Jeden Tag die Apokalypse

Die Tiefgarage des Deutschen Theaters Göttingen wird wieder einmal zur Bühne. Gespielt wird Dennis Kellys Der Weg zurück, eine schleichende Apokalypse in fünf Bildern und ohne großen Knall. Simon Gottwald war bei der Premiere und teilt seine Eindrücke.

Bilder: Thomas M. Jauk

In der Tiefgarage, einem dieser nach Ladenschluss leblosen Orte, die der Kapitalismus geschaffen hat, wartet das einfachere Leben. Ein Wald beherbergt Waschbären, Füchse, Eichhörnchen. In der Mitte eines mehrreihigen Stuhlkreises brennt ein Lagerfeuer, an dem drei Gestalten in zweckmäßiger Kleidung sich wärmen. Ihre Haare sind lang und sie sehen aus, als hätten sie schon bessere Zeiten erlebt.

Innerhalb von fünf Generationen löst sich in Der Weg zurück die Welt auf. Es beginnt mit einem Mann, der seine Frau verliert, es endet mit einem Mädchen namens Dawn, das nicht ahnt, dass schon seine Urgroßmutter diesen Namen trug. Dazwischen stehen mit ihrer Aufgabe als Gesichter einer technikfeindlichen Bewegung noch etwas überforderte Zwillinge (stark gespielt: Nele Sennekamp, Paul Häußer) und ein Mann, der Sexualität als Waffe einsetzt. Es ist die Geschichte einer Abwendung von Wissenschaft und Technologie, die in eine neue Vorzeit führt, ausgehend von einem einzigen verzweifelten Mann und verfolgt über fünf immer weiter regredierende Generationen.

Das Deutsche Theater Göttingen hat in seine Tiefgarage eingeladen und die Gäste sind dem Ruf zahlreich gefolgt. Wieder wird auf das bewährte Konzept zurückgegriffen, die Dialoge mit einer Klangkulisse zu untermalen, die jede:r Zuschauer:in per Funk-Kopfhörer erleben kann, und wieder, wie schon bei In Alice Welt, sind die stärksten Momente die, in denen verschiedene Stimmen einander überlagern, ergänzen, verwischen. Hier sind es Echos der Vergangenheit, die einander zum Echo werden, wenn Briefe beim Verfassen mitgemurmelt und von den Geistern einer längst verlorenen Menschheit nach- oder auch vorgesprochen werden, von den drei Gestalten am Feuer, die sich vielleicht gar nicht zweckmäßig kleiden, sondern mit den aus Ruinen aufgelesenen Resten einer lange schon ausgelöschten Zivilisation.

Technikfeindlichkeit und Angst vor Wissen

Die Tiefgarage des Deutschen Theaters hat eine schöne Tradition als Schauplatz experimenteller Inszenierungen, die das Publikum einbeziehen, und auch in Der Weg zurück sitzen die Zuschauer:innen nicht vor einer Bühne, sondern sind Teil des Geschehens. Regie (Antje Thoms) und Dramaturgie (Mona Rieken) setzen auf die Kraft des Geschichtenerzählens: Zwei der fünf Generationen auf dem Weg in eine neue Vorzeit werden hauptsächlich durch die Schilderungen der drei am Feuer Stehenden dargestellt. Häufig nehmen sie zwischen den Zuschauer:innen Platz und erzählen wie in das Feuer hinein – eine Rückkehr zu der vielleicht ursprünglichsten Form der Narration, an der das Publikum hier teilhat, um die (sparsam) lodernden Flammen herumsitzend.

Auf den Kopfhörern läuft am Anfang in endloser Wiederholung Take on Me, in das sich die Worte eines Mannes mischen. Er redet einem Baby beruhigend zu. Der Mann tritt, das Kind auf den Armen, in den Kreis und erzählt. Das Baby ist das Ergebnis einer künstlichen Befruchtung, zur Welt gebracht mittels Kaiserschnitt zu The Sun Always Shines on TV. Komplikationen treten auf. Der Tod der eigenen Frau verdient einen anderen Soundtrack als a-has Greatest Hits, der verzweifelte Vater mehr als eine zur Krebserkrankung seiner Mutter von Handystrahlung raunende E-Mail. Aber genau diese ist es, die ihm die Saat einpflanzt, aus der der Weltuntergang entsteht: Technik ist schlecht, Wissen macht Angst. Sie hindern den Menschen daran, das Leben wirklich zu erleben. Aus gekochten Handys und einem in der Mikrowelle zerstörten Router entsteht in den nächsten Jahrzehnten eine Bewegung, die sich Regressionismus nennt und sich wie ein moderner Luddismus gebart, in Technologie und Erkenntnis den Quell allen Übels sieht.

Die Apokalypse geschieht jeden Tag

Ideen eines Verzweifelten werden zu realer Gewalt und es kommt zu einem Umsturz. Jahre später sind komplexe Technologie und lange Worte verboten; ein allgemeingültiges Recht gibt es nicht mehr. Der Regressionistische Rat fordert weitere Veränderungen, weitere Rückschritte. In der nächsten Generation wird ein Kind schon in eine Welt geboren, die nur Arbeit und eine auf Zweisilbigkeit reduzierte Sprache kennt. Die Menschen werden nicht alt, denn Medizin ist Fortschritt und also schlecht. Außerdem hat das Wort Medizin drei Silben, die Sache also gar keinen Namen mehr. Den Platz der Wissenschaft nimmt der Glaube an Magie ein, geheilt wird mit Kräutern und Zauberformeln.

Die nächste Generation kennt nur noch einsilbige Wörter. Nur ein langes Wort wurde bewahrt: »antiregressionistisch«. Antiregressionistisch, das ist das, was verboten ist – Wörter wie »Staunen« etwa und die von ihnen bezeichneten Handlungen. In Tierfelle gehüllt, das Gesicht mit Schlamm verziert, so leben die Menschen in dieser Welt eines noch immer nicht ganz abgeschlossenen Rückwärts. Die Mädchen werden jung verheiratet, die Ausbildung ist auf ein Minimum beschränkt. Eine Vergangenheit scheint es nicht zu geben. Aber selbst unter diesen Umständen, und dies ist der einzige Hoffnungsschimmer in dieser mit Zwang durchgesetzten, andauernden Apokalypse, gibt es Menschen, die die Welt mit staunenden Augen betrachten und Fragen stellen. Vielleicht fällt diese Neugierde auf unfruchtbaren Boden und ruft nur die Frage hervor, welchen Sinn das denn habe. Vielleicht steckt sie aber auch an und erlaubt eine Umkehrung der Regression.

Während der drei anderen Generationen, die Entstehung, Etablierung und Folgen der Regressionistischen Bewegung zeigen, wird der:die Zuschauer:in direkte:r Ansprechpartner:in erzählender Menschen. Mittig in diesem Aufbau platziert ist die Propaganda-Veranstaltung der Regressionistischen Bewegung, Teil derer man schon durch das Betreten der Tiefgarage wurde, ausgestattet mit einem Handzettel, der unter anderem das Gerücht von Hinrichtungen verneint. Die Klangkulisse auf den Kopfhörern greift dem Erzählten unter die Arme, untermalt und verstärkt es, ersetzt es jedoch nie. Das wird besonders deutlich am Ende, als Dawn, die nach dem Sinn von Forschung fragte, im Dunkel verschwindet. Die Kopfhörer haben ihren Nutzen verloren und müssen abgenommen werden. Ist das für das Publikum ein erster Schritt in die Regression oder die Befreiung von einer technologischen Prothese?

Überraschend aktuell

Obwohl der Dramentext schon vor der Covid-19-Pandemie geschrieben wurde, passt er auf beunruhigende Weise auf die während dieser immer lauter gewordenen wissenschaftsfeindlichen Narrative. Die Wikipedia-Seite zu Corona-bezogenen Falschinformationen ist inzwischen fast nicht mehr zu überschauen,  und dort werden nur die bekannteren Theorien aufgeführt. Viele dieser Befürchtungen, Narrative und Lügen sind nicht aus dem Nichts entstanden, sondern variieren bereits länger existierende. Eines haben die berühmte 5G-Theorie und die Behauptung von Mikrochips in Corona-Impfungen gemein: Sie fußen auf einer Angst vor etwas, das Nicht-Fachleute nicht mehr oder nur mit großer Mühe verstehen können.

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Info

Das Deutsche Theater Göttingen (DT) zeigt als größtes Theater der Stadt ein umfangreiches Repertoire auf vier Bühnen. Seit August 2014 stellen Intendant Erich Sidler und sein Team Themen aktueller gesellschaftlicher Ereignisse in den Mittelpunkt des künstlerischen Schaffens. Studierende können fast alle Vorstellungen kostenlos mit dem Kulturticket besuchen. Mehr Infos zum Stück findet ihr hier.

Fortschritt setzt ein Vertrauen in die Wissenschaft voraus, das nicht blind sein, sie aber genauso wenig verteufeln darf. Es mag bequem sein, die Augen vor dem Klimawandel zu verschließen oder auf den MundNASEN(!)schutz mit dem Hinweis zu verzichten, Corona gebe es doch gar nicht, aber wenn zu viele Leute so denken und handeln, führt das zur Zerstörung dessen, was der Mensch bisher erreicht hat. Die Regression muss nicht mutwillig geschehen, es genügt, sich einfachen Erklärungen zuzuwenden, die das Problem an der falschen Stelle sehen. Der Weg zurück demonstriert, wie die Furcht vor dem Wissen zu geistiger Bequemlichkeit führt, die dem Menschen nach und nach alles nimmt – bis die Neugier sich auflehnt.

Wie schon oft zeigt das Deutsche Theater Göttingen sich auch in dieser Inszenierung wieder engagiert, und wie schon oft gelingt ihm auch hier der Spagat zwischen einem unterhaltsamen Theaterabend und einem nachdenklich machenden Vorführen gesellschaftlicher Schwächen und Spaltungen.

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