Zukunft: Pink

Im diesjährigen Herbstprogramm des Literarischen Zentrums Göttingen kündigt sich eine Fülle und Vielfalt an Themen und Formaten an. Ob Kopfhörerlesung, Mystery-Lesung oder Romantasy Weekend – für jede:n ist etwas dabei. Bei aller Offenheit bleibt das Anliegen der Literarischen Zentrums klar: Demokratieförderung, Pflege von Debattenkultur und Kunstgenuss.

Von Jakob Malzahn

Bild: Jakob Malzahn

Die Pressevertreter:innen versammeln sich an einem bunten Tisch. Bereits der Anblick der Spezereien und Bücher auf dem Tisch regt den leiblichen und geistigen Appetit an. Die Neugier auf das Herbstprogramm ist geweckt. Einen thematischen Schwerpunkt gibt es diesmal nicht. Man versuche, möglichst viele Zielgruppen anzusprechen, äußert Anna-Lena Markus, die das Literarische Zentrum gemeinsam mit Gesa Husemann leitet. Tatsächlich werden viele Interessen bedient – ohne dass der Eindruck von Beliebigkeit entsteht.

Ein noch relativ neues, aber bereits bewährtes Format bildet den Auftakt des diesjährigen Herbstprogramms: Mit einer Kopfhörerlesung entführen die Lyriker:innen Liv Thastum und Alexander Schnickmann das Publikum am 27. August in urzeitliche und kosmische Gefilde. Eine großartige Idee, um mehr Menschen für aufregende Gegenwartslyrik zu begeistern!

Veranstaltungen zur deutschen Vergangenheit

Ansonsten zeichnet sich das Programm für Erwachsene durch einen historischen und gesellschaftspolitischen Fokus aus. Vor wenigen Tagen erhielt Konstantin Richter für das wirtschaftshistorische Panorama Dreihundert Männer (Suhrkamp 2025) den Deutschen Sachbuchpreis. Anna-Lena Markus ist froh, dass sich das Literarische Zentrum noch vor der Preisvergabe eine Veranstaltung mit dem Journalisten sichern konnte. Am 7. Dezember wird er sein Buch vorstellen und mit dem Soziologen Berthold Vogel über das deutsche Selbstverständnis als Wirtschaftsnation sprechen.

Die Veröffentlichung der NSDAP-Kartei hat eine gesellschaftliche Debatte über den familiären Umgang mit NS-Verstrickungen angestoßen. Bei Judith Hermann ist es die SS-Mitgliedskarte ihres Großvaters, die eine Auseinandersetzung mit der eigenen Familiengeschichte anregte. Daraus entstand das Buch Ich möchte zurückgehen in der Zeit (S. Fischer 2026). Das Team des Literarischen Zentrums freut sich, die berühmte Schriftstellerin am 14. September in Göttingen begrüßen zu dürfen.

Herausforderungen und Krisen der Gegenwart im Fokus

Die Beschäftigung mit der (deutschen) Geschichte bleibt nach wie vor für unseren Umgang mit der Gegenwart und Zukunft unverzichtbar. Besonders, wenn neue und alte Rechte Verbrechen an Minderheiten infrage stellen und Fortschritte rückgängig machen wollen. In Anti-Opfer (Ullstein 2026) setzt Alice Hasters sich mit der gegenwärtigen Tendenz auseinander, dass Diskriminierten der Opferstatus und die damit einhergehende Verletzlichkeit abgesprochen wird, während zugleich nicht-marginalisierte Gruppen einen Opferstatus beanspruchen. Beispiele dafür gibt es zuhauf, man denke nur an absurde Aussagen der US-Regierung über angeblichen Rassismus gegenüber Weißen in Südafrika. Im Alten Rathaus wird Hasters am 5. November anhand ihres neuen Buches den Hintergründen und Ursachen dieser Entwicklung nachgehen – und positive Gegenentwürfe vorstellen.

Auch Lukas Rietzschel ist ein gefragter Autor, wenn es um die Herausforderungen der Gegenwart geht. Mit seinem Ostdeutschland-Roman Sanditz (dtv 2026) hat er sich in die Riege der bekanntesten deutschen Romanciers der Gegenwart geschrieben. Für die ihrerseits hochkarätige Schriftstellerin Eva Mensasse handelt es sich bei Rietzschels Sanditz um das »beste deutschsprachige Buch seines Jahrganges«. Am 25. Oktober kommt Rietzschel nach Göttingen.

Massenhaftes Artensterben ist eine gewaltige Herausforderung unserer Zeit und ähnlich wie der Klimawandel kaum noch im öffentlichen Diskurs präsent. Eine literarische Annäherung an dieses Thema bietet der von Matthias Jügler herausgegebene Sammelband Wir dachten, wir könnten fliegen (Penguin 2016) mit Texten von zahlreichen namhaften Schriftsteller:innen über bereits ausgestorbene Tierarten. In einem Gespräch des Herausgebers mit dem Verleger Andreas Rötzer und der Naturschutzbeauftragten der Stadt Göttingen, Britta Walbrun, soll am 2. September der Blick nicht nur auf die Vergangenheit, sondern auch auf Gegenwart und Zukunft gerichtet werden: Welche Maßnahmen des Artenschutzes sind notwendig – weltweit und in Göttingen?

Zeit für Visionen

Eine Auseinandersetzung mit der Vergangenheit kann auch emanzipatorische Energien freisetzen. Wie man Historie und Gender auf originelle Weise miteinander in Verbindung bringt, zeigt Kuku Schrapnell mit Gender Punks (Verbrecher Verlag 2026). Darin widmet sie sich Personen, die in der Vergangenheit Geschlechtergrenzen überschritten haben, zum Beispiel als gender-nonkonforme Pirat:innen oder queere Priester:innen. Im Rahmen der Queeren Kulturtage wird Schrapnell mit Tobi Schiller über das Buch und damit verbundene Utopien nachdenken. Verena Güntner und Yade Yasemin Önder setzen sich in ihren Romanen Medulla (DuMont 2025) und Anti Müller (park x ullstein 2026) auf ganz unterschiedliche Weise mit Lebensentwürfen, Kinderwunsch und Geschlechterrollen auseinander. Am 11. November werden sie mit der Literaturredakteurin Alexandra Friedrich ins Gespräch kommen.

Die deutschlandweit bekannte Literaturkritikerin Insa Wilke, einstmals Volontärin des Literarischen Zentrums, ist dieses Jahr Trägerin der Anna-Vandenhoeck-Gastdozentur für Literaturkritik. Am 26. Oktober wird sie ihre Antrittsvorlesung halten und über die gegenwärtigen Produktionsbedingungen der Literaturkritik sprechen. Am Ende ihrer Vorlesung soll es um Visionen gehen, wie das Programm verrät.

Neue Formate für Kinder und Jugendliche

»Seit Twilight ist viel passiert«, bemerkt Husemann schmunzelnd. Es ist also an der Zeit, sich mit der Entwicklung und ungebrochenen Beliebtheit des Genres intensiver zu beschäftigen. Dafür richtet das junge literarische zentrum erstmals ein Romantasy-Weekend aus. Am 19. und 20. September werden im Literaturhaus Lesungen mit bekannten Autor:innen und Crafting Workshops stattfinden. »Wir freuen uns auf neue Gesichter«, betont Husemann.

Für Kinder und Jugendliche gibt es auch sonst ein reichhaltiges und zeitgemäßes Angebot. Ein Highlight ist die Lesung von Karen Köhler aus dem mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichneten Himmelwärts (Hanser 2024) am 25. Oktober. Es geht um Verlust, Freundschaft und die Frage, wie man mit Trauer umgeht – keine leichten Themen. Doch Alexina Ludorff ist überzeugt: »Man darf den Kindern und Jugendlichen tiefe und starke Emotionen zumuten, denn das können sie.«

Unterhaltung darf nicht fehlen

Es fehlt indes nicht an unterhaltsamen Veranstaltungen für Kinder und Jugendliche. Anlässlich des Gänseliesel-Jubiläums lesen Nicola Schroth, Andreas Zier und Oliver Gerke am 27. September aus DINGS! und das Gänseliesel-Komplott (Göttinger Verlag der Kunst 2025). Darin muss die Detektivbande DINGS! einen rätselhaften Fall lösen: Das Gänseliesel ist verschwunden. Stattdessen befindet sich am selben Platz die Herkulesstatue aus Kassel… An einem weiteren Familiensonntag kommt Comiczeichner Steffen Gumpert für eine Mystery-Lesung ins Literaturhaus. Sinja Minners, ehrenamtliche Mitarbeiterin des Literarischen Zentrums, hat das Rätselcomic Licht ins Dunkel (Carlsen 2026) bereits gelesen und gesteht: »Ich habe nicht alle Rätsel lösen können.« Auf Kinder ab 8 Jahren warten also am 15. November knifflige Herausforderungen.

Neben Mitmach-Lesungen gibt es viele weitere Veranstaltungsformate für Kinder, Jugendliche und Erziehungsbeauftrage: Zum Beispiel einen Schreibwettbewerb, ein Schreiblabor, zahlreiche Schulveranstaltungen und eine Lehrkräftefortbildung. Für Eltern wird das Gespräch zwischen Madita Oeming (Aufgeklärt statt aufgeregt, Rowohlt Polaris 2026) und der Göttinger Lehrkraft Tina Lüers am 9. Dezember über digitale Pubertät aufschlussreich sein. Zudem wird es Lesungen von Kinder- und Jugendbuchautor:innen wie Tobias Goldfarb, Nils Mohl und Franziska Hörner geben.

»Wahnsinniger Zustrom«

In Bezug auf das Programm für Erwachsene konnten ebenfalls viele Veranstaltungen hier nicht in der ihnen gebührenden Ausführlichkeit erwähnt werden. Wer bei den Namen Steffen Martus, Norbert Gstrein oder Heike Geißler neugierig wird, wer Lust auf Anna Karenina in 100 Minuten oder einen Debütant:innenball hat, sollte unbedingt ins Programm schauen. In Zeiten der nachlassenden Kulturförderung arbeitet das Team des Literarischen Zentrums stets hart daran, ein starkes Programm zustande zu bringen. Dies ist erneut gelungen. Dank vielfacher Förderung spricht Husemann von einer »angebrachten Gelassenheit« und unterstreicht: »Wir sind allen Förderern dankbar.« Markus verzeichnet einen »wahnsinnigen Zustrom an Publikum«, da ein verstärktes Interesse an drängenden gesellschaftlichen Fragen bestehe. Wer begehrte Veranstaltungen besuchen will, sollte jetzt zuschlagen. Der Vorverkauf läuft seit dem 10. Juni.

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