Ein Appell für mehr Empathie!

Yasmine M’Barek erläutert in ihrer Essaysammlung I feel you die Notwendigkeit von Empathie in einer hyperindividualistischen Gesellschaft. Was bedeutet Empathie? Für wen empfinden wir Empathie? Wo fehlt Empathie?

Von: Ina Swoboda

Bild: Via Pexels, CC0

»I feel you« – wie schnell sagt man diese Worte, ohne sie wirklich meinen zu können? Was bedeutet Empathie in einer Gesellschaft, die auf Hyperindividualismus und ständige Selbstoptimierung ausgelegt ist? Genau damit beschäftigt sich die Journalistin, Podcasterin und Autorin Yasmine M’Barek (die übrigens nicht mit Elyas M’Barek verwandt ist) in ihrer Essaysammlung I feel you. In fünf Essays (Die Yogabitch, Empathie und Kapitalismus, Sommerinterviews, Der Tod der Kritik, Lästern) erläutert sie die Bedeutung von Empathie (oder der Abwesenheit davon) in verschiedenen Bereichen. Dabei begegnet sie dem Thema auf eine amüsante, selbstreflektierte und erfrischend ehrliche Weise.

Begrenzte Empathie

M’Barek bezieht sich vor allem auf die drei Formen der Empathie nach dem Psychologen Daniel Goleman. Dieser unterscheidet zwischen kognitiver und emotionaler Empathie sowie empathischer Sorge. Die Unterscheidung dient als Grundlage ihrer Ausführungen in verschiedenen Bereichen. So erläutert sie, dass »I feel you« im Gegensatz zu echter Empathie als bloßer Internetspruch zu verstehen sei. Denn es sei nicht möglich, die Gefühlswelt einer anderen Person vollständig nachzuempfinden, doch durch Empathie könne man diese zumindest nachvollziehen.

Die »Yogabitch« symbolisiert M’Barek zufolge die gesellschaftlichen Ideale, die wir anstreben und den Neid auf Personen, die diese scheinbar perfekt erfüllen. Doch Neid hemme die Empathiefähigkeit. M’Barek beschreibt den Teufelskreis der Abwertung folgendermaßen: »Allein die sprachliche Herabwürdigung, die in dem Begriff Yogabitch steckt, lässt tief blicken. Denn ich unterstelle meinem Gegenüber in meiner moralischen Erhöhung eine Verfehlung, nämlich: Sie ist die Böse. Ich sehe, dass sie mich herabwürdigt, und kategorisiere sie deshalb als Bitch. Indem ich hier dennoch dafür plädiere, ihre Perspektive zu verstehen – how open-minded of me –, beweise ich umso mehr, dass ich ihr überlegen bin. Denn ich würde ja niemals jemanden so anschauen (wirklich?), nie der Versuchung erliegen, mich am Anblick anderer zu ergötzen (sicher?). Schon gar nicht am Anblick der Yogabitch.« Mit dem Beispiel der herabwertenden Bezeichnung »Yogabitch« möchte M’Barek zeigen, dass man anderen Menschen schnell negative Beweggründe unterstellt, ohne sich mit den wirklichen Intentionen der anderen Person auseinanderzusetzen.

M’Barek kommt zu dem Schluss, dass es schwierig ist, Empathie für Personen zu empfinden, die als »desirable« gelten, während es leichter falle, Empathie für Menschen aufzubringen, die lieb und unschuldig wirken. Zum Beispiel sei es leicht, Cinderellas Perspektive einzunehmen – aber was ist mit ihren Stiefschwestern oder der Stiefmutter? Ein weiteres Beispiel, das der Text für den Umgang mit Empathie gibt, ist ein älterer Mann auf TikTok, der Slipper herstellt und an die Empathie der Konsumierenden appelliert, um dadurch Profit zu machen. M’Barek führt aus, dass in dem Video ein älterer Mann an einer Nähmaschine sitze und so ein Kleinunternehmer dargestellt werde, der es im Leben nicht leicht habe. Durch ein Like und den Kauf des Produktes könnten Konsumierende ihre Empathie beweisen.

Empathie(defizit) in der Politik

M’Barek erläutert, dass Empathie gerade in der Politik wichtig, aber oft nicht vorhanden sei. Dabei sei eine differenzierte Auseinandersetzung mit komplexen Themen notwendig, um andere Perspektiven zu verstehen. Empathie bedeutet hier laut M‘Barek »sich selbst nicht zum Epizentrum jeder Gefühlswelt zu machen«, sondern verschiedene Perspektiven in seine Entscheidungen einzubeziehen und sich und die eigene Umwelt ständig zu reflektieren.

M’Barek führt am Beispiel von AfD-Wähler:innen aus, dass Menschen in einer hyperindividualisierten und empathielosen Gesellschaft besonders anfällig für radikale Gedanken seien. Gerade hier betont sie die Notwendigkeit, sich mit den dahinterliegenden Gründen zu beschäftigen, um diese Menschen im Sinne der kognitiven Empathie zu verstehen, auch wenn man ihre Haltungen nicht nachempfinden kann. Denn wenn man die Ursprünge und Entwicklungen rechter Gedanken versteht, kann man »Schlüsse für die politische Zukunft ziehen« und entsprechende Präventionsmaßnahmen ergreifen.

Zwischen Hass und Liebe

Im Internet kann jede Person ihre Meinungen teilen. M’Barek führt aus, dass man von Videos berieselt wird, die einem erklären, warum man etwas zu hassen oder zu lieben hat, was die eigene Kritikfähigkeit hemmt. Man wird fauler und neigt dazu, andere Meinungen zu übernehmen, anstatt selbst ausführlich über das entsprechende Thema nachzudenken. Dieses Spannungsfeld zwischen Hass und Liebe bietet wenig Platz für Ambivalenzen und oft wird hier laut M‘Barek anhand von Gefühlen statt Argumenten debattiert.

Im Text wird betont, dass Empathie wichtig ist, um seine Meinung ambivalent und nuanciert darzustellen. Dabei sollte auch der Kontext beachtet werden. Ein Beispiel dafür ist die Debatte um Taylor Swift. M’Barek fasst zusammen: »Man kann seine Idole worshippen und sich trotzdem kritisch mit ihren fragwürdigen Aktionen auseinandersetzen. Nicht jede Kritik an Taylor Swift ist frauenfeindlich oder missgönnend. Ist sie eine ignorante Jetsetterin, die das Klima versaut? Ja. Sind Millionen von Fans und ihr Bekanntheitsgrad dafür verantwortlich, dass sie nur in ihren eigenen Transportmitteln sicher ist? Ja. Muss man Mitleid mit Reichen haben? Nein. Aber darf man ihre Beweggründe verstehen? Ja.«

Der Weg zu einem empathischen Miteinander

Wer sich bisher für seine Neigung zum Lästern geschämt hat, kann sich nun freuen, denn laut M’Barek ist dies »der Schlüssel zu einer guten, empathischen Gesellschaft.« Dadurch lerne man nicht nur seinen eigenen Stellenwert in einer Gruppe, sondern auch die Empathiefähigkeit seiner Mitmenschen kennen. Denn man beschäftige sich mit anderen Menschen, ihren Perspektiven und Lebenswelten. M’Barek unterscheidet zwischen Gerüchten und Gossip. Gerüchte sind in ihrem Verständnis unbestätigte Informationen, die oft mit negativen Intentionen einhergehen. Gossip dagegen entstehe oft im zwanglosen Gespräch über andere und bereicherere die eigene Lebensqualität. Die desaströsen Konsequenzen, die durch den Gossip entstehen können, beschreibt sie am Beispiel Britney Spears. Allerdings geht sie kaum auf die negativen Konsequenzen des Lästerns im privaten Raum ein, sondern fokussiert sich auf die »positiven Aspekte«. Sie beschreibt, das Lästern soziale Bindungen fördert, dabei gibt es genug andere Themen, die Menschen verbinden können, ohne dabei anderen zu schaden. Vielleicht ist es auch eine Rechtfertigung M‘Bareks, um kein schlechtes Gewissen zu haben, doch Lästern und Gossip sind für einige ein amüsanter Zeitvertreib, während es weitreichende negative Folgen für andere mit sich bringen kann – deshalb sollte es nicht glorifiziert werden.  

Yasmine M’Barek
I feel you
Eichborn: 2025
144 Seiten, 20 €

Stilistisch zeichnet sich die Essaysammlung durch eine sehr direkte Leser:innenansprache, Selbstironie und (persönliche) Anekdoten aus. Der Titel I feel you wird regelmäßig aufgegriffen, um als leerer Internetspruch entlarvt zu werden. Die Essays überlappen sich thematisch, lassen sich aber ohne Verständnisprobleme separat voneinander lesen. Obwohl M’Barek von der Gesellschaft mehr Tiefe in (politischen) Debatten verlangt, bleiben die Essays inhaltlich selbst an der Oberfläche. Sie bilden dennoch einen zugänglichen Einstieg für die weitere Beschäftigung mit der Bedeutung von Empathie in politischen, popkulturellen und privaten Diskursen. Denn in ihnen werden wichtige Fragen aufgeworfen, die aber aufgrund der Komplexität der Themen und der Kürze der einzelnen Essays oft gar nicht vollständig beantwortet werden können. Die Lesenden werdend dazu angehalten, Dinge zu hinterfragen und sich nach der Lektüre weiter mit der Bedeutung von Empathie auseinanderzusetzen.

Insgesamt ist I feel you ein inspirierendes und unterhaltendes Buch, das sich mit aktuellen gesellschaftlichen Zuständen beschäftigt und für mehr Empathie im Alltag appelliert. Die Lesenden werden aufgefordert, verschiedene Perspektiven und Kontexte zu berücksichtigen, bevor sie ein Urteil fällen und mehr auf den eigenen Verstand, statt auf die Meinung anderer zu hören. M’Barek empfiehlt den Lesenden, die eigenen Handlungen regelmäßig zu reflektieren und auch auf die Person neben sich zu achten – möglicherweise gibt es mehr Gemeinsamkeiten, als man denkt.

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