Mit Schleifen schafft Elias Hirschl einen sprachspielerischen, absurden Roman über die Macht der Wörter. Zwischen Universalsprache, Identitätsverlust und skurrilen Wendungen verschwimmen Realität und Fiktion. Ein Roman zum Grübeln, Schmunzeln und Staunen.
Von Hannah-Lea Margraf
Bild: Via Wikimedia (bearbeitet), CC3.0
Der siebte Roman des österreichischen Autors Elias Hirschl, Schleifen, beginnt nicht einfach nur mit einer Geschichte, sondern eher wie ein literarischer Kreisverkehr, in den man hineinfährt, ohne genau zu wissen, welche Ausfahrt eigentlich die richtige ist. Genau das macht Hirschls Erzählstil aus: Sein Roman will nicht geradlinig erzählen. Er will abbiegen, zurückkehren, übertreiben, verwirren, verdoppeln und vor allem mit Sprache spielen.
Im Zentrum stehen Franziska Denk und ihr Lebensgefährte Otto Mandl. Gemeinsam widmen sie sich einem ebenso größenwahnsinnigen wie faszinierenden Projekt: Sie wollen die perfekte Universalsprache finden. Otto, der Mathematiker, nähert sich dieser Aufgabe logisch, strukturiert, zahlen- und systemorientiert. Franziska, Germanistin, zerlegt die Sprache fein säuberlich in ihre Einzelteile und setzt sie neu zusammen. Ihre Beschäftigung mit Wörtern hat dabei einen besonderen Ursprung. Als Kind erkrankte sie an jeder Krankheit, die in ihrer Nähe ausgesprochen wurde. Sprache ist für sie also nie harmlos. Wörter sind nicht bloße Zeichen, sie haben Folgen. Sie können krank machen, Wirklichkeit erzeugen, Wirklichkeit verzerren.
Aus dieser Grundidee entwickelt Hirschl einen Roman, der ständig neue Türen öffnet. Immer wieder tauchen Nebengeschichten, Abschweifungen und scheinbar zusammenhangslose Details auf: tote Sprachen, Namen, sprachwissenschaftliche Begriffe, mathematische Konzepte, absurde Wendungen und groteske Übertreibungen. Anfangs wirkt vieles davon verwirrend, fast willkürlich. Doch nach und nach zeigt sich, dass der Roman vieles, was er zuvor in einem Nebensatz erwähnt hat, später wieder aufgreift. Motive kehren zurück, Details werden gespiegelt, überspitzt oder in neue Zusammenhänge gestellt.
»Die Schleife ist das Alpha und das Omega«
Dazu passt im Roman das Motiv der Möbius-Schleife (ein verdrehtes Band mit nur einer Seite und einer Kante), denn irgendwann hat man beim Lesen das Gefühl, dass nicht nur einzelne Motive, sondern der ganze Roman wie eine Möbius-Schleife funktioniert. Man bewegt sich scheinbar vorwärts, landet aber immer wieder auf der anderen Seite derselben Fläche. Innen und außen, Anfang und Ende, Haupt- und Nebengeschichte lassen sich irgendwann nicht mehr sauber voneinander trennen. Alles hängt zusammen, kippt ineinander, kehrt dann wieder und verändert dabei seine Bedeutung.
Hirschl zerlegt Wörter und Bedeutungen, setzt sie neu zusammen und treibt sie ins Absurde. Ein Tofuverkäufer aus Taiwan bekommt einen Musikpreis, obwohl er nie komponiert hat. Placebo-Medikamente wirken, weil man die Packungsbeilage liest und die Wörter aufnimmt. Otto Mandl verschwindet in Japan auf einem Kreisverkehr, der so groß ist, dass sich dort eine Parallelgesellschaft gebildet hat, Menschen vergessen ihre eigenen Namen und werden zur Universal-Persönlichkeit Jim Blum, realhistorische Personen mischen sich in die fiktive Romanhandlung.
Man liest und hat dabei immer wieder den Impuls, das Handy zu nehmen und zu googlen: Ist das jetzt wirklich wahr? Gibt es diese Person oder dieses Konzept, oder ist alles frei erfunden? Genau in diesem Zwischenraum zwischen (Halb-)Wissen und Fiktion entfaltet Schleifen seinen Reiz. Der Roman fordert heraus und irritiert. Er spielt nicht nur mit der deutschen Sprache, sondern auch mit dem Kopf der Lesenden.
»Wir haben die Sätze überwunden. Nicht schlimm. Wir finden neue.«
Darin liegt gleichzeitig auch eine Schwierigkeit des Romans: Schleifen macht sehr viele Nebenschauplätze auf. Immer wieder bilden Kapitel eigene kleine Erzählräume. Das passt zwar zum Konzept des Romans, weil er aufzeigt, wie Sprache und Geschichten wuchern können, lässt die ursprüngliche Geschichte aber manchmal in den Hintergrund treten. Franziskas körperliche Reaktion auf die ausgesprochenen Krankheiten nimmt im Verlauf weniger Raum ein, als der Klappentext vermuten lässt. Das ist besonders schade, da diese Idee zu den spannendsten Ansätzen des Romans gehört.

Schleifen
Zsolnay: 2026
416 Seiten, 26 Euro
Nach der letzten Seite bleibt ein seltsamer Zustand zurück. Man klappt das Buch zu, starrt erstmal zehn Minuten an die Decke und fragt sich, was man da eigentlich gerade gelesen hat. Das ist durchaus als Kompliment zu verstehen, denn Schleifen ist ein literarisches Experiment, ein Sprachspiel und ein Rätsel, bei dem sich jede Antwort sofort wieder in die nächste Frage verwandelt. Wer eine klare Handlung, starke Figurenbindung oder klassische Spannung sucht, wird es mit diesem Roman vermutlich schwer haben. Wenn man sich jedoch darauf einlässt, entwickelt das Buch einen ganz eigenen Reiz: Es verwirrt, unterhält und bleibt gerade deshalb im Gedächtnis.

