Familie spielen im Puppenhaus

09.06.2026, ThOP, HP2, Madre von Marta Barceló, Regie: Mareike Spengler

Das Theater im OP zeigt mit Madre® ein Stück über eine unkonventionelle Mutter-Tochter Beziehung. Dabei gelingt es der Inszenierung von Mareike Spengler, Tragik und Komik miteinander zu verbinden.

Von Lilian Lumme

Bild: Dirk Opitz (Anja Kütemeyer als Esperanza und Anika Bittner als Amparo)

Die Mitte 30-jährige Amparo (Anika Bittner) sitzt am Krankenbett ihrer Mutter Esperanza (Anja Kütemeyer) und erzählt von gemeinsamen Erinnerungen, in der Hoffnung, dass die Kranke sie hören kann. In collageartigen Szenen spielen sieben Darstellerinnen Bilder einer glücklichen Kindheit, die es nie gegeben hat. Denn wie sich schnell herausstellt, handelt es sich um eine unkonventionelle Beziehung zwischen Mutter und Tochter, womit das Stück die Frage aufwirft: Kann man sich seine Familie nicht doch aussuchen? Und sind Zuneigung und Geborgenheit käuflich?

Familie als performativer Akt

Esperanza hat eine Annonce in der Zeitung aufgegeben, in der sie gegen eine monatliche Bezahlung ihre Dienste als Wahlmutter anbietet. Amparo, die weder mit einer glücklichen Kindheit noch einem guten Verhältnis zu ihren Eltern gesegnet war, wird auf diese Anzeige aufmerksam. Sie setzt mit Esperanza einen Vertrag auf, der das neue Verhältnis zwischen Mutter und Tochter pedantisch regelt. So sind beispielsweise zwei wöchentliche Mahlzeiten inbegriffen, sonntags darf sich Amparo das Gericht sogar aussuchen.

»Ich könnte Ihre Mutter sein, die Mutter, von der Sie immer geträumt haben.«

Familie konstituiert sich bei Amparo und Esperanza in einem performativen Akt: Nicht nur, indem sie sich ihre Mutter, beziehungsweise Tochter, selbst aussuchen, sondern auch, indem Fürsorge und Zuneigung vertraglich festgehalten werden. So wird es zu einem Rechtsbruch, die Tochter nicht zur Begrüßung zu umarmen. Und wenn eine der beiden Frauen etwas an ihrer Beziehung stört, können sie einfach den Vertrag ändern. Doch das Stück zeigt ebenso gut, dass wahre Geborgenheit und Familie nicht in einem Übereinkommen entstehen, sondern in gegenseitigem Vertrauen und echter Zuneigung. Denn das Verhältnis wird gerade an den Stellen besonders intim und familiär, wo Wahlmutter und -tochter den Vertrag vergessen und ganz in ihrer jeweiligen Rolle aufgehen.

Schauspielerische Glanzleistung

Das komplexe Verhältnis der Figuren zueinander authentisch zu verkörpern, gelingt dem insgesamt neunköpfigen Ensemble so gut, dass man zeitweilig vergisst, dass man in einem Studierendentheater sitzt. Nicht nur Kütemeyer und Bittner in den Hauptrollen brillieren, sondern auch die verschiedenen Mütter und Töchter, die mal eine Version von Amparo und Esperanza, mal Visionen anderer Kindheiten spielen. Herzergreifend sind besonders die Szenen am Krankenbett der Mutter (Tochter: Luise Sackers), die das Premierenpublikum zu Tränen gerührt und den Darstellerinnen mehrmals Szenenapplaus eingebracht haben.

Was entsteht, ist an der Oberfläche eine hoch individuelle Mutter-Tochter Beziehung. Zugleich stellt das Stück aber auch die großen Fragen nach Zugehörigkeit, Liebe und Verantwortung. Die gemeinsamen Momente der beiden lassen sich mit Leichtigkeit auf das eigene Leben beziehen. Es ist gut möglich, dass jede:r ein bisschen von sich selbst oder den eigenen Eltern, beziehungsweise Kindern, in den Figuren wiederfindet. Und gerade das macht sowohl den zugrundeliegenden Text als auch Spenglers Inszenierung so gelungen.

»Man kann die Vergangenheit nicht ändern, auch wenn man es sich noch so sehr wünscht.«

Zur Brillanz der Inszenierung trägt auch das ebenso detailverliebte wie verspielte Bühnenbild bei (Konzept: Eva Kogan und Alena Schepelmann). Die Figuren bewegen sich in einem riesigen Puppenhaus, in dem sie zumindest für kurze Zeit eine heile Familie spielen können. Die vielen kleinen Details sorgen dafür, dass es selbst in längeren Szenen immer etwas Neues zu entdecken gibt, überladen die Bühne dabei aber nicht. Auch die Kostüme sind mehr als erwähnenswert (Konzept: Pauline König): In den Komplementärfarben grün und rot spiegelt sich die Verbindung der Wahlfamilie auf schöne Weise.

Höhen und Tiefen

Der Inszenierung Spenglers gelingt das, was nur wenigen Stücken gelingt: Sie findet die perfekte Balance zwischen Tragik und Komik. Oftmals werden beide Elemente sogar miteinander vermischt, wenn Amparo ihre Wahlmutter beispielsweise immer wieder nach deren Cannelloni-Rezept fragt, das diese aber hütet wie ihr strengstes Geheimnis. Und wenn dann mal die eine oder andere Träne fließt, ist es schwer zu sagen, ob man aus Freude weint oder aus Trauer. So vergehen die knapp zweieinhalb Stunden inklusive Pause beinahe wie im Flug. Und den tosenden Premierenapplaus hat sich die Inszenierung mehr als verdient. Wer herzhaft lachen, sich zu Tränen rühren lassen oder sich einfach selbst ein Bild von dem Stück machen möchte, hat noch bis zum 27.06. die Gelegenheit dazu.

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