Jede Frühlingsknospe eine Lüge

Über The Legend of Zelda: Oracle of Seasons, wo kein Verlass mehr auf etwas so Grundlegendes wie Jahreszeiten ist. Über ein ambivalentes Verhältnis zur echten Welt. Über Frühlingsgefühle und das Gegenteil davon.

Von Frederik Eicks

Bild: Via Pixabay, CC0, bearbeitet

Für meine erste Konsole, einen grünen Gameboy Colour, wünschte ich mir ein Spiel, »bei dem man einen Ritter spielt«, oder so ähnlich. Meine Eltern schenkten mir The Legend of Zelda: Oracle of Seasons. Der Plot ist simpel bis ausgelutscht, aber wie bei allen Zelda-Spielen liegt der Witz in der Spielmechanik: Bösewicht Onox versenkt den Tempel der Jahreszeiten im Erdreich, sodass die Jahreszeiten in der Region Holodrum völlig durcheinandergeraten. Beim Durchqueren der Ländereien ist es Winter, angekommen in der Stadt folgt dann der Herbst, aber nur im Osten, im Westen blühen die Frühjahrsblumen. Beim Verlassen der Stadt türmen sich wieder Schneeberge auf.

Frühlingskolumne

Der Frühling ist endlich da – und weckt bei den Litlog-Autor:innen ganz unterschiedliche Assoziationen. In guter Tradition der Sommerkolumne betrachten wir in unserer neuen Reihe die Jahreszeit in all ihren Facetten. Alle Beiträge findet ihr hier.

Das Spiel zählt zu den 2D-Zelda-Titeln. Diese wiederum gehören innerhalb des Franchise zu den anspruchsvolleren in Sachen Rätsellösen, Navigieren und bisweilen auch Kämpfen. Damals konnte ich das Spiel nicht einmal zur Hälfte abschließen. Besonders frustrierend war es, all die Wege und Schätze zu sehen, die erst in einer anderen Jahreszeit erreichbar würden. Die Jahreszeiten beherrschen lernt man aber nur nach und nach. In Oracle of Seasons ist jede Frühlingsknospe eine Lüge, immer dieselbe – dass der Winter vorbei geht. In unserer Welt sind die Jahreszeiten noch einigermaßen intakt, doch mein Gefühl ist identisch. Ich weiß nicht mehr, wann es Winter wird, oder wie viele oder welche Gestalt er annimmt.

Womit wir aus dem Winter gehen

Denn die niedersächsischen Felder, auf denen sich wegen der aneinanderreihenden Sturmtiefs im Februar regelrechte Seen gebildet haben, werden bald wohl wieder in der dürren Hitze liegen. Schon im März fiel fast überall nur ein Bruchteil des einstmals üblichen Regens. Der massive und der ausbleibende Niederschlag hängen beide mit dem durch die Erderwärmung erlahmenden Jetstream zusammen, der die Hoch- und Tiefdruckgebiete nicht mehr wie früher über den Erdball jagt. Stattdessen verharren sie des Öfteren an Ort und Stelle. Im globalen Süden gibt es zwar keine Jahreszeiten, aber die Folgen der Klimakatastrophe sind hier noch schneller und drastischer zu spüren.

Womit gehen wir noch aus diesem Winter? Mit 100 Milliarden Euro deutscher Rüstungsausgaben versus insgesamt einer (1!) Milliarde Euro europäischer Hilfsgelder für die Ukraine. Mit einer plötzlichen Hilfsbereitschaft gegenüber Geflüchteten, die in dem Moment erlischt, in dem in der Ukraine lebende, nichtweiße Menschen ohne ukrainischen Pass über die Grenzen wollen. Mit einer zeitgleich immer noch geschlossenen polnisch-belarussischen Grenze, an der Geflüchtete aus Syrien und Afghanistan erfrieren, und der Crew des von Italien beschlagnahmten zivilen Rettungsschiffs Iuventa, gegen die im Mai der Prozess wegen »Beihilfe zur illegalen Einwanderung« beginnt. Mit explodierenden Rohöl-Preisen, die nicht etwa mit tatsächlicher Warenknappheit, sondern mit Börsenspekulationen zusammenhängen. Mit deutschlandweit und täglich stattfindenden, als Spaziergänge getarnten, für Rechtsradikale offenen Versammlungen aus dem Querdenken-Spektrum, auf denen auch in Göttingen verschwörungsideologischer und antisemitischer Müll verbreitet wird. Mit der Ungewissheit, wie viele dieser Personen tatsächlich nach rechtsaußen abdriften, wenn die letzten halbherzigen Maßnahmen gegen das Virus fallen.

Welche Freude

Ja, welche Freude sind mir die wärmenden Strahlen der kräftiger werdenden Sonne im Gesicht, die bunten Frühblüher in den Gärten, an denen ich vorbeiziehe, das leuchtende Weiß der vereinzelten Wolken? Gestern flog mir das erste Insekt mit voller Absicht ins Ohr und auf den Weidenkätzchen tummeln sich bald schon die Bienen. Auf den Schillerwiesen riecht es nach frisch gemähtem Gras und Gegrilltem und Gras, während Kinder am Spielgerüst vor Glück jauchzen und Studierende Frisbee spielen oder dieses seltsame Spiel mit dem Minitrampolin in der Mitte, in das man einen Ball reinschmettern muss, um ihn wieder emporschnellen zu lassen. Ich sitze da und eine Ameise krabbelt mir über das Handgelenk, während ich diese Jahreszeiten beherrschen lerne.

– Über allem knattert ein Kleinflugzeug.

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