Die gute alte Zeit

Der neuste Film von Wes Anderson The French Dispatch erzählt auf humoristische und kunstvolle Weise die Geschichte eines Kultmagazins. Der Film ist ein Liebesbrief an die goldene Zeit des Journalismus und erinnert in seinem Stil an die Glanzmomente des französischen Kinos.

Von Katharina Bews

Bild: Photo Courtesy of Searchlight Pictures. © 2020 Twentieth Century Fox Film Corporation All Rights Reserved

Mit seinen schwarz-weißen Bildern und seiner lebhaften Atmosphäre ist Wes Andersons neuer Film The French Dispatch eine Zeitreise in die Vergangenheit des französischen Kinos. Retro-Bilder und farbliche Akzente bei manchen Szenen sorgen für ein typisches Anderson-Filmerlebnis.

In kurzen Episoden begleitet der Film die letzte Ausgabe des Magazins »The French Dispatch«, das unter der Leitung des wenig sentimental geprägten Arthur Howitzer Jr. steht. Kapitelweise wird den Zuschauer:innen der Inhalt des Magazins präsentiert, erzählt von einer Reihe höchst unkonventioneller Journalist:innen. Der Inhalt des Filmes ist untergliedert in die Rubriken Reise-Kolumne,  Kulturteil, politisches Geschehen und kulinarische Vielfalt. Sehr unerwartet und amüsant zugleich betonen die einzelnen Kurzgeschichten das besondere Klima des Kultmagazins »The French Dispatch«.

Ein alternativer Blickwinkel auf die französische Provinz

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The French Dispatch

USA 2021
108 Minuten
Regie: Wes Anderson
Mit: Timothée Chalamet, Frances McDormand, Bill Murray, Léa Seydoux, Tilda Swinton, Benicio del Toro, Owen Wilson und anderen

Die Reise-Kolumne, geschrieben von Herbsaint Sazerac, beleuchtet die obszönen und unschönen Ecken der fiktiven französischen Kleinstadt Ennui-sur-Blasé, dem Standort des »French Dispatch«. Der von Owen Wilson gespielte Reporter radelt mit dem Fahrrad durch die Stadt, beleuchtet die städtische Entwicklung und führt persönliche Studien zur Rattenpopulation in der Kanalisation und der Katzenanhäufung auf den Dächern von Ennui durch. »Ich hasse Blumen«, ist der lakonische Kommentar des Reporters zur eher morbiden Darstellung des französischen Örtchens.

Der von der Kunstkritikerin JKL Berensen (Tilda Swinton) verfasste Kulturteil handelt von der einzigartigen Kunst des wegen Mordes verurteilten grummeligen Psychopathen Moses Rosenthaler. In der Trostlosigkeit des Gefängnisses in Ennui findet der Künstler kreative Inspirationen in seiner Aufseherin Simone, die ihm zwar als Aktmodell dient, aber seine Liebe nicht erwidert. Ein wildes Durcheinander rund um Rosenthalers Fresko weckt die Aufmerksamkeit der etwas wunderlichen Reporterin JKL Berensen.

Studierendenrevolte und comichafte Verfolgungsszenen

Das politische Geschehen, geschildert von der Politjournalistin Lucinda Krementz (Frances McDormand), nimmt eine französische Studierendenrevolte und ihren Anführer Zeffirelli in den Blick. Die auf die Proteste der 68er referierende Geschichte bekommt durch die Figur der älteren und einsamen Lucinda Krementz einen ganz besonderen Charme, da die Journalistin nicht nur ein besonderes Verhältnis zu Zeffirelli (Timothée Chalamet) hat, sondern auch aktiv am Geschehen teilnimmt. Ein wunderbarer Fokus auf das Schachspielen und ein sehr links-radikaler Touch zeichnen die politische Rubrik des Magazins aus.

Die dritte Episode spielt auf die Studierendenprotest in den 60er-Jahren an. Bild: Photo Courtesy of Searchlight Pictures. © 2021 20th Century Studios All Rights Reserved

Als kulinarisch vielfältig angedachter Artikel über Nescaffiers, den Chefkoch des Polizeikommissars, entpuppt sich die Story des Journalisten Roebuck Wright (Jeffrey Wright) als Verfolgungsjagd im Stil des Film Noir. Ein kulinarisches Wunderwerk wird beim Besuch des Journalisten aufgetischt, als den Kommissar ein Anruf mit der Mitteilung erreicht, sein Sohn sei entführt worden. Voller Spannung wird in comichaften Szenen die Verfolgungsjagd geschildert und die Wirkung der Kochkünste von Nescaffiers dargestellt. Die dramatische Wendung und das Gelübde des Chefkochs sorgen für den Höhepunkt der Geschichte und die anschließende Publikation des Artikels im »The French Dispatch«.

Durch und durch ein klassischer Anderson

Als einen Liebesbrief an die goldene Zeit des Journalismus und des französischen Kinos beschreibt der Regisseur seine neueste Produktion. Farblose Szenerien und eher unübliche Filmmomente unterstützen dieses Image des Films: Die Bilder erinnern an Cover alter Zeitschriften, comichafte Actionszenen bringen die Zeit der simplen Filmkunst zurück und einzelne Nahaufnahmen bestärken die Dramatik des Moments.

Die einzelnen Rubriken sind geprägt durch eine sprachliche Vielfalt, die einer:m im modernen Kontext eher fremd erscheint. Die Figuren im Film drücken sich mit Fachvokabular aus, das auch die Artikel der Journalist:innen im »The French Dispatch« auszeichnet. Die Dialoge sind dadurch häufig verwirrend, lassen jedoch durch ihre Kurzlebigkeit aufatmen. Der teils abstruse Humor ist satirische Feinkost, die vielleicht nicht allen gefällt:

Her big stupid eyes were watching me pee.

Zeffirelli

Liebhaber:innen von klassischen Wes-Anderson-Filmen werden durch die wohl bekannten, einprägsamen Bilder nicht enttäuscht. Das übliche Paket an Andersons Lieblingsschauspieler:innen ist bei dieser Produktion auch wieder dabei und sorgt für den ein oder anderen Überraschungsmoment. Neben Bill Murray als Redakteur des französischen Magazins kommen hier auch Owen Wilson, Tilda Swinton, Adrien Brody, Edward Norton und Jeffrey Wright nicht zu kurz.

Le Fin

In Rückblicken lässt uns Wes Anderson teilhaben an dem französischen Kultmagazin »The French Dispatch«, das mit seinem amerikanischen Touch die blühenden Zeiten des »New Yorker« in Erinnerung ruft. Kapitelweise wird der:die Zuschauer:in von einer tragischen zu einer aufregenden Geschichte des Magazins geleitet und erlebt dabei nicht nur die Höhen und Tiefen der Artikelstory selbst, sondern erhält einen ganz besonderen Einblick in das Leben des:r jeweiligen Journalisten:in. Starke und sonderbare Persönlichkeiten sind in jeder der Rubriken gegeben und lassen eine:n trotz des hektischen Durcheinanders von Geschichten, Personen und Aktionen den ganzen Film über nicht los. Jede Szene gleicht in ihrer Atmosphäre und Bildhaftigkeit einem Kunstwerk, das die Zuschauer:innen in den Glanz der Kinogeschichte zurückversetzt.

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