Was zu feiern?

Am 04. Oktober findet das FEMfest im Alten Rathaus statt. Dazu bringt der Literaturherbst Veronika Kracher, Sibel Schick und Edith Löhle zusammen auf die Bühne. Es geht um reproduktive Gerechtigkeit, Misogynie im Netz und einen internationalen Moralgerichtshof. Aber was wurde eigentlich gefeiert?

Von Lisa Marie Müller

Bild: Dietrich Kühne

Das Alte Rathaus und der Feminismus: »Gefüllt, aber nicht voll«, könnte man dazu mit Blick in den Publikumsraum bemerken. Das FEMfest ist die Veranstaltung des Literaturherbstes, die explizit Einblick in aktuelle feministische Debatten geben soll, das Programmheft verspricht: »Ein Abend, viele Erkenntnisse.« Für die Erkenntnisse sind drei Autor:innen eingeladen, ihre aktuellen Bücher vorzustellen: Veronika Kracher, Sibel Schick und Edith Löhle. Sie moderieren sich gegenseitig, was eine schöne Idee ist, um die Autor:innen in verschiedenen Rollen zu erleben und so besser kennenzulernen.

Der Abend mit dem schon in diesem Artikel kritisierten Titel verspricht also, auf unterhaltsame Art, neue Einblicke in aktuelle feministische Veröffentlichungen zu bekommen. In der Regel werden Autor:innen und Bücher bei Lesungen jeweils kurz eingeführt und vorgestellt – man kann einfach hingehen und vor Ort lernen, worum es im Buch geht und wer der:die Autor:in eigentlich ist. Eine über das Programmheft hinausgehende Recherche ist nicht nötig, man kann sich einfach überraschen lassen.

Surprise

Gesa Husemann fragt zu Beginn, ob es denn wirklich was zu feiern geben wird – eine Antwort darauf bleibt zunächst aus. Es ist eine, wie sich herausstellen wird, berechtigte Frage, die den Titel der Veranstaltung erneut fragwürdig erscheinen lässt. Das ›Fest‹ eröffnet Veronika Kracher mit dem Buch Bitch Hunt, bei dem es um Misogynie im digitalen Raum geht. Kracher liest direkt aus dem Text, es ist ein harter Einstieg: Amber Heards und Johnny Depps Rechtsstreit wegen Depp vorgeworfener häuslicher Gewalt und dem anschließenden Schauprozess mit digitaler Hetzkampagne gegen Heard wird mit deutlichen Worten wiedergegeben und analysiert. Worum es sonst in dem Buch geht: eher unklar. Ausgerechnet an diesem Abend wird an Einordnungen der Personen und Bücher gespart. Die Autor:innen verzichten explizit darauf, sich gegenseitig vorzustellen (schade).

Überraschung: Der misogyne Horror patriarchaler Gewalt wirkt bedrückend. Die Themen häusliche Gewalt, Victim Blaming, Kontrolle, Eifersucht und Love Bombing bringen keine festliche Stimmung. Um ein wenig Positives zu finden, fragt Löhle nach Dingen, die innerhalb solcher Strukturen trotzdem Hoffnung bringen können: Kracher antwortet, dass diese in Solidarität untereinander und im gemeinsamen Kampf gegen Ungerechtigkeit zu finden ist. Eine überraschend schöne Antwort!

Blick auf die Strukturen

Der Abend hat eine dynamische Struktur: Zuerst wird Kracher von Löhle moderiert. Anschließend geht es um Schicks Mein Körper – wessen Entscheidung?, moderiert von Kracher. Zuletzt spricht Schick mit Löhle über ihren satirischen Roman Kurzer Prozess. Dazwischen gibt es leicht irritierende, weil nicht besonders hintergründige Musik, Getränke oder frische Luft. Der erste Teil endet mit einer kurzen Diskussion zu Hassrede auf Social Media. Statt sich persönlich die Last aufzuladen, in Kommentarspalten zu widersprechen, empfiehlt Kracher, die Techplattformen selbst in die Verantwortung zu nehmen. Also: die dahinterliegenden Strukturen.

Der zweite Teil zu Schicks Buch Mein Körper – wessen Entscheidung? dreht sich um reproduktive Gerechtigkeit und, wie gegen Ende des Gesprächs zum Buch langsam klar wird, um das, was nach der Abschaffung des § 218 StGB, der Schwangerschaftsabbrüche unter Strafe stellt, kommen könnte. Schick antwortet auf die Frage, was man im besten Fall gegen strukturellen Rassismus tun sollte, dass es schon mal gut sei, dass wir alle heute Abend hier seien (ok?). Denn: Wir sollen auf die Strukturen schauen – erneut ein guter Hinweis, der ergänzt wird um das, was häufig (moralisch) als erstes angemerkt wird: Es sei aber auch wichtig, was wir individuell machen. Der zweite Teil endet mit einem überraschenden Schlusswort, das Kracher ebenso wie Teile des Publikums irritiert. Schick schlägt halb augenzwinkernd vor, Deutschland zu kaufen, um so eventuell reproduktive Rechte zu bekommen. Auf Krachers Einwand, sie selbst würde Deutschland eher abschaffen, wiederholt Schick ihre Forderung aber in gleichem Wortlaut.

Ein Fest

Die Entscheidung, mit dem einzigen fiktionalen Werk zu enden, tut dem Abend gut: Es wird endlich gelacht und mal kurz nicht an reale Misogynie, Gewalt und die Macht über Körper nachgedacht. Stattdessen werden Kindheitsheld:innen vor den internationalen Moralgerichtshof geführt. Löhle habe während der Schwangerschaft viel Zeit mit Disney-Filmen verbracht und sich in der Folge mit prägenden Kulturgütern und (vermeintlichen) Held:innenfiguren beschäftigt, die eine satirische Betrachtung dringend notwendig erscheinen ließen. So schließen Peter Pan und seine »lost boys« beispielsweise Mädchen aus. Auch werde seine Weigerung, erwachsen zu werden, auf dem Rücken anderer ausgetragen. Die ›ewige Jugend‹ könnte auch als ein politisches Privileg verstanden werden, bei der andere die ›erwachsene‹ Care-Arbeit übernehmen.

Während Tinker Bell als Pick Me Girl Rede und Antwort stehen muss (»Sie sucht die ganze Zeit nach männlicher Bestätigung«), wird deutlich, dass Humor und Satire unentbehrlich sind, die Zustände auszuhalten, ohne ständig Bauchschmerzen zu haben. Nach der anhaltenden Diskussion darüber, ob Kindergeschichten wie etwa Pippi Langstrumpf überarbeitet werden müssen, um keinen Rassismus zu reproduzieren, widmet sich Löhle den Figuren selbst. Was daran geschickt ist: Sie bleibt in der Fiktion und trotzdem oder gerade deshalb wird klar, wie absurd die Geschlechterverhältnisse waren und sind. Diese Absurdität in der Fiktion ist wohltuend, da keine realen Schicksale mitgefühlt werden müssen und trotzdem gelernt werden kann, welche Verhaltensweisen und Einstellungen (literally) moralisch verurteilt werden sollten und warum. Ein Fest!

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