»Das schöne Leben der Schriftstellerin«

Bei der diesjährigen Buchpreis-Lesung auf dem Göttinger Literaturherbst präsentiert Preisträgerin Antje Rávik Strubel ihren Roman Blaue Frau klug, witzig und eloquent. Die Moderation kann nicht ganz mithalten, trotzdem deckt die Veranstaltung ein reiches Themenspektrum ab.

Von Hanna Sellheim

Bild: Dietrich Kühne

Stephan Lohr beginnt den Abend am 23. Oktober im Alten Rathaus mit der Bemerkung, er habe Antje Rávik Strubel versprochen, sie würde in Göttingen mit heftigem Applaus empfangen. Im Angesicht der Tatsache, dass der Applaus trotz gut gefülltem Saal beim Einlauf von Autorin und Moderator eher gemäßigt ausfiel, wirkt das ein bisschen leer, hat aber zumindest einen guten Effekt: Ab jetzt wird umso heftiger geklatscht. Wie bei der alljährlichen Buchpreis-Lesung zu erwarten, werden die (wieder ungewohnt dicht an dicht) besetzten Reihen dominiert von einem älteren, bildungsbürgerlich beflissenen Ostviertel-Publikum. 

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Antje Rávik Strubel
Blaue Frau

Fischer: Frankfurt am Main 2021
432 Seiten, 24,00€

Lohr beginnt die Lesung mit einer etwas länglichen Kontextualisierung: Strubels Buch Blaue Frau ist gerade mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet worden, von einer Jury, in der unter anderem Anja Johannsen, Leiterin des Literarischen Zentrums Göttingen, sitzt. Dabei sorgen vor allem Strubels muntere Antworten für Lacher im Publikum, mit denen sie selbstironisch den Jury-Kommentar und ihren eigenen Autorinnen-Film für den Buchpreis kommentiert. Lohr weist auf ein Bild hin, in dem sie beim Schreiben am Strand zu sehen sei. Strubel antwortet: »Ja, was ich immer so tue. Das schöne Leben der Schriftstellerin.« Sie habe vermeiden wollen, einen dieser Filme zu produzieren, in denen Autor:innen an Brücken entlanggehen und aufs Wasser gucken, und sich daher für den Strand entschieden.

Lohr nutzt das Motiv des Wassers als Übergang zum Gespräch über Strubels Schreiben. Wasser spiele für sie eine Rolle, erklärt Strubel, weil beeindruckende Landschaften sie interessieren würden und Rhythmus für sie wichtig sei. Auch das Reisen sei ein entscheidendes Thema, sowohl in ihren Romanen als auch in den »Gebrauchsanweisungen«, die sie für die Reihe im Piper-Verlag schreibt – »nicht für Kühlschränke«, wirft Strubel ein. Sicherlich könne man das auf ihre DDR-Kindheit zurückführen, nimmt sie vorweg, um dies zugleich zu entkräften.

Ein Blick auf Europa

Nach etwas Geplänkel zur Andersartigkeit der Buchmesse in diesem Pandemie-Jahr reflektieren Moderator und Autorin kurz den Titel des Buches und warum es von Bedeutung sei, dass vor »Blaue Frau« kein Artikel stehe. »Sie schwebt ja sowieso durch diesen Roman«, schlägt Lohr vor. Strubel nickt und liest, nach einem energischen Hinweis Lohrs auf den Büchertisch und den drohenden Papiermangel, eine erste Stelle aus Blaue Frau.

Die gelesene Szene entwirft menschenleere Bilder und die detailreiche Beschreibung einer Wohnung, eines Lebens anhand seiner Gegenstände. Dann tritt die Protagonistin Adina auf und schließlich auch die titelgebende blaue Frau. Von einem inneren Monolog, der im Futur eine bevorstehende Gerichtsverhandlung imaginiert, springt Strubel nach kurzer Einordnung an eine spätere Stelle, in der Adina mit einem estnischen EU-Abgeordneten in Finnland ist. Hier tauchen die Motive Landschaft, Wasser und Licht wieder auf, auf deren Wichtigkeit Strubel bereits hingewiesen hat.

Strubel liest artikuliert und geradezu beiläufig, es ist angenehm, ihr zuzuhören. Obwohl dem Text durchaus ein subtiler Witz eigen ist, lacht das Publikum kaum. Eine kurze Inhaltszusammenfassung des gesamten Romans wäre hilfreich gewesen, um die hier angedeuteten Plot-Elemente einordnen zu können, dennoch verschafft die Stellen-Auswahl auch für diejenigen, denen der Roman noch unbekannt ist, einen guten Überblick über wichtige inhaltliche und formale Aspekte von Blaue Frau. Es gehe, so Lohr, um ein »Bild von Europa«, das sich im »Kitzeln der Unterschiede« zeige und durchaus kritisch, aber letztlich doch eine Emphase für die EU sei. »Natürlich«, sagt Strubel. Es gehe ihr darum aufzuzeigen, dass es innerhalb der EU keine Debatte über die verschiedene Erinnerung in Osten und Westen an das 20. Jahrhundert gebe und dass gerade die spezifische Erfahrung des Baltikums ignoriert würde. Sie habe vor allem kritisieren wollen, dass diese Gespräche nicht stattfänden.

Wer ist die blaue Frau?

Lohr hat einen Hang zu langen Suggestivfragen und dazu, Strubel die eigene Deutung zum Abnicken vorzulegen. Hin und wieder unterbricht er sie, wobei sie jedoch unbeirrt ihre Sätze zu Ende spricht. Dennoch liefert er treffende Detailstellen-Analysen, die interessante Aspekte am Roman hervorbringen. So geht es dann auch um die Form. Strubel sagt, Adina sei ihr Anlass zum Schreiben gewesen. Sie habe sich ihr »zuschreiben« wollen, als sie selbst in Helsinki war und sie in dieselbe Wohnung geschrieben, in der sie dort lebte. Adina wird im Roman auch als Sala und Nina adressiert – das sei ein wichtiges Element, erläutert Strubel, denn die Frage nach dem Angesprochenwerden sei für sie zentral. »Mich interessieren immer diese Fragen: Wer erzählt eigentlich? Wer spricht?«, führt sie aus. Daher gebe es auch in Blaue Frau eine zweite Ebene, die über das Erzählen nachdenke.

Doch wer ist nun die blaue Frau, möchte Lohr wissen. »Das weiß ich auch nicht so genau«, sagt Strubel, »das hat sie mir nie gesagt.« Die blaue Frau sei ihr eines Tages begegnet, habe mit ihr gesprochen und sie habe mitgeschrieben. Diese lyrischen Fragmente seien ihr zunächst als separater Text erschienen. »Doch ich stellte irgendwann fest, dass ich Adinas Geschichte nicht schreiben kann ohne die Hilfe der blauen Frau, denn mit ihr kann ich auch über das, was ich da schreibe, sprechen«, berichtet Strubel vom Entstehungsprozess des Romans.

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Literaturherbst 2021

Vom 23. Oktober bis 7. November fand der 30. Göttinger Literaturherbst statt. Als Nachklapp veröffentlicht Litlog in der Woche ab dem 8. November jeden Tag einen Bericht zu den diversen Veranstaltungen des Programms. Hier findet ihr unsere Berichterstattung im Überblick.

Vor der zweiten, abschließenden Lesung fragt Lohr, ob sie im Gespräch etwas vergessen hätten. Ja, sagt Strubel, etwas ganz Entscheidendes – und spricht über das Thema der Abhängigkeitsverhältnisse. Als Praktikantin bei einer Kultureinrichtung wird Adina durch einen (laut Strubel dezidiert) westdeutschen Kulturpolitiker vergewaltigt. Strubel sei es weniger darum gegangen, diese Gewaltszene zu schildern, schließlich sehe man das eh in jedem zweiten Krimi, sondern ihre Wirkung, sowohl individuell für die Protagonistin als auch kollektiv im gesellschaftlichen Umgang mit sexualisierter Gewalt. Elegant gleitet sie im selben Satz vom Gespräch ins Vorlesen. Die zweite Stelle spielt auf einem der »Gelage« des übergriffigen Kulturpolitikers, auf dem Alltagsrassismus und unterschwelliges Gewaltpotenzial beim üppigen Essen brodeln. Der letzte von Strubel gelesene Satz hinterlässt ein bedrückendes Gefühl, das Moderator Lohr nicht noch einmal auffängt. Stattdessen kommt das Ende der Lesung recht abrupt und die abschließenden Worte bleiben einem Verweis auf die restliche Buchpreis-Shortlist an das »passionierte Literaturpublikum« und der Organisation der Signier-Logistik vorbehalten.

Das ist schade, hätte ein etwas dynamischeres Gespräch anstelle eines immerhin stringenten Fragenkatalogs sicherlich noch mehr Aspekte an Strubels preisgekröntem Roman herausstellen können. Dennoch gelingt der Veranstaltung – besonders dank Strubels reflektierten, besonnenen Ausführungen – ein umfangreicher Einblick in ein facettenreiches Buch und ein vielversprechender Göttinger Auftakt in den Jubiläums-Literaturherbst.

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