Wenn Sprechen zur Herausforderung wird: In Jetzt sag doch endlich was beschreibt Journalist David Hugendick, wie es ist als stotternde Person aufzuwachsen, wie die Gesellschaft das Stottern ausgrenzt und warum manchmal mehr Witz, als Mitleid hilft.
Von Lea Stockmann
»Am Anfang mag das Wort sein. Aber am Anfang jedes Worts steht zunächst ein Buchstabe.« Aber wie ist es, wenn jeder Wortanfang zur Hürde wird? Wenn nach bestimmten Anfangsbuchstaben nichts mehr über die Lippen kommt? Darüber spricht Journalist David Hugendick in seinem neuen Buch Jetzt sag doch endlich was. Als Kulturkorrespondent für Die Zeit schreibt Hugendick elaborierte, ausgeschmückte Texte, doch mit dem Sprechen ohne Tastatur hat der Autor seit seiner Kindheit Probleme – er stottert.
Der Kampf mit dem Sprechen
Jetzt sag doch endlich was ist ein autobiografisches, essayistisches Buch. Auch wenn Hugendick selbst keine Kapitelnamen oder Nummerierungen gibt, so scheint das Buch beim Lesen dreigeteilt. »Am Anfang war das Wort.« So steht es in der Bibel und so beginnt Hugendick sein Buch über das Stottern und was es bedeutet, wenn Worte und das Sprechen gar nicht so einfach sind. Für Hugendick ist ein Wort nicht einfach nur ein Wort oder ein Satz ein Satz. Hinter jedem Buchstaben steckt ein innerer Kampf darum, ob man ihn überhaupt aussprechen kann, gleich aufgeben sollte oder ein Synonym finden muss, um ein Wort über die Lippen zu bringen.
»Als Stotterer erscheint einem bald jeder Satz wie ein Level aus einem endlosen Jump-‘n‘-Run-Spiel, zu dem man immer wieder antreten muss.«
Hugendick beschreibt chronologisch seinen Weg und wie sein Stottern im Kindesalter entdeckt wurde, wie es war, in der Schule dafür gehänselt zu werden, wie er später in der Uni mit dem Stottern umgegangen ist, und wie er heute nach jahrelanger Sprachtherapie mit der Störung seinen Frieden schließt. Im letzten Teil geht es um den Umgang mit Menschen, die stottern und um ihre Repräsentation in der Gesellschaft. In allen drei Teilen malt Hugendick detailreiche Bilder, um seine Gefühle und auch sein Leiden zu beschreiben. Mit seinen Erfahrungen sucht er aber kein Mitleid. Das Buch liest sich wie ein Einblick in seinen Kopf und in seine Welt. Zwischen Mahnungen, Ratschlägen und seiner eigenen Geschichte ist immer wieder Platz für einen Witz und einen ironischen Unterton. Egal, wie bedrückend es sich zeitweise anfühlt über die Probleme von stotternden Personen zu lesen, man muss auch immer wieder beim Lesen lachen. So scherzt Hugendick über die außenstehenden Reaktionen auf sein Stottern: »wenn sich die Augen der anderen mit übermäßigem Mitgefühl füllen, [denke ich,] mir wird nach dem gelungenen Satzende noch ein Gratulationspräsentkorb überreicht.« Dieser Humor gibt dem Buch trotz des ernstzunehmenden Themas Leichtigkeit, die Lesende durch alle Kapitel begleitet.
Die Geschichte des Stotterns
Hugendick kombiniert in diesem Buch Biografie mit Weltgeschichte und Statistik. Wenn er nicht gerade beschreibt, wie sich das Stottern anfühlt, wie seit seiner Kindheit das Synonymwörterbuch seiner Mutter sein treuer Begleiter war oder wie besonders schwere Konsonanten wie K, W oder D nicht über die Lippen kommen, verbindet er seine persönlichen Anekdoten mit einer interessanten Geschichtsstunde.
Hugendick nennt beiläufig Statistiken, die zeigen, dass stotternde Menschen gar nicht so selten sind – jeder Hundertste Mensch allein in Deutschland stottert –, obwohl sie häufig, wie Hugendick später im Buch zeigt, als kranke Außenseiter:innen präsentiert werden. In der Geschichte der Menschheit finden sich diverse große stotternde Personen. So spricht der Autor über Heinrich von Kleist, der als Stotterer von großen Denkern wie Goethe nicht ernst genommen wurde. Auch der Redner Demosthenes aus dem antiken Griechenland taucht immer wieder im Buch auf. Er ist, wie Hugendick es beschreibt, eines der größten Vorbilder für stotternde Menschen, denn Demosthenes soll sich das Stottern abgewöhnt haben, geheilt worden sein und ist später zum größten Redner der Antike aufgestiegen.

Jetzt sag doch endlich was
Ullstein: 2026
160 Seiten, 21,99 €
Für Hugendick ist das eine schöne Geschichte, die mit seiner Realität wenig zu tun hat. Immer wieder erinnert er daran, wie es sich angefühlt hat am Familientisch als Kind nicht zu Wort zu kommen, in der Schule trotz langem Übens nichts vorlesen zu können, und sich in der Uni von Referaten und Vorträgen fernzuhalten. Einschränkungen, die oft nur stotternde Menschen verstehen können. Eine Tatsache, die auch Hugendick festhält: »Wer, nennen wir es mal, normal spricht, denkt nicht darüber nach, ob er sprechen kann […] Wenn ich spreche, erscheint in meinem Kopf eine Mischung aus einem innerem Teleprompter und Karaokemaschinenbildschirm, auf dem ein dumm grinsender Ball auf den Buchstaben herumhampelt […]«
Stotternde als »Trottel« und »Freaks«
So lebhaft Hugendicks Beschreibungen von seinen persönlichen Hürden und so interessant die Zahlen und Fakten zur Sprechstörung auch sind, nach 100 Seiten sucht man nach neuen Einblicken im Buch. Die Probleme für Stotternde sind bis hier mehr als klar geworden und auch die historischen Abrisse erfüllen nach dem dritten Mal den immer selben Effekt: Stottern ist in der Geschichte der Menschheit nichts neues und es scheint für den Umgang damit weiter keine gute Lösung zu geben. Es ist also erfrischend, wenn Hugendick den Fokus im letzten Teil weg von persönlichen Anekdoten und Geschichtsstunden hin zur Repräsentation des Stotterns in Film und Fernsehen bewegt. Als normal sprechende Person ist es erschreckend aus Hugendicks Augen zu sehen, wie stotternde Menschen in Filmen als Nichtsnutze dargestellt werden. Er spricht über Filme wie Pearl Habor und wie die stotternden Charaktere in diesem und anderen Actionfilmen jeglicher Intelligenz beraubt und als Sündenböcke präsentiert werden. Hugendick erinnert daran, dass die Repräsentation von Minderheiten über Stereotype keinen Dialog schafft, sondern dass damit Ausgrenzung entsteht.
Doch wie könnte ein besserer Umgang miteinander aussehen? Auch darauf hat der Autor eine Antwort: keine mitleidigen Blicke, Sonderbehandlung oder ungefragtes Vervollständigen von stockenden Wörtern und Sätzen. Einfach »gar nichts sagen« und vor allem Zeit nehmen und Gleichberechtigung. Hugendick macht klar: Nur weil Stotternde mehr Zeit brauchen, heißt das nicht, dass man sie aus Talkshows ausladen oder sie verstummen lassen sollte, nur weil man als Mensch ohne diese Sprechstörung schneller sprechen kann. Amüsiert stellt der Autor zurecht fest, schnell zu sprechen, besonders in der Öffentlichkeit, bedeutet nicht viel Inhalt, sondern auch um den heißen Brei zu reden. Und diese Zeit könnte man genauso gut auch stotternden Menschen schenken.
Stottern mit Lässigkeit
»Wenn man stottert, basiert das Leben zuweilen auf dem Witz: Hast du mal fünf Minuten, ich muss mal zehn Sekunden mit dir reden.«
Neben der Ernsthaftigkeit, die das Thema mit sich bringt, und Hugendicks Dokumentation des Stotterns, schafft er es, eine vielseitige Biografie zu schreiben und sich von dem speziellen Umgang mit dem Stottern in der Öffentlichkeit nicht deprimieren zu lassen. Mit Witz, Humor und einer Geschichtsstunde zeigt er, was Stottern für Betroffene bedeutet. Er erinnert daran, dass das Stottern eine Einschränkung, aber keine Begründung für einen herablassenden Austausch oder eine Sonderbehandlung ist, die stotternde Menschen nicht miteinbezieht, sondern sie im Endeffekt ausgrenzt. Denn eins wird in Jetzt sag doch endlich was klar: Stottern ist nicht nur ein Kampf mit der eigenen Sprache, sondern auch ein Konflikt mit der Aufmerksamkeitsspanne und fehlender Sensibilität von ›Normalsprechenden‹.

