Kleine und große Katastrophen

Von Lone Garleff

Bild: Pexels, CC0

Kathrin Bach erzählt in ihrem Debütroman Lebensversicherung von einer Familie. Einer Familie, die Versicherungen verkauft. Und der ständigen Angst, die sie dabei begleitet. Trotz der großen und kleinen Katastrophen bleibt das Buch ein erstaunlich leichtes Plädoyer für das Leben.

Die namenlose Ich-Erzählerin wächst in dem Neubaugebiet eines kleinen Dorfes in Westdeutschland auf. Ihre Eltern verkaufen Versicherungen und setzen damit das Familiengeschäft fort. In kurzen Texten fügt sich die Geschichte der Erzählerin und ihrer Familie zusammen. Immer dabei ist die Angst – die der Erzählerin, der Eltern und der Großeltern. Es ist die Angst, dass das, was anderen Menschen passiert, auch ihnen zustoßen könnte.

Eine Collage aus Texten

Das Buch liest sich dabei eher wie eine Sammlung lose verknüpfter Kurzgeschichten oder Anekdoten, etwa wenn die Erzählerin von ihren Großeltern berichtet, oder Gegenstände und Räume im Versicherungsbüro ihrer Eltern aufzählt. Der Ton wechselt dabei mühelos zwischen nüchtern, fast trocken beschreibenden Informationstexten zu verschiedensten Aspekten der Versicherungsbranche – von Krankenversicherung bis hin zu Versicherungen im Dritten Reich und zweiten Weltkrieg – und ergreifenden Passagen, insbesondere wenn von der Familie erzählt wird. Die verschiedenen Versicherungen, die ihre Eltern verkaufen, sind dabei wie selbstverständlich Teil ihrer Familie, ihres Alltags, ihres Lebens. Sie erzählt von ihrem Vater, bei dem Diabetes diagnostiziert wird und schließt den Bericht mit dem Kapitel Warum mein Vater Glück hat, das nur aus einem einzigen, trockenen Satz besteht: »Mein Vater war schon privat krankenversichert, bevor sein Diabetes mellitus festgestellt wurde.« Sie erzählt, wie ihre Mutter Berufsunfähigkeitsversicherungen verkauft und durch die Beratungsgespräche die Vorerkrankungen des ganzen Dorfes kennt.

So fügen sich die sehr unterschiedlichen Kapitel, häufig eingeführt durch kurze Überschriften, mühelos zu einem Bild zusammen. Dem Bild einer Familie, aber auch eines Dorfes, verbunden durch die kleinen und großen Katastrophen, die im Versicherungsbüro auf dem Schreibtisch landen. Dabei verliert die Erzählerin die schönen Momente der Familiengeschichte und ihres eigenen Lebens, etwa gemeinsame Urlaube oder die Zeit, die sie als Kind mit ihren Großeltern verbracht hat, nicht aus dem Blick. Sie findet zwischen der Angst immer auch Hoffnung.

Kathrin Bach
Lebensversicherung
Voland & Quist: 2025
240 Seiten, 24 €

Die eigene Angst

Im Verlauf des Romans nimmt die Bedeutung der Versicherungen allerdings immer weiter ab. Je weiter sich die Erzählerin von ihren Eltern löst und erwachsen wird, desto seltener geht es um das Schicksal anderer Menschen. Immer häufiger geht es stattdessen um die eigenen kleinen und großen Katastrophen: Den Autounfall, den die Erzählerin als Kleinkind erlebt hat und der sie seitdem begleitet. Immer wieder holen scheinbar banale Situationen – etwa, als sie im Kindergarten das lokale Krankenhaus besucht – Erinnerungen an den Unfall hoch, bis sie sich schließlich in Therapie begibt. Es kommt zu Todesfällen in der Familie und auf Rezipient:innenseite wird deutlich, dass es Situationen gibt, gegen die man sich versichern kann – aber es die Situationen nicht unbedingt besser macht. Situationen, in denen eine Versicherung zahlt, aber trotzdem alles anders ist als vorher.

Leider entsteht dadurch, dass sich die Erzählerin immer weiter von ihren Eltern löst und damit auch Versicherungen einen immer geringeren Platz in ihrem Alltag einnehmen, stellenweise der Eindruck, dass das Motiv der Versicherungen und die Angst, die sie mitbringen, eigentlich auserzählt ist, das Ende der Geschichte aber noch nicht erreicht ist. Es wirkt, als wäre die Geschichte noch nicht bei dem angekommen, was die Erzählerin noch sagen möchte und in ihrem Fazit parallel zum Beginn des Romans formuliert:

»Ich bin fünfunddreißig Jahre alt und habe immer noch Angst. Ich habe meine Angst. Ich habe die Angst meiner Mutter und die meines Vaters. Ich habe die Angst von Oma F und Opa F. Ich habe die Angst von Oma G und Opa O. Weil ich weiß, dass immer etwas passieren kann. […] Und ich habe diesen Text. Weil ich weiß, dass alles stirbt, wir vorher aber auch ein bisschen leben.«

Trotz der Längen schafft Bach es mit Lebensversicherung, sich mit einer erstaunlichen Leichtigkeit den großen und kleinen Katastrophen des Lebens und der Angst vor ihnen zu nähern. Und bleibt dabei ein Plädoyer für das Leben.

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