Das schreibende Ich behaupten

Maria Anna Sager verbirgt sich in den 1770er Jahren nicht hinter einem männlichen Pseudonym. Stattdessen macht sie die Restriktionen für weibliches Schreiben zur Grundlage ihrer Romane, die an den Grenzen von Gattungs- und Geschlechterkonventionen arbeiten.

Von Philip Flacke

Bild: Von Sophie Taeuber-Arp via Wikimedia Commons, gemeinfrei

Eine Straße in einer europäischen Stadt des 18. Jahrhunderts: Es ist eine bessere Wohngegend, wo Staatsbeamte und Adelsfamilien mit mehreren Bediensteten leben. Links und rechts, hinter zwei genau gegenüberliegenden Fenstern, stehen Schreibpulte, vielleicht im verspielten, schwungvollen Stil des Rokoko. Daran sitzen zwei Menschen, sodass sie einander beim Schreiben beobachten können: ein berühmter Schriftsteller und eine junge Frau.

[W]ir begegnen einander so oft mit unsern Augen als die Feder in unsern Händen starret, nur mit dem Unterschiede, daß er die Seinige aus Nachdenken bey seinen mehr bedeutenden Werken einhält, ich hingegen die Meinige, um meine Finger ausruhen zu lassen; Er scheint mich oft nachdenklich anzuschielen, als wollte er sagen: du spottest mich aus, oder, du läst dir gar einfallen auch etwas gelehrtes zu schreiben, warte! warte! ich will dich schon durchziehen, laß es nur drucken.

»das Werk eines Frauenzimmers«

Es ist die Zeit, in der jene Romankonjunktur ihren Anfang nimmt, die wir noch heute erleben: die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts. Frauen macht diese Zeit das Schreiben schwer. Protagonistinnen dürfen sie wohl sein – solange eben Männer erzählen, so wie die großen englischen und französischen Vorbilder Richardson und Rousseau von Pamela, Clarissa und Julie. Schriftstellerinnen aber passen vermeintlich nicht zum Ideal einer in erster Linie um das Wohlergehen und Vergnügen von Familie und Freund*innen bemühten Ehefrau.

Und doch stammt die Szene mit den gegenüberliegenden Schreibtischfenstern aus dem Roman einer deutschsprachigen Autorin des 18. Jahrhunderts. Dass es davon gar nicht wenige gibt, hat maßgeblich erst eine feministisch motivierte Germanistik ab den 1970er und 80er Jahren in unseren Blick gerückt. Ihrerzeit veröffentlichen diese Autorinnen ihre Werke meistens anonym oder unter männlichen Pseudonymen, sodass ein früher Leser der Schreibtischfensterszene im Erscheinungsjahr 1771 kaum glauben kann, er habe tatsächlich einen von einer Frau selbst verfassten Roman vor sich. Der Aufhänger seiner Rezension in den Prager gelehrten Nachrichten (S. 125) lautet:

Reihe

Die ausgetretenen Pfade des literarischen Kanons verlassend setzen die Autor*innen dieser Reihe sich mit Dichterinnen, Denkerinnen, Schriftstellerinnen auseinander, deren Werke oft ganz zu Unrecht im Schatten kanonischer Texte liegen und hier in Teilen neu entdeckt werden können. Weitere Beiträge folgen hier.

Wir waren neugierig genug, einen Roman ganz durchzulesen, der keine Uebersetzung, sondern das Werk eines Frauenzimmers seyn sollte. Wir gestehen gerne, daß wir an der Wirklichkeit eines solchen Phänomens zweifelten, oder ihn dennoch von der Art zu seyn vermutheten, daß man davon zu schweigen, völlige Ursache hätte.

Damit nimmt der Rezensent Bezug auf einen Paratext des Romans. Denn erschienen im selben Jahr wie Sophie von la Roches Fräulein von Sternheim handelt es sich nicht nur um einen der ganz frühen Romane deutschsprachiger Autorinnen.1Vgl. Volker Meid: Von der Frühen Neuzeit bis zur Aufklärung. In: Geschichte des deutschsprachigen Romans. Hrsg. von dems. Stuttgart 2013, S. 17–162, hier S. 117: »La Roches Fräulein von Sternheim gilt als der erste deutsche ›Frauenroman‹, muss aber inzwischen dieses Prädikat mit einem ebenfalls 1771 veröffentlichten Roman der lange vergessenen Maria Anna Sagar teilen: Die verwechselten Töchter, eine wahrhafte Geschichte, in Briefen entworfen von einem Frauenzimmer«. – Je nachdem, mit welchem Begriff von ›Frauenroman‹ und mit welchem Konzept von Autor*innenschaft man an die Sache herangeht, gebührt der Titel ›erster deutscher »Frauenroman«‹ vielleicht auch schon viel früheren Texten, etwa einer der Bearbeitungen französischer höfischer Romane durch Elisabeth von Lothringen und Nassau-Saarbrücken im 15. Jahrhundert. Sondern die ebenfalls anonyme Verfasserin macht die weibliche Autorschaft dennoch so grundlegend und selbstbewusst zum Thema, dass sie noch am Titel abzulesen ist: Die verwechselten Töchter, eine wahrhafte Geschichte, in Briefen entworfen von einem Frauenzimmer.

»Maria Anna Sagerin«

Was heute über die Verfasserin bekannt ist, verdankt sich vor allem einer über lange Zeit ernüchternd nachlässigen Literaturgeschichte und jüngeren Bemühungen der Germanistin Helga Meise, die 2013 und 2014 am Neudruck der beiden Romane der Autorin im Georg Olms Verlag beteiligt war.2Zur Biographie vgl. insb. Helga Meise: Von der »unsichtbaren« zur »sichtbaren« Geschichte. Zur Prager Herkunft der Schriftstellerin Maria Anna Sager, geb. Roßkoschny (1719–1805). In: Cornova 1 (2010), S. 51–66, sowie dies.: Nachwort. In: Maria Anna Sager: Karolinens Tagebuch ohne außerordentliche Handlungen oder gerade so viel als gar keine. Hildesheim et al. 2013, S. 305*–344*, und dies.: Nachwort. In: Maria Anna Sager: Die verwechselten Töchter, eine wahrhafte Geschichte in Briefen entworfen von einem Frauenzimmer. Hildesheim et al. 2014, S. 215*–289*. (Mit den Sternchen wird in den Ausgaben die Seitenzählung der Nachworte von der originalen Seitenzählung der Romane unterschieden.) Nicht einmal über die Schreibung des Namens bestand bis vor Kurzem Einigkeit. Das eigenhändige Testament, das Meise konsultierte und bei dem es sich um den einzigen erhaltenen Autographen der Autorin handelt, belegt eine Schreibung entgegen dem vorher gebräuchlicheren ›Sagar‹:

Maria Anna Sagerin witib von dem gewesen k. k. schloß habttman Sager.3Zit. in Meise: Von der »unsichtbaren« zur »sichtbaren« Geschichte (wie Anm. 2), S. 55.

Entsprechend der Sitte ihrer Zeit hängt die Unterzeichnerin als Frau das Suffix –in an den Namen ihres Mannes.

Sieben Jahre nach Erscheinen ihres ersten Romans berichtet der österreichische Staatsrechtler Ignaz de Luca von ihren Lebensumständen (S. 75f.).4Wie sich spätere Darstellungen von Sagers Leben maßgeblich auf de Lucas Schilderung beziehen, zeigt anschaulich Barbora Veselá: Das Romanwerk von Maria Anna Sagar. Olmütz 2013. (Diplomarbeit), S. 5–7. Er betont ihre im Vergleich zu anderen Frauen des Bürgertums offenbar gute Bildung, für die er aber nicht Sager selbst, sondern Männer aus ihrem Umfeld verantwortlich macht – ebenso wie für ihre Schreibtätigkeit: »Sagar, Maria Anna, gebohrne Rodoschny, gebohren am 24ten Julius, 1727. zu Prag, wo der Vater erster k. Registrator bey der K. Stadthalterey in Böhmen war. Durch den Tod ihres Vaters wurde sie in die traurige Nothwendigkeit versetzt in Dienste zu treten, doch war sie noch glücklich, da sie in Wien in ein Haus kam, wo alle Gelegenheit vorhanden war, Weltkenntniß und Geschmack zu erhalten. Sie konnte um so leichter ihren Geist bilden, da der seel. Vater noch in seinem Leben den Grund zu einer guten Bildung bey ihr legte. Als sie sich mit dem Hrn. Schloßhauptmann Sagar verehligte, so fand sie mehrere Gelegenheit zu ihrer Ausbildung, da sie sich mit einem Manne von Literatur verband. Durch die Bekanntschaft des Herrn v. Sonnenfels ward sie mit dem, einem Frauenzimmer nöthigen Bücherkenntnisse bekannt, er brachte ihr etwas von den schönen Wissenschaften bey, und so wurde sie Schriftstellerinn.«

Von Maria Anna Sager ist kein überliefertes Bild bekannt.

In ihrem zweiten Roman lässt Sager die Erzählerin Karoline diese Art der Lebensbeschreibung reflektieren, die so Weniges von einem Menschen in Erinnerung behält, dass er für die Nachwelt kaum mehr in den Blick zu bekommen ist.

Es wird heißen: Nanette und Karoline zwey Schwestern von ehrlichen Aeltern sind, die eine Anno 1761, die andere Anno 1763 gebohren worden, haben gegessen und getrunken, sind groß gewachsen, haben beyde an einem Tag Anno 1771 geheyrathet, und sind Anno –– das weiß ich noch nicht, gestorben.

Was es mit den Jahreszahlen auf sich hat, ist nicht ganz klar: ein Druckfehler? Ein Rechenfehler? Ein furchtbarer Witz? Jedenfalls ist die fiktive Schreiberin dieser Zeilen zu diesem Zeitpunkt, kurz vor ihrer Hochzeit, nicht sieben oder acht, sondern siebzehn oder achtzehn Jahre alt. – Ist es übertrieben, in ihren Worten nicht nur generelle Gedanken über die Ereignisarmut der Welt im Vergleich zu den Romanen zu hören? Ist da nicht auch Resignation darüber, wie wenig erzählenswert die private Sphäre der Frauen dem 18. Jahrhundert scheint und wie groß die Restriktionen sind, aus dieser auszubrechen?

Die Grenzen der Selbstbestimmung im Patriarchat

Erziehung und Bildung der Protagonistinnen spielen in Die verwechselten Töchter eine zentrale Rolle. Aber im Gegensatz zum Biogramm de Lucas zeichnen nicht Männer dafür in erster Linie verantwortlich, sondern die Frauen und Mädchen des Romans sind es, die kontinuierlich das Wissen und die Fähigkeiten, die Manieren und den Charakter der anderen Mädchen und Frauen durch Unterweisung und als Vorbilder zu fördern verstehen. Klara und Klara heißen die auf den Tag genau gleichaltrigen titelgebenden Töchter. Dass sie beide aus adeligen Familien stammen, kommt erst im Verlauf der Handlung ans Licht, die gattungstypisch mit Verwicklungen und Verwirrungen über Verwandschaftsverhältnisse, Identitätentausch und unverhofften Erbschaften aufwartet. Aus unterschiedlichen Gründen alleinstehend müssen die beiden Mütter ihre Familien selbst versorgen und verdienen ihren Unterhalt zunächst als Schneiderinnen. Eine der beiden sieht sich gezwungen, in die Dienste einer reichen Gräfin zu treten und ihre Klara bei der anderen und deren Mutter zurückzulassen. Trotz dieser ökonomischen und emotionalen Verbundenheit vertauscht letztere Mutter heimlich die Identität der beiden Kinder und schickt einige Jahre später ihre eigene Tochter zu der Freundin. Sie hintergeht ihre Vertraute und deren Tochter in der Hoffnung, ihr eigenes Kind könne mit dem Geld der Gräfin ein besseres Leben führen als sie selbst.

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Maria Anna Sager
Die verwechselten Töchter

Mit einem Nachwort von Helga Meise
Georg Olms Verlag 2014
289 Seiten, 39,80 €

Auch wenn die Protagonistinnen und Protagonisten der Verwechselten Töchter niemals existenzielle Armut fürchten müssen, und auch wenn das Leben sozial niedrigerer Stände passagenweise verklärt wird gegenüber dem oberflächlichen Gehabe der höfischen Welt: Es geht um die ökonomische Absicherung einer Existenz, die nicht nur Freiheiten und Luxus gewährleistet, sondern auch Bildung. Die Gefährdung dieser Lebensweise, die die Gemeinschaft der Frauen zu zerreißen droht, offenbart deren Abhängigkeit von Stand und Familie und – in allererster Linie – vom jeweiligen Ehemann. So ist denn auch das Heiraten ein Thema von besonderer Wichtigkeit in den Briefen, in denen die voneinander getrennten Klaras einander ihren Alltag schildern. Die Unsicherheit im höfischen Umgang, der Erwartungsdruck, die übermächtigen Standesgrenzen – das alles erwischt einen immer noch weniger kalt als die schmerzliche Insistenz, mit der besonders die eine Klara wieder und wieder gesagt bekommt: Sie sei nicht schön. Das Mädchen lebt in einer Welt, die neben Herkunft und Geld die äußerliche Erscheinung und die Befähigung, zu gefallen, für Frauen zu den wichtigsten Formen von Kapital macht, und das lernt sie von klein auf.

Sagers Raffinesse zeichnet aus, dass sie den Frauen in ihren Romanen trotz allem eine ausgesprochene Selbstständigkeit und zumindest ein gewisses Maß an Selbstbestimmung lässt. Am Ende bleibt die Solidaritätsgemeinschaft der Frauen bestehen, die die Intrige der Mutter gefährdet hatte. Vor allem aber versteht Sager, den duldsam Privatheit reklamierenden Ton der Briefe mit einer selbstbewusst ironisch auftretenden, fiktiven Herausgeberin und dem Faktum des tatsächlich gedruckten Buches zu konterkarieren, sodass ihre Figuren eine Stimme und in scheinbarer Privatheit eine Öffentlichkeit gewinnen. Zu dieser Haltung gehört auch, dass Sager (nomen est omen) nicht verstummt, als die Kritik zumindest in Teilen so missgünstig ausfällt, wie es die Verachtung des innehaltenden Literaten am Fenster bereits ankündigt. Stattdessen veröffentlicht die Autorin nur drei Jahre darauf noch einen zweiten Roman – den einzigen anderen, den wir kennen –, in dem sie ihre Protagonist*innen die Kritik am ersten eigens ironisch aufgreifen lässt.

Ist es ein Problem, die Literatur der Marginalisierten nur als Literatur der Marginalisierten in den Blick zu nehmen? Maria Anna Sager hat als Frau unter restriktiven Bedingungen gelebt, geschrieben und publiziert. Sie thematisiert sie in ihren Romanen, setzt sich kritisch damit auseinander und erhebt sie sogar zum wichtigen Ausgangspunkt ästhetischer Strategien. Als Frau wurde Sager von der Literaturgeschichte übersehen und als Frau wurde sie wiederentdeckt. Dennoch sind ihre Romane nicht nur als frühe Zeugnisse einer Literatur deutschsprachiger Schriftstellerinnen von Bedeutung, die sich mit Geschlechterrollen und gesellschaftlichen Beschränkungen auseinandersetzt. Es sind auch innovative und komplexe Beiträge zur Gattung Roman, die sich gerade neu erfindet. Sagers zweiter Roman, Karolinens Tagebuch, ohne ausserordentliche Handlungen oder gerade so viel als gar keine, Geschrieben von M.A.S., erscheint im selben Jahr wie Goethes Werther, und in Sachen Experimentierfreudigkeit steht er diesem in nichts nach.

Die Eheschließung als psychische Herausforderung

Die Figuren der Verwechselten Töchter erlangen noch kaum psychologische Tiefe. Zu groß ist das Gewicht der moralischen Exempelhaftigkeit, zu umsichtig der höfliche Umgang, zu perfekt die Tugendhaftigkeit – wenngleich Sager die Mutter der einen Klara fast wie einen Bühnencharakter Oscar Wildes formulieren lässt, »wie es nicht genug wäre unschuldig zu seyn, sondern daß man auch so scheinen müße.« Karoline aber ist ein komplexer und einnehmender Charakter, und Karolinens Tagebuch lässt sich lesen als psychologische Studie einer intelligenten und eigenständigen Jugendlichen, die im Erwachsenwerden nicht nur sich selbst finden muss, sondern sich gleichzeitig gezwungen sieht, diese Eigenständigkeit sogleich wieder aufzugeben. Geht es in Die Verwechselten Töchter noch besonders um ökonomische Sicherheit und gesellschaftliche Anerkennung, rückt Karolinens Tagebuch nun die Eheschließung als psychische Herausforderung der adoleszenten Bürgerstocher ganz in den Mittelpunkt.

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Maria Anna Sager
Karolinens Tagebuch

Mit einem Nachwort von Helga Meise
Georg Olms Verlag 2013
344 Seiten, 47,80 €

Und zwar mit geradezu proto-feministischem Schmiss:

Es betrift die Veränderung meines Standes; Karl R** soll mich umschmelzen, er soll mir seinen Namen geben; er hat schon von unserm guten Vater die Erlaubniß hierzu. Siehe das weis ich alles: aber in was vor einem Rath ist es denn beschlossen worden? mich dünkt, ich hätte wohl in diesem Rath auch eine Stimme haben sollen; doch ich bin nur ein Kind: wider den Spruch meines Vaters werde ich nicht appeliren dörfen.

In der Tätigkeit des Schreibens findet und verteidigt Karoline ein eigenes Selbst, indem sie kritisch den Prozess ihrer Sozialisation beobachtet und kommentiert. Dabei ist sie einem beständigen Druck ausgesetzt, zu legitimieren, dass und was sie schreibt; sie hat die große Sorge, nach ihrer Heirat überhaupt nicht mehr schreiben zu dürfen. Ob sie es tut, erfährt der*die Leser*in nicht. Der letzte der Briefe, die den Romantext ausmachen und die Karoline größtenteils an ihre ältere Schwester und den gemeinsamen Hauslehrer schreibt, datiert kurz vor Karolines Hochzeit. Fast scheint es, als habe sie die ganze Keckheit verloren, die ihre Briefe zuvor wunderbar auszeichnet. »Wie veränderlich bin ich doch! in diesen letzten Zeilen verkenne ich mich fast selbst, daß ist nicht meine natürliche Laune; werde ich mir denn immer selbst ein Widerspruch seyn?«

Das Spiel mit Konventionen

In Karolinens Tagebuch treibt Sager das Wechselspiel verschiedener Erzählebenen auf die Spitze. Sie erzeugt damit außer Doppelbödigkeit und ironischer Perspektivierung auch eine gestaffelte Art der Selbstkommentierung, die es ihr ermöglicht, das eigene Schreiben und die Form des Romans zu thematisieren. Im kurzen Vorwort tritt die Autorin diesmal nicht als vermeintliche Herausgeberin, sondern offenbar als Erfinderin der Geschichte auf, deren Nichtigkeit schon im Titel behauptet wird. Damit reagiert Sager auf die Vorurteile der Leseöffentlichkeit, die sie verwegen herausfordert:

Was können Sie sich von einem böhmischen Frauenzimmer versprechen; wie kann die nur auf den Gedanken verfallen ein Buch zu schreiben.

Auch Karoline beginnt, in den Briefen an ihre Schwester und den Lehrer eine Geschichte zu erzählen, die im Gegensatz zu ihrer eigenen Abenteuer und Mysterien zu versprechen scheint. Sie handelt von einem Mädchen Namens Eleonora Lusani, das aus der Obhut der Mutter und der Schwester entführt und in ein abgeschottetes Haus zu einer geheimnisvollen Frau gebracht wird. Dort gibt es versteckte Türen und ein geheimnisvolles Porträt und was sonst zu den Gattungserwartungen des englischen Schauerromans gehört.

Zugleich werden die Konventionen der empfindsamen Romane bedient, die bei den Leser*innen Sympathie erzeugen und einen Moral Sense, ein von der Vernunft verschiedenes Gespür für das moralisch Gute, ansprechen sollen. Dass die offengesagt beanspruchend zähe Geschichte um Eleonora und ihre Entführerin als Kontrastfolie zu Karolines eigenem Verhalten beachtlich ästhetischen Reiz gewinnt, hat die Germanistin Claire Baldwin gezeigt: Während sich Eleonora in ihre Situation ergibt, die Autorität und Restriktionen der geheimnisvollen Fremden akzeptiert, pflegt Karoline ihren kritischen Blick, hinterfragt, wie sie agiert und was ihr widerfährt. Und das bedeutet auch: Sie fordert die Tauglichkeit der empfindsamen Romanheldinnen als anstrebenswerte Exempel der Weiblichkeit heraus.5Vgl. Claire Baldwin: The Emergence of the Modern German Novel. Christoph Martin Wieland, Sophie von La Roche, and Maria Anna Sagar. Rochester/Woodbridge 2002. Nachdem bereits in Die verwechselten Töchter die Handlungsstränge um Verwechslungen, Liebe und Erbschaften nicht vollständig zum eigentlich doch erwartbaren Happy End verwoben werden, fehlt es in Eleonoras Geschichte ganz und buchstäblich. Karoline bricht sie einfach ab.

Bei ihrer Versatztechnik von Vorworten und Erzählebenen verfährt Sager genauso mit Gattungs- wie mit Geschlechterkonventionen: Sie bedient und unterwandert sie zugleich. Dabei beweist sie große Gewandheit und Kreativität im Umgang mit den erzähltechnischen Möglichkeiten der Romanform – beispielsweise, wenn eine Briefeschreiberin während des Schreibens einem Maler Modell sitzt und bloß alle Gedanken vermeiden soll, die ihr Runzeln in die Stirn treiben könnten. Im Gegensatz zu Goethe, der Werthers Geschichte fast nur in dessen eigenen Briefen an seinen Freund Wilhelm erzählt, kommt bei Sager eine Vielzahl von Stimmen zu Wort in den Briefen verschiedener Personen, in Notizen und mitgeschriebenen Gesprächen, in Abschriften und Abschriften von Abschriften.

Das Briefeschreiben galt der zweiten Hälfte des18. Jahrhunderts als Ausdruck von Natürlichkeit und Emotion. Der wohl wichtigste Stichwortgeber in Sachen Briefkultur, Christian Fürchtegott Gellert, urteilte öffentlichkeitswirksam, »daß die Frauenzimmer oft natürlichere Briefe schreiben, als die Mannspersonen« – und zwar aufgrund einer besonderen Sensibilität und, »weil sie nicht durch die Regeln der Kunst ihrem Verstande eine ungewöhnliche Richtung gegeben haben«6Beide Zitate in Christian Fürchtegott Gellert: Briefe, nebst einer praktischen Abhandlung von dem guten Geschmacke in Briefen. In: Ders.: Gesammelte Schriften. Kritische, kommentierte Ausgabe. Bd. IV: Roman, Briefsteller. Hrsg. von Bernd Witte et al., S. 105–221, hier S. 136. Den Hinweis verdanke ich Helga Gallas und Magdalena Heuser: Einleitung. In: Untersuchungen zum Roman von Frauen um 1800. Hrsg. von dens. Tübingen 1990, S. 2f. Vgl. außerdem Reinhard M. G. Nickisch: Briefkultur: Entwicklung und sozialgeschichtliche Bedeutung des Frauenbriefs im 18. Jahrhundert. In: Deutsche Literatur von Frauen. Erster Band: Vom Mittelalter bis zum Ende des 18. Jahrhunderts. Hrsg. von Gisela Brinker-Gabler. München 1988, S. 389–409.. Noch Christine Touaillon, der das Verdienst zukommt, schon 1919 in einer wissenschaftlichen Arbeit über Sagers Romane geschrieben zu haben, urteilt über deren vermeintlichen Mangel an Buchgelehrsamkeit:

Das mag ihren literarischen Arbeiten insoferne zugute gekommen sein, als die Frische und Eigenart einer nicht allzu starken Begabung nicht durch Konvention verwischt wurde.

Aber es ist nicht naive Natürlichkeit, die Sagers Romane als ein exzeptionelles Stück der deutschsprachigen Literaturgeschichte auszeichnet, es ist das kalkulierte, bewusste und selbstbewusste Spiel mit Konventionen, die niemand besser kennt als eine Romanautorin des 18. Jahrhunderts.

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