Die beiden 2025 veröffentlichten Debüt-Romane der Autorinnen Jehona Kicaj und Marina Schwabe erfreuten sich seit ihrer Veröffentlichung großer medialer Aufmerksamkeit. In einem anregenden Abend im Göttinger Literaturhaus kommen die zwei unterschiedlichen Erstlinge durch die Moderation von Alexandru Bulucz miteinander ins Gespräch.
Von Diana Muth
Bild: Literarisches Zentrum
Ein volles Haus erwartet Jehona Kicaj (*1991) und Marina Schwabe (*1987) im Göttinger Literarischen Zentrum am Abend des 29. April. Das dürfte nicht zuletzt daran liegen, dass die zwei ausgesprochen unterschiedlichen Debüts, die 2025 in den Göttinger Verlagen Wallstein und Steidl erschienen, mit einer frappierenden Rezeption aufwarten können.
In Kicajs 170-seitigem Roman ë sucht eine Ich-Erzählerin und junge Nachgeborene des Kosovo-Krieges nach den Spuren ihres ermordeten Großvaters, dessen Gebeine nie gefunden wurden. Doch vor allen Dingen handelt das Buch von der Sprachlosigkeit: von ihren Wurzeln im intergenerationalen Trauma und im Gefühl der Fremdheit. Dieser Sprachlosigkeit Ausdruck zu verleihen, gelingt der Autorin mit einer poetischen, bildreichen Sprache und der Konstruktion eines semantischen Netzes durch Leitmotive. Ihr kunstvoll komponiertes Werk wurde von der Literaturkritik begeistert rezipiert, es gewann den Literaturpreis der Landeshauptstadt Hannover und wurde 2025 für die Shortlist des Deutschen Buchpreises ausgewählt. Schwabe erzählt im Roman Rift die Geschichte eines Geschwisterpaares, das einen Roadtrip durch die USA zum Pazifik unternimmt und damit den Kindheitstraum des unheilbar kranken Bruders Janko wahr werden lässt. In dem Buch trifft auf knapp 160 Seiten der alltagssprachliche Ton eines Reisetagebuchs auf die geologischen Reflektionen der Schwester, die Geologin und zugleich Ich-Erzählerin des Romans ist. Schwabe wurde für ihr Debüt mit dem Preis der Jürgen-Ponto-Stiftung ausgezeichnet, zu deren Preisträger*innen bisher auch Sasha Marianna Salzmann, Deniz Ohde und Kim de l’Horizon gehörten.
Moderator dieses Abends ist der Lyriker und Literaturkritiker Alexandru Bulucz – letztes Jahr gleichfalls Anna-Vandenhoeck-Gastdozent für Literaturkritik in Göttingen. Er steht vor der Herausforderung, diese zwei thematisch und stilistisch ganz und gar unterschiedlichen Bücher dialogisch in Verbindung zu bringen. Eine Gemeinsamkeit der Romane liegt für ihn in der Frage begründet: »Was bleibt, wenn jemand fehlt?« – in Schwabes Roman der langsam verschwindende Bruder Janko, bei Kicaj der verschwundene Großvater. Die zwei Autorinnen und ihr erstes Werk für sich sprechen zu lassen, doch zugleich miteinander ins Gespräch zu bringen, gelang Bulucz mit einer, wie er es nannte, »experimentellen Ordnung« des Abends: So lesen die Autorinnen nach einer kurzen Einführung en bloc aus ihren Büchern vor, wonach Bulucz Fragen stellt.
Der Preis eines Debüts
Die erste dieser Fragen greift die besondere Position der Autorinnen auf, die beide am Anfang ihrer literarischen Karriere stehen. »Was«, fragt Bulucz, »ist der Preis eines Debüts?« Schwabe führt daraufhin aus, wie zeitintensiv sich die zehnjährige Arbeit an ihrem Buch gestaltet habe. Doch nun bedeute der Erstling auch ein »Ticket in den Literaturbetrieb«. Für Kicaj sei mit der Arbeit an dem Buch »Verzicht und Unsicherheit« einhergegangen. Neben ihrem Job habe sie das Buch an den Wochenenden geschrieben – Verzicht also auf Familie und Freundschaften über einen längeren Zeitraum hinweg. Zwar sei ihr der Stoff des Buches nahe gewesen – Kicajs Eltern flohen mit ihr in den 1990er Jahren aus dem Kosovo nach Deutschland –, doch mit der Niederschrift sei die fortwährende Beschäftigung mit Krieg und Massakern einhergegangen. Dies sei zugleich Grund für eine ihrer Unsicherheiten: In unserer Zeit voller Kriege und Krisen, wer werde sich dieses Themas annehmen, wer dieses Buch wohl lesen? Diese nachvollziehbare Befürchtung der Autorin erntet ein warmes und wohlwollendes Lachen aus dem Publikum, dem der Erfolg des Buches bekannt ist. Es lasse sie dankbar und demütig zurück, betont Kicaj, dass ihre Sorgen sich nicht bewahrheitet haben.
Es folgen Fragen über die Erzähltechnik und Motive der beiden Bücher: In Marina Schwabes Reiseroman Rift müssen die Geschwister Zuzanna und Janko mit dem ausgesprochen begrenzten Budget von 15 Dollar pro Tag haushalten. Doch löst sich diese Schwierigkeit von selbst auf, da die beiden, no strings attached, ein Auto geschenkt bekommen und zufällig sehr viel Geld, eingenäht in einer Motel-Matratze, finden. Humorvoll, doch sichtlich irritiert von diesem so plötzlichen ‚Reichtum‘ und dem Ausbruch aus dem literarischen Realismus, fragt Alexandru Bulucz die Autorin, was dieses zunächst begrenzte Budget erzählerisch für sie ermöglicht habe. Schwabe betont daraufhin die Hürde, die die monetäre Begrenzung für die Figuren darstelle. Der Autorin offenbarten sich dadurch erzählerisch neue Möglichkeiten für »Utopisches«; so weist Schwabe auch auf die intertextuellen Verweise zu unterschiedlichen Märchen im Text hin. Zugleich sei es ihr ein großes Anliegen, dass sich der Fund des »Matratzengeldes«, wie es Bulucz nannte, im Rahmen eines realistischen Möglichkeitsraumes abspiele. Als Zuschauerin könnte man meinen, dass es nun wohl der Literaturwissenschaft obliegt, diesen Widerspruch aufzulösen, den die gleichzeitige Berufung auf Utopie und Realismus hervorruft.
Die Kontrolle, ihr Verlust und sprechende Knochen
Nicht surreal, aber doch außergewöhnlich, ist der todkranke Bruder Janko aus Schwabes Roman, der vor jeder Bahnfahrt das Schienennetz auswendig lernt und vor dem Zubettgehen ein strikt befolgtes Abendritual vollführt. Er sei, erläutert die Autorin auf eine Nachfrage hin, auf dem autistischen Spektrum. Bulucz merkt an, dass diese Rituale auch ein Versuch sein könnten, Kontrolle in einer überaus chaotischen Welt wiederzugewinnen. Darin bestünde möglicherweise eine Parallele zu dem Roman ë, sagt der Moderator an Kicaj gewandt, denn das Zähneknirschen der Protagonistin habe eine ähnliche Funktion. Kicajs Roman beginnt mit einer Szene, in der die Ich-Erzählerin mit einem Zahnsplitter im Mund und Kieferschmerzen aufwacht: Nachts zermahlen der Ober- und Unterkiefer die Zähne. Die Autorin entgegnet, dass es viel eher einem Kontrollverlust gleichkomme: Wenn nachts die Ratio und auch die Sprache versage, begännen die Knochen zu sprechen. Die Protagonistin lernt aus der Vorlesung einer Forensikerin, dass auch die Gebeine der Kriegstoten sprechen: Oftmals lassen sich die Menschen nur durch ihr Gebiss identifizieren. Wie Marina Schwabe bemerkt, wird hier eine Parallele der beiden Bücher sichtbar, denn beide Protagonistinnen nähern sich ihrer jeweiligen Thematik und Problematik über Rationalisierung und eine wissenschaftliche Sprache. Bei Kicaj ist es die soeben aufgegriffene, akribische Recherche über den Kosovo-Krieg, bei Schwabe die Rationalisierung von Sterblichkeit vermittels der wissenschaftlich-geologisch gefärbten Naturbeobachtungen.
Eine letzte Frage: ë, e, ə?
Alexandru Bulucz schließt den anregenden Abend mit den Worten, dass diese zwei großartigen Bücher ihn als Lyriker inspirieren würden, mehr Prosa zu lesen. Obwohl der Moderator angedacht hatte, die Nachfragen aus dem Publikum auf die Signierstunde zu verschieben, erhebt sich nach dem energischen Schlussapplaus eine Stimme. Ob man nicht doch nur eine Frage stellen könne? Es ist eine Frage, wie sie sicher viele bereits im Kopf hatten: Wie denn der Titel des Romans von Jehona Kicaj richtig auszusprechen sei? Allgemeine Heiterkeit im Saal. Der Buchstabe, antwortet Jehona Kicaj herzlich, sei ein abgedunkeltes e, wie am Ende des Wortes Gedanke, im Deutschen der Schwa-Laut. Faleminderit!

