Die Liebe sucht ein Zimmer ist ein zum Nachdenken anregender Roman von David Safier: Eine Geschichte über Flucht und Liebe im Warschauer Ghetto 1942. Zwischen Verzweiflung, Theaterproben und schweren Entscheidungen stellt Safier Humor als Strategie vor, mit der unglaublichen Überforderung umzugehen.
Von Lea Stockmann
Ein Buch, das Drama und Prosa, Krieg und Komödie verknüpft – das ist David Safiers Die Liebe sucht ein Zimmer. Der Autor erzählte im Gespräch mit Michael Töteberg, welches auch im Buch abgedruckt ist, dass er die Idee für die Geschichte hatte, als er das gleichnamige Theaterstück Die Liebe sucht ein Zimmer gefunden hatte. Das Stück stammt von Jerzy Jurandot und wurde im Warschauer Ghetto nach dem Zweiten Weltkrieg gefunden. Safier ist im Zuge der Veröffentlichung seines Romans 28 Tage lang darauf gestoßen. Für Safier selbst war bis zu diesem Zeitpunkt eine »Holocaust-Komödie« zu schreiben undenkbar, doch in Kombination mit dem Theaterstück aus dem Warschauer Ghetto sah er eine Chance:
»[Ich] möchte mit dem Roman zeigen, unter welchem Druck, welchem Leid die Menschen standen und dass sie trotzdem fähig waren, anderen Freude zu bereiten.«
Safier selbst hat väterlicherseits jüdische Wurzeln, seine Großeltern sind beide im Holocaust gestorben, und mit 28 Tage lang hat er bereits 2014 einen Roman über den Widerstand im Warschauer Ghetto geschrieben – aus der Sicht eines 16-jährigen jüdischen Mädchens. Sein Ziel: Die Grausamkeit des Holocausts verschiedenen Generationen emotional aus einer neuen Perspektive zu vermitteln.
Wenn Fiktion und Realität aufeinandertreffen
Das Besondere an Die Liebe sucht ein Zimmer ist, dass er Realität mit Fiktion verbindet. Safier erzählt die fiktive Geschichte von Sara, Edmund und Michal hinter der Bühne, während diese gleichzeitig als Schauspielende im Femina Theater im Warschauer Ghetto Jurandots Theaterstück präsentieren. Der Roman wechselt dabei fortlaufend zwischen den Szenen auf der Bühne, in denen Jurandots Stück gespielt wird, und den Ereignissen hinter der Bühne, wo sich Saras eigene Geschichte entfaltet und zuspitzt. Dazwischen spricht Safier immer wieder über die realen Schicksale, Demütigungen und die historische Kulturszene im Warschauer Ghetto: Das Femina Theater hat tatsächlich existiert. Es wurde 1938 ursprünglich als Kino geöffnet, im Krieg dann unter deutschen Besitzern in ein Theater umgewandelt und in der Nachkriegszeit wieder als Kino eröffnet – und noch bis 2014 betrieben.
Das komödiantische Skript und die verzwickten Liebesbeziehungen im Theaterstück brechen immer wieder mit der Ernsthaftigkeit der Frage, die Saras Leben für immer verändern könnte: Bleibt sie für ihre Liebe zu Edmund und zum Theater im Warschauer Ghetto, und lebt weiter jeden Tag in Todesangst, oder folgt sie ihrer vergangenen Liebe Michal, der mit ihr zusammen fliehen möchte? Eine Entscheidung, die Sara innerhalb von Minuten treffen muss – genauer gesagt hat sie neunzig Minuten Zeit, bis das Theaterstück auf der Bühne endet. Die Entscheidung könnte wichtiger nicht sein, denn Sara und ihre Partner sprechen von »Flucht oder Tod.«
Der schmale Grad zwischen Leid und Lachen
Während Sara hin und her gerissen ist, eröffnet Safier immer neue Handlungsstränge: Auf der einen Seite bekommen die Leser:innen eine Art Geschichtsstunde über die Theaterkultur im Warschauer Ghetto und den Alltag jüdischer Menschen im Krieg. Auf der anderen Seite erfährt man im Laufe des Romans immer mehr über Sara und ihre Traumata: So ist sie als 13-Jährige an einen gewalttätigen Mann zwangsverheiratet, später geflohen und anschließend Teil des Theaters geworden. Neben all den Grausamkeiten träumt sie von einer gleichberechtigten Welt und möchte nicht nur schauspielern, sondern selbst als Regisseurin arbeiten und Geschichten schreiben. Diese vielen verschiedenen Details funktionieren – zumindest in großen Teilen des Buches – gemeinsam, weil sie das Handeln der Protagonist:innen während des Theaterstücks und hinter der Bühne erklären und nahbarer machen.
Aus dieser Schwere bricht Jurandots Theaterstück, welches parallel auf der Bühne präsentiert wird, immer wieder heraus. Es wird über Geschlechterstereotype und Polizeiwitze gelacht. Das Liebesdreieck zwischen Sara, Edmund und Michal wird auf der Bühne widergespiegelt: Denn nicht nur im echten Leben lieben sich die Figuren, sondern auch auf der Bühne überkreuzen sich die Beziehungen und die Linie zwischen Realität und Theaterstück verschwimmt immer weiter.
Ein Theater im Widerstand
Neben all diesen persönlichen Geschichten auf verschiedenen Ebenen lässt Safier die Leser:innen nie die Umgebung und den Rahmen des Romans vergessen. Die ständige Angst, von den Nationalsozialist:innen verfolgt, missbraucht oder umgebracht zu werden, lastet schwer und schwingt in jedem Unterton der Erzählung mit. Seien es Saras Beobachtungen auf dem Weg zum Theater, wo die Nationalsozialist:innen regelmäßig jüdischen Menschen demütigen, oder ein Kommentar ihrer Kollegin als Sara sich freut, dass sie Kinder zum Lachen gebracht hat: »Du solltest ihnen lieber beibringen, sich auf den Tod vorzubereiten.«
Und auch wenn das Theater für die Schauspielenden und die Zuschauenden einen flüchtigen Augenblick der Freude und Entspannung bieten soll, verfliegen diese leichten und komödiantischen Momente sobald deutsche Soldaten auftauchen und ohne ersichtlichen Grund das Theaterstück unterbrechen, einen Juden verprügeln und einen Mann erschießen. Trotzdem geben die Menschen im Theater die Hoffnung nicht auf: Sie reden über den Widerstand und machen Witze über den Umgang mit ihnen im Warschauer Ghetto. Die Zuschauenden trauen sich zu lachen – auch wenn deutsche Beamte im Saal sind. So bewegt sich Safier mit seinem Roman thematisch zwischen Theater, Liebe, Komödie und den Gräueltaten der Nationalsozialist:innen im Warschauer Ghetto.
Im Wettlauf gegen die Zeit
Nicht nur Sara hat nicht genug Zeit für die Entscheidung zwischen Flucht und dem Theater im Ghetto, auch die Lesenden werden zum Ende des Romans durch die Geschichte gehetzt. Je mehr Safier die Geschichte des Theaters, Saras Traumata und die Angst im Ghetto aufarbeitet, desto deutlicher fehlt ihm am Ende die Zeit, um Saras Geschichte zu Ende zu erzählen und die finale Entscheidung darüber zu klären, wer mit wem, wie und wann flieht – oder eben nicht. Im fliegenden Wechsel werden alle möglichen Szenarien und Kombinationen durchgespielt, ohne dass Zeit zum Atmen bleibt: Als Leser:in stolpert man auf den letzten Metern durch Die Liebe sucht ein Zimmer.
Zwischendurch verliert sich die Geschichte in zu vielen Handlungsträngen: Das Finale des Theaterstücks auf der Bühne, Saras Hin und Her zwischen Edmund und Michal und die Frage, wer sie mehr liebt und wem sie folgen soll, finden gleichzeitig statt. Plötzlich wird eine neue Ebene eingeführt: Saras Fantasiewelt, in der sie sich als Golema sieht – eine weibliche Version der jüdischen Sage von Golem, nach welcher Golema »in Freiheit leben [will], aber der neue König jagt sie mit seinen Truppen.«. Sara als Golema würde am liebsten eigenhändig den Krieg beenden, ihre Liebsten schützen und die Nationalsozialist:innen für ihre Verbrechen bezahlen lassen, doch Golema bleibt in Saras Fantasie – und die Grausamkeiten des Warschauer Ghetto beherrschen die Realität.
Die Entscheidungssicherheit, die am Ende des Romans fehlt, und das ständige Auf und Ab in den Beziehungen der Protagonist:innen spiegelt die Ängste und den Kontrollverlust der Menschen im Ghetto wider. So unzufrieden wie das Ende die Lesenden zurücklässt, so sehr zeigt es die unsichere Realität der Ghetto-Insass:innen.

Die Liebe sucht ein Zimmer
Rowohlt Kindler: 2025
336 Seiten, 24 €
Chaotische Geschichtsstunde mit Gefühl
Safier kann mit der Verbindung des Theaterstückes und der fiktiven Geschichte von Sara, Edmund und Michal überzeugen, und verbindet erfolgreich die Themen Angst, Verzweiflung, Liebe mit Humor, der durch dieses Theaterstück möglicherweise tatsächlich schwere Momente im Warschauer Ghetto etwas leichter gemacht hat. In dieser Hinsicht ist der Roman eine tiefgreifende Geschichtsstunde. Je mehr Zeit vergeht, desto mehr verliert sich die Geschichte in den Unsicherheiten der Protagonist:innen, während die Erklärungen für die Handlungen verschwinden und die Leser:innen atemlos zurücklassen. Am Ende bleibt man mit demselben Gefühlschaos zurück, welches Sara wohl selbst in Die Liebe sucht ein Zimmer spürt.

