mit Radarfallen ausgestattete Stoppschilder und Toilettenspülungen, die die Wassermenge anhand des hinterlassenen Produkts selbst bestimmen) ein angebrachtes Gefühl der permanenten Überwachung.

Ambivalenz als inhaltliche Verkennung

Dabei lässt sich der Roman keinem konkreten Genre zuordnen. Während sich die Geschichte anfangs unübersehbar dystopisch liest und es nicht verwundern würde, früher oder später dem »Großen Bruder« zu begegnen, muten die nicht existente Entwicklung der Charaktere, deren dialogische Plattitüden und die stets eklatante Klarheit darüber, ob es sich bei einer neu etablierten Figur um »eine:n Gute:n« oder »eine:n Böse:n« handelt, ausgesprochen satirisch an.

In der Welt von Every ist alles entweder richtig oder falsch. Es gibt weder Ambivalenzen noch Zwischentöne, sondern lediglich schwarz oder weiß. Entweder man liebt etwas oder man hasst es. Auf inhaltlicher Ebene ist das nicht weiter bemerkenswert, da die Konzeption des Every-Konzerns explizit darauf angelegt ist, das Leben der Menschen zwar einerseits so klimafreundlich, gerecht und gesund, andererseits aber auch so bequem wie möglich zu machen. Entsprechend lauten die Titel insgesamt drei Teile des Buchs auch »Endlich ein Gefühl von Ordnung«, »Die letzten Tage des freien Willens« und »Grenzenlose Auswahl zerstört die Welt«.

Auf den zweiten Blick

Diese allgegenwärtige Unzweideutigkeit spiegelt sich auf den ersten Blick bedauerlicherweise auch stilistisch wider. Dass die Sätze kurz und prägnant, die Einführung neuer Handlungsstränge nahezu algorithmisch vorhersehbar und stellenweise konstruiert ist, und Situationen beinahe unerträglich oberflächlich bleiben, ist in Anbetracht der Möglichkeiten der Thematik (Datenschutz, Sprachsensibilität, KI) ziemlich unbefriedigend. Bei den meisten Charakteren listet Eggers lediglich drei aufgelistete Adjektive auf, um sie in das Gesamtbild des Geschehens einzuordnen.

Auf den zweiten Blick lässt sich allerdings erkennen, dass ebendiese Vorhersehbarkeit und Trivialität, mit der immer wieder neue Ideen totalitärer Überwachung initiiert werden, die Leser:innen im Rahmen eines überwältigenden Stilmittels zunehmend einlullt und letztlich auch die Abschaffung der freien Produktauswahl nur noch als logisches, unaufgeregtes Resultat der vorherigen Maßnahmen verstanden wird. Das Buch selbst als Ausfluss des Every-Konzerns zu verstehen, hebt die literarische Anspruchslosigkeit letztlich auf eine Ebene des metaphorischen Erwachens. Eggers verkauft offensichtliche Tiefgründigkeit gegen die Wirkungsmacht des Zusammenspiels aus inhaltlicher und formaler Oberflächlichkeit.

macbook

Dave Eggers
Every

Übers. von Klaus Timmermann und Ulrike Wasel
KiWi: Köln 2021
592 Seiten, 25,00€

Optimierungswahn

Der Gegenwartsbezug der Handlung ist an vielen Stellen unübersehbar. Doch neben aller Technikkritik und diverser Warnungen vor Autokratie, Unmündigkeit und Selbstgerechtigkeit  beschäftigt sich der Roman schließlich auch mit der Frage nach dem Anspruch, den wir an uns selbst als Freund:in, Arbeiter:in oder lediglich Bewohner:in dieses Planeten stellen. Die Nutzung diverser Apps, um unser Verhalten, unsere Sprache und Produktivität zu verbessern und der damit einhergehende Optimierungswahn findet sich an vielen Stellen ohnehin in unserem Alltag. Jede freie Minute effektiv zu nutzen, selbst Meditation und Yoga nicht um ihrer selbst willen, sondern bewusst als Produktivitätssteigerung zu betreiben und den Maßstab des Ertrags an nahezu jedes Vorhaben zu legen, führt mindestens im Roman zu gesellschaftlicher Angst und Verzweiflung – stellenweise vielleicht auch schon darüber hinaus.

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