Antonia zwischen zwei Welten

Anne Sauers Im Leben nebenan erkundet die Wendepunkte in dem Leben einer Frau, die sie definieren können. Antonia wird zwischen zwei Leben hin- und hergerissen: In einer Version ist sie Karrierefrau, in der anderen Mutter. Doch ist es das, was sie wirklich ausmacht? Mit schonungsloser Ehrlichkeit setzt sich Sauer mit den Schmerzen, Freuden und gesellschaftlichen Erwartungen an eine Frau auseinander.

Von Jule Fleske

Bild: Pixabay, CC0

Was wäre, wenn du eines Morgens mit einem fremden Baby auf der Brust aufwachst, in einem Leben, das deines hätte sein können? Das erlebt Antonia in Anne Sauers Debütroman Im Leben nebenan. Darin spürt die Autorin Momente in unserem Leben auf, in denen eine Entscheidung alles verändern kann. Mit viel Gefühl, aber auch mit beißender Ehrlichkeit, die manchmal unangenehm wird, beschreibt Sauer das Leben einer Frau – mit und ohne Kind.

Die doppelte Antonia

Abwechselnd wird die Geschichte von zwei Antonias erzählt, die nach der Schule unterschiedliche Wege gegangen sind. Auf der einen Seite ist Toni. Sie ist in die Stadt gezogen und will unbedingt Karriere machen. Jetzt wohnt sie in einer kleinen Altbauwohnung mit lauten Nachbar:innen und knarrenden Dielen. Ihr Freund Jakob ist viel unterwegs, doch trotzdem sind sie glücklich. Als sie jedoch nach einer Fehlgeburt erfolglos versuchen, ein Kind zu bekommen und Toni daran zweifelt, ob sie wirklich Mutter werden will, werden die Risse in ihrer Beziehung sichtbar.

Dann wacht sie plötzlich in ihrem Körper, aber in einem anderen Leben auf. Dort ist sie Antonia, die in ihrem Heimatdorf und bei ihrer Jugendliebe Adam geblieben ist. Auf ihrer Brust liegt ihr Baby Hannah, um das sich nun ihr ganzes Leben dreht. Auf einmal ist sie Mutter. Aber ihre Erinnerungen sind noch bei Jakob, von dem sie nicht weiß, ob er hier überhaupt noch existiert und was mit ihrem alten Leben in der Stadt ist. Sie versucht, zu ihm zurückzukehren, doch ihre Fluchtversuche misslingen. So beschließt sie schließlich, ihrer neuen Familie eine Chance zu geben. Zwischen einer überfürsorglichen Schwiegermutter und ihrer Tochter, die sich gleichzeitig unbekannt und ganz vertraut anfühlt, versucht sie, ihr neues Leben zu navigieren.

Sie fühlt sich fremd in ihrer neuen Realität – und so fühlt sich auch der:die Leser:in. Man schaut wie durch ein Fenster in Antonias Leben. Mal aus Tonis Sicht, mal aus Antonias. Die Namen sind dabei einige der wenigen Hinweise darauf, in welcher Geschichte man sich gerade befindet. Verwirrend ist es aber selten, da der Kontrast zwischen den beiden Leben sehr stark ist. Dieser wird ins Zentrum des Romans gestellt, ohne einem Lebensentwurf den Vorzug zu geben. Von der Erzählerin auf Distanz gehalten und doch immer wieder hautnah, erlebt man, wie die Protagonistin eine Fehlgeburt auf der Bürotoilette hat, wie sich ihre Schmerzen nach der Geburt anfühlen oder wie sie sich mit schreiendem Kind an der Supermarktkasse abmüht. Denn Sauer erzählt ehrlich und ungeschönt, aber immer mit einer Prise Humor und Wortwitz, zum Beispiel wenn Antonia in einer Müttergruppe über ihre Tochter spricht: »Sie präsentiert ihre Tochter so unsicher wie die Hausaufgaben, die wer anders aufgeschrieben hat. Bitte, Frau Lehrerin, fragen Sie nicht weiter nach.« Sie spürt dabei nach, wie es ist, eine Frau in ihren Dreißigern zu sein, egal ob es um die komplizierten Gefühle des Mutterseins geht oder um den Schmerz, eventuell keine Kinder bekommen zu können.

Anne Sauer
Im Leben nebenan
dtv: 2025
272 Seiten, 23 €

Eine Frage ohne Antwort

Der Roman beschäftigt sich nicht allzu lange damit, wie es zu der Abspaltung in Antonias Leben gekommen ist und aus welchem Grund sie jetzt zwei alternative Lebenswege durchlebt. Vielmehr werden die beiden Versionen Antonias dazu genutzt, um verschiedene Seiten der Kinderfrage näher zu beleuchten. Das Gefühl, Mutter zu werden, wird in Antonias Geschichte damit verglichen, in einem komplett fremden Leben aufzuwachen. Jedes Mal, wenn sie versucht, jemandem zu erklären, dass sie sich an ihr altes Leben mit Adam nicht erinnern kann und dass sie sich fremd in ihrem Körper fühlt, wird sie nicht für verrückt erklärt. Stattdessen können sich die anderen Eltern mit dem Gefühl identifizieren. »So fühlt sich Elternsein doch an, oder? Gerade war noch alles anders, und plötzlich liegt da so ein kleiner Mensch, für den du ganz allein verantwortlich bist.«, versucht Adam sie zu trösten.

Auf der anderen Seite nutzt der Roman dieses Format als Sprungbrett, um zu zeigen, dass die Identität einer Frau nicht unbedingt von Kindern abhängen muss. Oft wird die Entscheidung, ob man Kinder bekommt, von der Gesellschaft zu einer der bedeutendsten Fragen einer Frau gemacht. Für Antonia bestimmt das Thema ihr ganzes Leben, bis sie sich jenseits davon selbst entdecken und somit auch von der Frage lösen kann. Oder, wie sie schließlich überlegt: »Wenn eine Frau sagt, sie will einfach nicht, und zwar nie, also wirklich nie, dann muss sie sich erklären. Als wäre das alles, was uns definiert, die einzige Entscheidung, die wir im Leben treffen müssen.« Indem das Buch beiden Möglichkeiten nachgeht, stellt es die weitaus wichtigere Frage: Was heißt es überhaupt, jenseits von »Job, Mann, Haus und Kind« eine Frau zu sein? Eine Antwort gibt der Roman dabei nicht.     

Ein offenes Ende

Antonias bzw. Tonis Leben ist von einem Wirbel der Gefühle geprägt. In beiden dargestellten Lebensentwürfen fühlen sie sich hin- und hergerissen, bis sie gegen Ende das Glück in ihrer jeweiligen Situation finden. Doch dann gibt es für Antonia plötzlich die Chance, in ihr altes Leben zurückzukehren, als sie Jakob unverhofft in einer Bar sieht. Sie zögert, will ihn ansprechen, aber Adam wartet auf sie. Es bleibt offen, ob sie versucht, Jakob wieder an sich zu erinnern oder ob sie zu ihrer Familie geht. Warum die Autorin diese Möglichkeit einbringt, nachdem die Figur Antonia Adam und Hannah endlich eine Chance gegeben hat, ist allerdings undurchsichtig. Soll man jetzt doch nicht glücklich für ihre Familie sein? Ist Tonis Version doch das ›richtige‹ Leben?

Wer also nach einer ausgefeilten Erzählung über Alternativleben sucht, wird hier nicht ganz fündig. Jedoch ist Im Leben nebenan ein eindrucksvolles Debüt über Frauen mit verschiedenen Lebensentwürfen, das einen unverstellten Blick auf die Dinge wirft, die oft ungesagt bleiben. Durchaus ernste Themen werden mit Witz aufgelockert, wodurch sie nicht so erschütternd wirken, sondern einfach echt. So verwebt Anne Sauer selbstsicher und mit viel Gefühl das Thema Kinderkriegen mit der Frage, die sich jede:r mal gestellt hat: Wie würde mein Leben aussehen, wenn…?

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