»Politisch sein, und nicht nur humanitär«

Unter den Aspekten Einordnen – Schreiben – Handeln brachte das Literaturhaus Stuttgart ukrainische, belarussische und deutsche Autor:innen, Journalisten und Kulturschaffende zusammen. Zwischen den Panels wurden Texte der Schriftsteller:innen Serhij Schadan, Valzhyna Mort und Katja Petrowskaja gelesen.

Von Eva Schuchardt

Bild: Via Pixabay, CC0

Das Literaturhaus Stuttgart lud am Montag, den 14. März 2022, sowohl im Saal als auch in der Live-Übertragung zu einer Veranstaltung ein, die den Angriffskrieg in der Ukraine und vor allem die Menschen vor Ort in den Mittelpunkt stellte. Im Laufe von drei Panels, die unter den Themenblöcken Einordnen – Schreiben – Handeln aufbereitet und von verschiedenen Redner:innen begleitet wurden, erhielten Stimmen aus der Ukraine Gehör. So wurde der Versuch unternommen, über die Ereignisse zu informieren, sie einzuordnen und vor allem das eigene Verhältnis zur Ukraine, zum Land und seiner Geschichte, seiner Kultur und seiner Literatur zu reflektieren. Zwischen den Panels wurden Texte der ukrainischen Schriftsteller:innen Serhij Schadan, Valzhyna Mort und Katja Petrowskaja gelesen.

Wir brauchen keinen Perspektivwechsel

Das erste Panel steht unter der Frage des Einordnens: Karl Schlögel, Osteuropaforscher und Publizist, Christian Neef, ehemaliger Russland-Korrespondent des Spiegel, und Volker Weichsel, Redakteur der Zeitschrift Osteuropa, kommen ins Gespräch.

Nachdrücklich leitet Volker Weichsel mit zusammenfassenden Worten zur verheerenden Situation das Panel ein. Er thematisiert die Betroffenheit in Deutschland und im westlichen Europa und verweist auf die hilfsbereiten Reaktionen in der Bevölkerung, stellt jedoch auch das politische Handeln in Frage. Was helfe die Betroffenheit, wenn wir eigentlich nicht verstanden haben, was die Ursachen und Ziele des Krieges sind und was diese mit uns zu tun haben. Was können wir als Gesellschaft tun, die auch Verantwortung für ihre Politik trägt?

Weichsels Frage, ob die deutsche Gesellschaft verstanden habe, worum es in diesem Krieg wirklich gehe, verneint Christian Neef unmittelbar. Bei aller Empathie und Hilfsbereitschaft, die durchaus zu erkennen ist, sieht Neef vor allem die Reaktionen der Politik in Verzug. Die Solidarität, die unter allen Nato-Staaten beschworen werde, reiche stets nur bis zur Energiepolitik. Gerade Deutschland scheine immer auch »die andere Seite« betrachten, einen Perspektivwechsel vornehmen zu wollen. Das immer noch vorhandene Verständnis für Putin ist für Neef unverständlich:

»Für mich ist es immer wieder verblüffend, wie viele Menschen noch versuchen, Verständnis für einen Menschen aufzubringen, der eine Aktion begonnen hat, die für meine Begriffe erstmals seit Hitler wieder eine völlig neue Qualität zeigt.«

Er verweist zusätzlich auf den Pazifismus, auf die Stimmen in der Gesellschaft, die vom militärischen Kampf absehen und den Krieg alleinig mit Aufgabe des Widerstandes gelöst sehen. Neef kritisiert diese Haltung, sieht darin ein Streben in die eigene Komfortzone, ein Stützen in den eigenen Moralismus. Kapitulation bedeute keineswegs Freiheit für die Ukraine.

Den Druck auf die inneren Eliten erhöhen

Karl Schlögel, der live aus Berlin zugeschaltet ist, betont seine Hoffnung angesichts des zu erkennenden Widerstandes und der Hilfsbereitschaft in Ländern wie Polen, Rumänien, Deutschland und Österreich. Die Zivilbevölkerung scheine zu verstehen, dass dieser Krieg nicht nur etwas mit der Ukraine zu tun hat, sondern dass er ganz Europa betrifft. Diese Einsicht sei entscheidend und müsse fortbestehen. Schlögel kommt auf Luftverbotszonen und dringend notwendige Hilfsmaßnahmen für eingeschlossene Städte zu sprechen.

Volker Weichsel leitet über zu der Frage, wie der Krieg momentan noch zu beenden sei. Er sieht die Lösung nicht in einem militärischen Gelage seitens des Westens und auch nicht in der Hilfe für Geflüchtete. Alleinig ein Elitenbruch gegen Putin stellt für Weichsel eine Möglichkeit dar, den Krieg zu beenden. Neef erkennt vor allem rückblickend eine Überschätzung der Oppositionspolitik in Russland. Diese äußerte sich beispielsweise durch die Euphorien, die durch politische Figuren wie Alexey Nawalny oder Pussy Riot ausgelöst wurden. Ein Bruch mit dem russischen Präsidenten sei nach Neef aber nicht vom Volk, sondern viel mehr aus Putins innerer Umgebung heraus auslösbar.

Wieder Bezug auf die Frage nehmend, was unsere Regierung tun kann, um die inneren Strukturen in Putins Kreis zu brechen, kommt Weichsel auf die Ökonomie zu sprechen. Weichsel betont, dass Deutschland angesichts der vorhandenen Wirtschaftskrise und der offensichtlichen Abhängigkeit vom Land die falschen Signale an Russland sende: »Wir bleiben berechenbar für Putin.« Auch Neef stimmt zu. Es seien schärfere und überraschendere Umbrüche notwendig – solange Gas und Öl weiter importiert würden und Deutschland sich der Energiewende nicht stelle, werde sich nichts ändern.

Im zweiten Panel, das unter dem Thema Schreiben steht, sprechen die westukrainische Autorin Tanja Maljartschuk, die seit 2011 in Wien lebt, der belarussische Autor Viktor Martinowitsch, der live aus Minsk zugeschaltet ist, und der Autor Sasha Filipenko, der ebenfalls in Minsk geboren ist. Katharina Raabe, Lektorin für osteuropäische Literaturen beim Suhrkamp Verlag, und Schamma Schahadat, Professorin für Slavische Literaturen und Kulturen an der Universität Tübingen, begleiten das Panel.

Kollektive Traumata

Maljartschuk liest einen ihrer eigenen Texte vor, den sie vor wenigen Tagen geschrieben hat. Der Text, Anno belli – aus dem Lateinischen für Jahr des Krieges, handelt von der Zeit. Welcher Tag ist heute? Welches Jahr? Seitdem der Krieg begonnen hat, werde die Zeit in der Ukraine anders gemessen. Nun heiße es, am ersten Tag des Krieges, der dritte Tag des Krieges, der zwölfte Tag des Krieges. Alles davor ist weit entfernt, ein anderes Leben, eine andere Welt. Vorkriegszeit.

»Haben wir damals etwas geahnt? Diesen Krieg? Diese existenzielle Bedrohung? Diesen Abgrund der Menschlichkeit, vor dem wir heute stehen? Der Krieg kam auch in meinen Körper hinein. Russische Panzer rücken vor und besetzen mein Herz, meinen Magen, meine Füße. […] Ich bin keine Schriftstellerin mehr und werde es vielleicht nie mehr sein können. Wörter erstarren in mir, sie sterben ab, gehen zu Grunde mit jeder weiteren Rakete, die meine Welt beschießt und zerfetzt.«

Nach Maljartschuks Lesung kommt Schamma Schahadat zu Wort. Sie greift Worte aus dem ersten Panel von Volker Weichsel auf: Literatur gibt Macht. Literatur gibt Hoffnung und Trost. Sie kann dabei helfen, nicht den Verstand zu verlieren. Ihre erste Frage richtet sich an Tanja Maljartschuk, deren Roman Blauwal der Erinnerung 2018 den Bachmann-Preis gewann und die Geschichte des polnisch-russischen Aktivisten Wjatscheslaw Lypynskyj erzählt. Es ist ein Buch über die Erinnerung und die Ukraine. Was bedeute Heimat für Maljartschuk? Heimat sei für sie vor allem etwas Geografisches, ein kleines Dorf in der Westukraine, in dem sie aufgewachsen ist und in dem auch ein großer Teil ihrer Familie begraben liegt, so die Autorin. Heimat bedeute jedoch auch die Traumata, die man erlebt, während man aufwächst: »Alles was ich bin, sind eben diese Traumata, die meine Eltern, die meine Großeltern, die meine Urgroßeltern erlebt haben und mir übergeben haben.«

So viel Leid die Geschichte ihres Landes auch trägt, so betont Maljartschuk dennoch auch ihre Hoffnung für die Zukunft der Ukraine. Hinsichtlich der Prognosen des Kriegsausganges beschreibt die Autorin nachdrücklich, dass die Antwort nicht immer nur sein dürfe, Putin habe schon verloren. Vielmehr müsse es heißen, die Ukraine habe bereits gewonnen, so Maljartschuk.

Die Rolle der Künste

Vom Schreiben geht das Panel über zum Verlegen. Schahadat fragt Suhrkamp-Verlegerin Katharina Raabe nach den Auswirkungen des Krieges auf den Literaturmarkt, ob der Blick weg von Russland und hin zur Ukraine oder Belarus gehen werde. Raabe ist vor allem dankbar für die Möglichkeiten der Übersetzung und für die wenigen Verlage, die ukrainische Literatur in Deutschland verlegen. Auch könne sie den Appell des ukrainischen Buchforums nachvollziehen, keine russischen Bücher mehr zu verlegen oder zu übersetzen. Raabe verweist jedoch auch auf diejenigen russischen Autor:innen und Verlage, die sich stets für die Freiheit des Wortes und des Verlegens positioniert haben: »Wir kämen nicht auf die Idee, diesen Autoren jetzt keinen Platz in unseren Programmen oder in unseren Bücherregalen mehr zu geben.«

Raabe kommt auch auf die Rolle von Literatur, Kunst und Musik in diesem Krieg zu sprechen. Sie formuliert eine Art Plädoyer für die Kunst und beschreibt das Interesse an der ukrainischen Literatur, an Autoren wie Serhij Zhadan, das überall auf der Welt da ist. So grauenvoll der Krieg ist, so gut sei es, dass gelesen wird:  »Es war nicht zuletzt die Literatur, die Musik und die Kunst, die gezeigt haben, was angegriffen und zerstört wurde.«

Literatur als Archivar

Im letzten Teil des zweiten Panels kommt Schahadat mit den belarussischen Autoren Sasha Filipenko und Viktor Martinowitsch ins Gespräch. Die Literaturwissenschaftlerin fragt beide Autoren, ob Literatur hellsichtig sein könne. Sie nimmt damit Bezug auf den Literaturwissenschaftler Jürgen Wertheimer, der mit seinem Projekt Cassandra diese These aufstellt.  

Filipenko kritisiert zunächst die Haltung der deutschen Politik, die weiterhin Gas aus Russland beziehe und damit Putins Krieg finanziere, und Europas, das nach wie vor zu passiv sei, ein Beobachter, aber kein Akteur. Auf Schahadats Frage antwortet der Autor knapp. Auch er gesteht der Literatur eine vorrausschauende Kraft zu, sieht die Krux jedoch darin, dass Autor:innen nicht gelesen und gehört werden. Für Viktor Martinowitsch ist Literatur, vor allem im Vergleich zur objektiven Berichterstattung in den Zeitungen, durchaus dazu fähig, Entwicklungen und Stimmungen einzufangen und wiederzugeben. Sie erwachse aus einem anderen Zeitgefühl heraus, sei eine andere, tiefe Art der Beobachtung der Welt.

Im dritten Panel unter dem Themenschwerpunkt Handeln finden sich die Literaturwissenschaftlerin Oxana Matiychuk und die Schriftstellerin und Verlegerin Kateryna Mishchenko mit der Generalsekretärin des Instituts für Auslandsbeziehungen, Gitte Zschoch, und Kateryna Stetsevych, Referentin für Ost- und Mitteleuropa bei der Bundeszentrale für politische Bildung. Es moderiert Claudia Dathe.

Dialoge eröffnen

Dathes erste Frage betrifft unmittelbar den eigenen Handlungsraum. Wie haben die Anwesenden ihre letzten Wochen persönlich verbracht? Was haben sie getan und wie sah ihr Alltag aus? Matiychuk erzählt unmittelbar aus der Ukraine. Aufgrund des Luftalarms befindet sie sich gerade in einem Keller in Czernowitz. In den letzten Wochen hat sie sich konstant um die Koordinierung von Hilfslieferungen und Spenden gekümmert: »Ich mache nun Krisenmanagement statt Kulturmanagement.« Auch Kateryna Mishchenko befindet sich gerade in der Ukraine und ist bei Verwandten untergekommen. Gegenwärtig schreibt sie intensiv für deutschsprachige Medien, berichtet über die Lage im Land. Sie fühlt, dass dies nun ihre Aufgabe sei.  Gitte Zschoch wiederum organisiert in Deutschland in Zusammenarbeit mit dem ifa eine Kontaktstelle für Geflüchtete, die im Kunst- und Kulturbereich arbeiten. Sie versuchen die Menschen aufzufangen, zusammenzubringen, Wohnungen zu vermitteln. Hinzuschauen und zuzuhören sei angesichts der spürbaren Ohnmacht und Hilflosigkeit entscheidend, so Zschoch.

Die Brücke nach Deutschland schlagend, leitet Claudia Dathe zu den Kulturschaffenden hier im Land über. Sie fragt nach einer konkreten Möglichkeit, in der gegenwärtigen Situation eine Verbindung zwischen den ukrainischen und deutschen Künstler:innen und Autor:innen herzustellen und erstere sichtbar zu machen.

Gitte Zschoch betont die Wichtigkeit und die Verantwortung, sich intensiv zu informieren. Es müsse ein differenziertes Bild geschaffen werden, das es erlaube, ukrainische Kunst und Kultur sichtbar zu machen. Dies geschehe so auch zum Beispiel durch Formate in Literaturhäusern, die ukrainische und deutsche Autor:innen zusammenbringen. Es sei wichtig, einen Austausch herzustellen, einander zuzuhören und Initiativen zu erschaffen. In jeder Stadt müsse es Orte des Dialogs geben, die auch die Möglichkeit des Produzierens, des Kunst-machens, nicht ausschließen.

Abbildungen der Zeit

Kateryna Mishchenko meint, neben dem Austausch sei auch die Dokumentation des Krieges und des gegenwärtigen Zustandes in der Ukraine durch Autor:innen und Künstler:innen wichtig. Es sei elementar, die Zerstörung und die Erfahrungen festzuhalten, sie mit Worten und visuellen Darstellungsmöglichkeiten einzufangen.

Kateryna Stetsevych betont, dass neue Diskurse in Deutschland geschaffen werden müssten, dass die vorhandenen nicht länger durch russische Narrative okkupiert werden dürften. Es brauche eine klare Sprache, um die Gegenwart zu beschreiben. Nicht erst ein Krieg oder ein bestimmtes Ereignis sollte den Auslöser darstellen, damit sowohl der Ukraine als auch anderen osteuropäischen Ländern endlich Aufmerksamkeit zuteilwerde. Stets werde sie gefragt, was wir in Deutschland nun machen können, wie wir von der Ukraine lernen können. Darauf antwortet sie abschließend:

»Was können wir von der Ukraine lernen? Diese Frage sollte nicht rhetorisch und aus Höflichkeit, sondern aus Wissbegierde gestellt werden.«

Die Veranstaltung im Literaturhaus Stuttgart zeigte nicht nur Sichtweisen ukrainischer und belarussischer Autor:innen und Kulturschaffender in der gegenwärtigen Situation auf, sie konfrontierte vor allem mit dem Unangenehmen. Mit der Angst vor dem Ungewissen und dem Appell, dass dieser Krieg uns alle, jede:n Einzelnen in Europa betreffe. Dass es wichtig sei, über seine eigenen Sichtweisen hinauszublicken, die Augen zu öffnen und sich seinen eigenen politischen und persönlichen Handlungsräumen nicht nur bewusst zu sein, sondern auch zu handeln.

Hier könnt ihr die Veranstaltung im Archiv des Literaturhauses Stuttgart anschauen.

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