Aufwärmen

Die Autorin Shida Bazyar überzeugt mit ihrem zweiten Buch Drei Kameradinnen, durchdachten Antworten und einer auffällig angenehmen Vorlesestimme. Das ungewöhnliche Setting der Landesvertretung Niedersachsen, bekannte Gesichter und leckeres Essen lassen die Vorfreude auf den Literaturherbst steigen.

Von Lisa Marie Müller

Bild: Literaturherbst

In den Hallen der Landesvertretung Niedersachsen ist es erstaunlich warm, Shida Bazyar ist an diesen Ort für den Prolog des Göttinger Literaturherbstes eingeladen. Ein Stück Niedersachsen live auf Berliner Boden und, wie mehrfach betont wird, im Nachhinein weltweit On Air verfügbar. Ich war vor Ort und kann euch sagen: Keine Ahnung, warum es Landesvertretungen mit riesigen Hallen in Hauptstädten gibt. Aber sie geben ganz nette Veranstaltungsräume ab. Die Flora trägt ihren Teil zur feierlichen Eröffnung des Literaturherbstes bei und stellt den passenden Hintergrund mit gelb-rötlichen Laubbäumen vor grau verhangenem Himmel. Literaturherbst on fleek.

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Shida Bazyar
Drei Kameradinnen

KiWi: Köln 2021
352 Seiten, 22,00€

Der Moderator Stephan Lohr entscheidet sich für einen chronologischen Einstieg und fragt nach dem Ausgangspunkt für Bazyars zweites Buch, das übrigens mit dem hottesten Cover der Longlist des Deutschen Buchpreises ausgestattet ist (meine Meinung). Die Idee kam mit dem Buch Drei Kameraden von Erich Maria Remarque. Bazyar war unerwartet gerührt von der Geschichte, die Freundschaft in den Mittelpunkt stellt. Es geht darin um eine Männerfreundschaft, was Bazyar als schönes und wichtiges Thema anerkennt, aber es fehle etwas ähnliches zu Freundschaften unter Frauen. So entstand die verwoben erzählte Geschichte über die Drei Kameradinnen, die mehr mit Bazyars eigenen Erfahrungen zu tun hat.

Die Drei Kameradinnen – Kasih, Saya und Hani – kennen sich seit ihrer Kindheit und sind im gleichen prekären Viertel aufgewachsen. Die Konfrontation mit Rassismus, Sexismus und Klassismus ist Teil ihrer Leben und der daraus entstehenden Anekdoten. Mittlerweile sind sie Mitte Zwanzig und die Erzählerin Kasih wartet eines Nachts darauf, dass Saya aus dem Knast kommt. Während sie wartet, schreibt sie. Und erinnert sich an viele Situationen, die sie erlebt haben und von denen Saya erzählt hat und die wiedergegeben werden, als wäre man als Rezepient:in dabei gewesen. Mit vielen Zeitsprüngen lernt man die drei Freundinnen und ihre Geschichten kennen.

Provozierende Leerstellen

Zwei längere Passagen werden von der Autorin vorgelesen und dabei ist eine angenehmere Vorlesestimme kaum vorstellbar. Man ist sofort drin. Die Stellen sind anekdotenhaft erzählte Erfahrungen, die vielleicht zufällig komisch – oder tatsächlich rassistisch sind. Eine solche Situation entsteht bei einem Essen mit der Familie von Leo, Sayas damaliger Freund. Seine Tante macht eine Begrüßungsrunde und hält das Mädchen auf der anderen Seite neben ihm wie selbstverständlich für seine Freundin, während Saya auch neben ihm sitzt. Dachte die Tante, er müsse eine weiße Freundin haben? Hat sie Saya vielleicht nicht direkt gesehen? Beides ist möglich – je länger man darüber nachdenkt, desto komischer wird alles.

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Literaturherbst 2021

Vom 23. Oktober bis 7. November fand der 30. Göttinger Literaturherbst statt. Als Nachklapp veröffentlicht Litlog in der Woche ab dem 8. November jeden Tag einen Bericht zu den diversen Veranstaltungen des Programms. Hier findet ihr unsere Berichterstattung im Überblick.

Von der Moderation wird an dieser Stelle ein für den Text wichtiges Stilmittel thematisiert: das, was wir nicht bekommen – bestimmte Informationen, wie die Herkunftsländer oder die Städte, in denen die Hauptfiguren leben. Diese Leerstellen sind clever gesetzt, weil so der alltagsrassistische Reflex von »Woher kommst du denn?« nicht bedient wird. Die Leser:innen werden mit der Leerstelle konfrontiert und im Idealfall merken sie dabei, dass es doch so egal ist. Stichwort Alltagsrassismus: Etwas warm wurde einer:m auch bei der Suggestivfrage der Moderation, ob es bei dem Roman um Fremdheitsgefühle geht. Genau mit dieser Lesart spielt das Ganze und nimmt sie meiner Meinung nach jedoch Hopps, denn das Hauptthema ist Freundschaft, wie Bazyar bestätigt.

Dann geht es weiter mit viel Applaus und einer eleganten Überleitung zum vegetarischen Büffet. Bei warmer Suppe wird die Veranstaltung zu einem freundschaftlichen Klassentreffen: Viele bekannte Gesichter aus dem Göttinger Literaturdunstkreis stehen an hohen Tischen und schlürfen die Suppe, aber es ist auch literally eine Schulklasse da. Die Schüler:innen bekommen noch Autogramme und Antworten auf brennende Fragen. Ich glaube, wir können uns auf einen warmen (Literatur-)Herbst freuen.

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Überzeugend bis überzogen
Sieht man von einigen sprachlichen Unstimmigkeiten ab, ist Eurotrash ein erneuter Beweis...
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