Pflanzliche Fluchtwege

Pflanzen als Hoffnung oder Abgrund? In dem dystopischen Debütroman Phytopia Plus von Zara Zerbe geht es immer wieder um eines: Die Grenzen von Faszination und Abscheu auszuloten. In Zerbes Dystopie einer durch den Klimawandel veränderten Welt sind Menschen mehr denn je mit den Problemen einer hierarchisch organisierten Gesellschaft konfrontiert.

Von Tabea Lüders

Bild: Via Pexels, CCO

Die Protagonistin Aylin Rastović lebt im Hamburg der 2040er Jahre, das längst den gravierenden Konsequenzen des Klimawandels zum Opfer gefallen ist. Technologien wie die Bewusstseinsspeicherung in der DNA von Pflanzen sind das Privileg der wohlhabendsten 10 Prozent. Währenddessen ringt der Rest der Bevölkerung ums Überleben. Und zwischen all dem steht Aylin, die sich durch die Extreme ihres Umfeldes navigiert. Sie arbeitet als Aushilfskraft bei dem Unternehmen, der Drosera AG, die sich mit der Bewusstseinsspeicherung verstorbener Personen auf Pflanzen befasst. Diesem Programm verdankt das Buch auch seinen Namen, Phytopia Plus. Aylin macht aus genau jenen, besonderen Pflanzen Schwarzmarktware, um sich etwas zu ihrem Lebensunterhalt dazu zu verdienen.

Um die dystopische Welt greifbar zu machen, verwendet Zerbe einen besonders markanten sprachlichen Stil. Prägend sind vor allem die atmosphärische Dichte und die bildhaften Beschreibungen. Ihr gelingt es, das Stimmungsbild einer düsteren und bedrückenden Welt ehrlich und unverfälscht widerzugeben. So zeigen sich in und zwischen den Zeilen wiederholt subtile Spannungen, die die Realität einer veränderten Welt nachfühlbar machen. Und schon nach wenigen Seiten des Buches müssen Lesende feststellen, dass Zerbe mit Phytopia Plus unverkennbar einen wichtigen Platz in der modernen dystopischen Literatur einnimmt.

»Zwischen rissigen Straßenbelag, umgestürzte Mülltonnen im Innenhof und staubige Hausfassaden passt kein nachbarschaftlicher Smalltalk, erst recht nicht, wenn der Boden unter dem Pflaster langsam, aber sicher von der Elbe unterspült wird.«

Eine Protagonistin zwischen Rebellion und Anpassung

Aylin verkörpert keine Heldin im klassischen Sinn. Weder ist sie besonders rebellisch noch wird sie als charismatisch charakterisiert. Zerbe zeichnet die Figur distanziert: Man bekommt kaum Einblicke in ihre Gefühlswelt. Lediglich Aylins Arbeitsverhältnis in der Drosera AG könnte als moralischen Zwiespalt beschrieben werden, mit dem sie manchmal hadert. Das Unternehmen wirbt damit, nach dem Ableben das menschliche Bewusstsein in den Zellvakuolen von Pflanzen, die sich der Verstorbene vor dem Tod selbst aussucht, für die Ewigkeit zu speichern. Eine Entscheidung, die sich noch als besonders heikel herausstellen kann. Denn Lieblingspflanze hin oder her – Aylin stellt immer wieder fest, dass einige Gewächse nicht lange überleben können. Und der Kostenpunkt? Bloß 350.000 Euro.

Auf der einen Seite steht hier also die Tatsache, dass Aylin als Aushilfsgärtnerin die Pflanzen pflegt und somit dafür verantwortlich ist, dass diese Pflanzen überleben. Sie unterstützt also durch ihre Arbeit ein System, in dem nur wenige, ökonomisch enorm gut ausgestattete Menschen besondere Vorzüge erleben dürfen. Andererseits lernen die Rezipient:innen Aylin auch als Menschen kennen, die mit illegal gezogenen Stecklingen einen ausschlaggebenden Teil ihres Lebensunterhaltes bestreitet. Erst zieht sie die Pflanzen nur in der eigenen Wohnung, später zieht sie die gestohlenen Pflanzen in einer verlassenen und einsturzgefährdeten Einkaufspassage groß. Letzteres jedoch nur solange, wie es gut geht: Eines morgens werden die Stecklinge restlos gestohlen. Dieser Widerspruch, etwas Geliebtes wie die Pflanzen auszubeuten, gibt ihrem Charakter so eine besonders tragische Dimension. Zerbe zeichnet mit Aylin also eine Figur, die vor Ambiguität nur so strotzt. Auch zeigt sie, dass Menschen in Lebensrealitäten wie in Phytopia Plus gezwungen sind, Grauzonen zu betreten, um des Überlebens willen.

Die Pflanzen stellen nicht nur ein rein beispielhaftes Element für die Schwierigkeiten jener Zeit dar. Zerbe macht sie zu mehr als nur einem Bestandteil der Welt, sie werden zu Symbolen des Lebens selbst. Überzeugend wird dies durch wiederkehrende Passagen, in denen Pflanzen Redeanteile zugeteilt werden. Was auf den ersten Blick sperrig wirkt, gewinnt im Laufe der 272 Seiten mehr und mehr an Bedeutung. Denn sie stellen nicht weniger als die verstorbenen Personen selbst dar, deren Bewusstsein nach dem Tod in eben solche Pflanzen eingesetzt wurde. Damit macht Zerbe den Grundgedanken des Buches, die Verewigung des menschlichen Lebens auf Pflanzen, subtil greifbar.

»Wisst ihr, was ich manchmal denke? – Ja, natürlich wissen wir das. – Es müsste immer Musik da sein. Bei allem, was wir machen. – Also beim Wachsen. – Ja, genau. Und auch sonst. – Ein paar Schwingungen auf der Zellmembran haben uns noch nie geschadet.«

Die Welt von Phytopia Plus: Dystopie oder Gegenwart?

Was Lesenden schnell klar wird, ist die erschreckende Nähe zur Realität: Klimawandel und eine wachsende Kluft zwischen Arm und Reich sind längst normaler Bestandteil des Alltags. Soziale Ungleichheiten und ihre Folgen sind nicht bloß dystopische Zukunft, sondern eine reale, ernstzunehmende Bedrohung. In Phytopia Plus ändert der Klimawandel die Lebensrealitäten vieler Menschen auf einschneidende Art und Weise – jedoch nicht die von allen Menschen. So bekommt Aylin während ihres Schwarzmarkthandels zu spüren, dass sie zu den Menschen gehört, die sich Sorgen um ihr Überleben machen müssen: »Wir sind arm und das riechen diese Menschen hundert Meter gegen den Wind.« Zerbe stellt die Unterschiede zu den Pelzmanteltragenden und zu denen, die noch Obst- und Gemüseläden oder Lüftungsanlagen zur Verfügung haben, deutlich heraus.

Zara Zerbe
Phytopia Plus
Verbrecher Verlag: 2024
272 Seiten, 25 €

Zerbe gelingt es, ein Zukunftsbild darzustellen, das bereits bei flüchtigem Lesen dystopisch wirkt: Dazu zählen etwa der Handel mit Pflanzenstecklingen, die von der Protagonistin häufig gegen frisches Obst oder Gemüse eingetauscht werden, ebenso wie die unbetretbaren Elbpassagen, die längst von der Elbe unterlaufen und einsturzgefährdet sind. So sollte die Welt von Aylin als eindringliche Reflexion über die menschliche Beziehung zur Natur, die Konsequenzen technologischen Fortschrittes und die Grenzen sozialer Gerechtigkeit verstanden werden. Eins ist klar: Phytopia Plus ist eine Warnung, ein Mahnmal für die Gegenwart. Denn zu leicht können wir selbst zu Gefangenen eines Systems unserer eigenen Errungenschaften werden.

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