Ein Intermezzo? Ja, bitte!

In ihrem vierten Roman behandelt Sally Rooney genau das, was der Titel verspricht: ein Zwischenspiel, eine Übergangsphase im Leben der Hauptfiguren. Das dringend nötige Intermezzo zwischen den teils schwer ertragbaren Dialogen gönnt die Autorin ihren Leser:innen allerdings nicht – im Gegenteil.

Von Marie Bruschek

Bild: Via Pixabay, CC0

Die Stimme ihrer Generation, gekonnte Analytikerin zwischenmenschlicher Dramen, verschworene Feindin des Anführungszeichens: Dieses Bild malen Massenmedien und Feuilletons weltweit mit sorgsam gesetzten Pinselstrichen von Sally Rooney. Die irische Autorin, geboren 1991, katapultierte sich mit ihren Romanen rasant auf die große Bühne des Literaturbetriebs. Besonders Normal People, nicht zuletzt durch die Serienadaption mit Paul Mescal und Daisy Edgar-Jones, sorgt bis heute für Faszination – und das zu Recht. Zahlreiche Menschen sehen sich selbst in den Figuren Connor und Marianne gespiegelt, deren Liebesgeschichte keine ferne Realität ist: Kommunikationsprobleme, Ängste und intensive Gefühle werden sowohl vom Roman als auch von der Serie mit Feingefühl vermittelt.

Vergangenen Herbst legte Rooney nun nach, Roman Nummer vier, Intermezzo taufte sie die über 400 Seiten. Es ist ihre umfangreichste Veröffentlichung bis dato, ein weiterer Bestseller, und wurde von Fans und Kritiker:innen gleichermaßen mit offenen Armen in die Liste der besten Neuerscheinungen des Jahres aufgenommen. Die Frage, »Wäre Intermezzo auch ohne Rooneys Kultstatus ein Erfolg geworden?« drängt sich, wie bei den meisten sehr bekannten Autor:innen, auf.

Zwischen Gesagtem und Gedachtem

Der Plot klingt in der Kurzfassung klischeehaft – und schafft es bedauerlicherweise auch in der ausführlichen Fassung nicht, sich davon zu befreien. Die Protagonisten, Peter und Ivan, sind entfremdete Brüder, deren Vater kurz vor Beginn des Romans stirbt. Ivan, Anfang 20, sozial unbeholfen, ist Profi-Schachspieler und beginnt ein Verhältnis mit der fast doppelt so alten Margaret, die wiederum ihr eigenes emotionales Gepäck mitbringt. Sein Bruder Peter könnte im Vergleich zu Ivan kaum ein anderes Leben führen: Er ist in seinen Dreißigern, Anwalt, gut aussehend, charismatisch. Er jongliert die ›Freundschaft‹ zu seiner ersten Liebe (Sylvia) sowie eine Beziehung zur Studentin Naomi.

Dabei erinnert Peter stark an eine Person mit klassischem Madonna-Hure-Komplex – also die psychologische Tendenz nach Freud, Frauen entweder als ›heilig‹ und unantastbar zu idealisieren oder als rein sexuelles Objekt zu behandeln. Sylvia wird von ihm hoch geachtet und bewundert. Getrennt haben sich die beiden nach ihrem Unfall, seit welchem Sex für sie mit Schmerzen verbunden ist. Naomi hat wiederum Lolita-artige Züge, bietet an: »You can do whatever you want with me«. Es wird deutlich: Emotional ist er mit Sylvia genau so eng verbunden wie vor der Trennung, geklärt sind die Beziehungsverhältnisse keineswegs. Naomi  erkennt das Gefüge: »Unclear whether you’re cheating on me with her, or you’re cheating on her with me, she said.«

Ganz Rooney-esk gibt es keine Anführungszeichen, Gesagtes und Gedachtes verschwimmen, die Dialoge der Paare lesen sich teils wie zerrissene Monologe. Dieses Prinzip, in Rooneys Romanen altbewährt und noch immer funktionstüchtig, lässt Leser:innen in den Strom des Geschehens eintauchen. Aus drei Perspektiven wird erzählt: aus Peters, aus Ivans, und aus Margarets, die in Ivans Kapiteln zu Wort kommt. Der Text springt mühelos zwischen den dreien hin und her, wobei jede Figur eine klar erkennbare Stimme behält: Peters besteht aus kurzen, abgehackten Gedanken, Margaret ist geprägt von ausschweifenden Überlegungen und Ivan verliert sich immer wieder in einem nervösen Hin und Her. Wie üblich ist ein Rooney-Roman kein hochspannender, auf Plot fokussierter Actionthriller. Die Protagonist:innen kreisen in ihrem Kosmos um sich selbst, reden, philosophieren. Rooneys vorherige Romane zeigen: Das muss nicht scheitern, das kann meisterhaft gelingen.

Im Taschenbuchformat: Misogynie zum Mitnehmen

Keine der Figuren ist durch und durch sympathisch, ein von Rooney sicherlich intendierter Effekt. Und auch grundsätzlich kein ästhetisches Bewertungskriterium: Welche großen Charaktere der Weltliteratur zeichnen sich schon durch Sympathie aus? Doch dass alle Protagonist:innen Klischees bleiben und Leser:innen so auf Distanz halten, das war sicher nicht beabsichtigt. Die Beziehungen der Charaktere entwickeln sich auf tiefer Ebene kaum weiter. So bleibt Naomi die junge, sexuell verfügbare Studentin, so bleibt Peter der ältere Mann, der von ihrer finanziellen Notlage profitiert. Das Schema gilt für alle Figuren und wird schnell langweilig. Geht es augenscheinlich um Geschwisterschaft, Trauer, und das Navigieren komplizierter Beziehungen, ziehen sich die Kapitel träge dahin – Hauptinhalt sind oberflächliche Dialoge und verbrauchte Topoi.

Sally Rooney
Intermezzo
‎ Claassen: 2024
496 Seiten, 24 €

Die anklingenden Themen, an sich tiefsinnig und klug, gehen irgendwo zwischen Autorin und Leser:innenschaft verloren. So möchte man Peter, dem am meisten Tiefe zugestanden wird – seine Kapitel enthalten die interessantesten Reflexionen des Romans – schnell nicht mehr zuhören. Seine Perspektive soll, vermutlich passend zum Handlungsort Dublin, an den Autoren James Joyce (Ulysses) erinnern: »Walking under sunlight by the river alone. Classes in the afternoon. Satisfaction of performance wears off with the milligramm.« Das wird Dauer anstrengend, doch kein Vergleich zu den Kapiteln seines Bruders. Ivan führt gerne ›tiefe‹ Gespräche – »It’s like the order is so deep, and it’s so beautiful, I feel there must be something underneath it all« – und wurde als neurodivergenter Charakter angelegt. Ivan erfüllt nahezu sämtliche Klischees, die oberflächlich mit Autismus assoziiert werden. Das wirkt nicht wie nuancierte Repräsentation, sondern schon fast wie ein Abarbeiten der typischen Symptome.

Was wiederum lebensecht gelingt: Ivan trägt Incel-Gedankengut mit sich, und erkennt mit seiner ersten Beziehung, dass Frauen (Überraschung!) auch Menschen sind. Während er seine alten ›Theorien‹ überdenkt, kommt in der Rezeption Ekel auf: »Feminists, it seemed to Ivan, were campaigning for a world in which men, far from being equal citizens, in fact had to give up their seats on public transport, whenever any random woman decided to get pregnant, which happened constantly.« Es gelingt dem 22-Jährigen nicht, diese Gedanken abzuschütteln.    

Skizzenhafte Figuren    

Rooneys facettenreiche Charaktere in anderen Werken – siehe Connor und Marianne – haben liebsame und unliebsame Seiten – doch Ivan und Peter, die schlussendlich doch noch zusammenfinden, bleiben meist eindimensional, mit einer Prise Misogynie oben drauf. Die Charakterisierung als ein älterer, reicher, erfolgreicher Bruder im Gegensatz zum jüngeren, unsicheren, empfindlichen Bruder bleibt zu fest – man wünscht sich, Rooney hätte gezeigt, dass dieser erste Eindruck nicht die ganze Wahrheit ist. Margaret ist unentschlossen, ob die Beziehung zu dem jüngeren Bruder nicht ein Machtgefälle beinhaltet und lieber beendet werden sollte, und aktiviert damit die üblichen Klischees einer Beziehung mit Altersabstand. Sie reflektiert das Verhältnis, doch auch das trägt nichts Spannendes zur Dynamik der beiden bei. Warum Rooney dieser Dynamik so viel Platz gibt, bleibt rätselhaft – vielleicht hätten stattdessen mehr Seiten aus Ivans Sicht ein wenig Mitgefühl für ihn erzeugen können. Eine andere Option: auch Peters Freundinnen eigene Gedanken formulieren lassen, doch so wirken die drei Perspektiven unausgeglichen.

Parallelen zwischen den Brüdern und ihren Beziehungen zeigt Rooney elegant auf, ohne sie zu überzeichnen, ihre Prosa glänzt an vielen Stellen: »to fear judgement was not the same thing as believing that the judgement was valid.« Auch die Trauer um den Vater, die zwar nur selten direkt erwähnt wird, ist berührend. Doch lohnen sich dafür die über 400 Seiten? Der Roman verlangt Stunden an Geduld für wenig Erkenntnis. Letztlich lauscht man dem Großteil von Intermezzo zwei emotional unreifen Männern, mit vereinfachter Sicht auf die Frauen in ihrem Leben. Sylvia und Naomi bleiben Skizzen als eigenständige Figuren. Intermezzo ist ein Buch über anstrengende Männer – und Frauen, die ein Potenzial in ihnen sehen, das nicht existent ist.

Wer Rooney lesen will, dem ist geraten, eher zu Normal People oder auch Conversations with Friends zu greifen – oder einfach auf den nächsten Roman zu hoffen. Die Autorin wagt sich in Intermezzo schließlich erstmals an männliche Perspektiven im Übermaß – vielleicht gelingt das beim nächsten Mal. Ihre Figur Peter formuliert für den aktuellen Roman passend, wenn auch im Small Talk zu einem anderem Werk: »they talked about a new book everyone liked which they had both thought terrible.«

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