Ichs auf der Suche

Im Rahmen des Debütant*innenballs im Literarischen Zentrum stellten die Autor:innen Mirjam Wittig, Daniel Schulz und Selene Mariani ihre Erstlingswerke vor. Neben Lesungen aus ihren Romanen entspannen sich zwischen ihnen und der Moderatorin Anna-Lena Markus interessante Diskussionen zu ihren Romanen.

Von Jana Schaefer

Bild: Jana Schaefer

Am 14. Juni 2022 stellten drei Autor:innen im Format des etablierten Debütanten*innenballs im Literarischen Zentrum ihre Romandebüts vor. Moderiert wurde der Abend von Anna-Lena Markus. Der große Veranstaltungsraum im Literaturhaus Göttingen wirkt trotz der grauen Beton-Wände freundlich und einladend. Die Sitzplätze sind in Grüppchen von bis zu vier Stühlen unterteilt, kleine Tische mit Blumensträußen bieten Platz für zuvor gekaufte Getränke.

Vor der »Wand der ungelesenen Bücher« stehen zwei Tische, leicht zueinander gewandt, links nimmt Markus Platz, rechts von ihr setzt sich zuerst Mirjam Wittig hin. Ihr Roman An der Grasnarbe spielt auf dem Land. Wittig liest zunächst einen Auszug. Noa, eine gestresste Großstädterin, kommt aus der Stadt aufs Land, um sich von ihren Panikattacken zu erholen und ihr Leben zu entschleunigen. Dort wird sie von Gregor und seiner Frau Ella sowie deren Tochter Jade auf ihrem Hof aufgenommen. Noa kann ihren Panikattacken jedoch nicht entfliehen und ist auch auf dem Land gestresst und in ihrer eigenen Welt eingeschlossen. Sie steckt voller Widersprüche – so aufgewühlt ihr Innenleben ist, so aufgewühlt ist auch das Land um sie herum. Der Klimawandel und die Jahreszeiten verändern die Landschaft; das einst grün schimmernde Gras wird gelb, der Boden reißt. Auch Noas Fassade hat Risse.

Weit weg

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Mirjam Wittig
An der Grasnarbe

Suhrkamp: Berlin 2022
189 Seiten, 23,00€

Und dann ist da noch das Wasser. Es regnet, nicht genug oder zu viel, die junge Frau macht sich Gedanken: Was wäre, wenn der nächste Regen nicht kommt, oder was ist, wenn er zu stark ist? Sie projiziert ihre eigenen Ängste auf die Umwelt. Das Wasser und der Name Noa, dazu die Szene, in der sie einen Käfer aus einer Pfütze rettet und sicher aufs Land setzt – ein Motiv aus der Bibel?, fragt Markus. Die Autorin verneint diese Ähnlichkeit. Sie habe den Namen nicht bewusst gewählt, weil er an die Geschichte der Arche Noah erinnern würde, aber als das Wasser eine immer größere Bedeutung bekommen habe, fragte sie ihren Lektor, ob sie den Namen ihrer Hauptperson ändern sollte. Seine Antwort: »Niemand versteht mehr eine Bibelreferenz.«

Ob sie selbst Bezug habe zu Schafen, fragt Markus sie unmittelbar nach ihrer Lesung. Wittigs Stimme, die während des Vortrags betont ruhig ist und angenehm zügig liest, wird während des Antwortens hektischer, sie scheint ihre Gedanken beim Sprechen zu ordnen. Sie habe in der Vergangenheit mehrere Hofpraktika gemacht, erwidert Wittig, eins davon eben auch auf einem Schafshof. Das erklärt, wieso sie die Notgeburt eines Schafes so grafisch schildern kann. In einer von ihr vorgetragenen Szenen tötet eine Figur ein Schaf, um die Lämmer zu retten. Wittigs Lebendigkeit ist ansteckend, die Antworten spontan, man hört ihr gerne zu, nicht nur, wenn sie vorliest.

Besonders interessant ist Wittigs Sprache, wenn Noa eine Panikattacke durchlebt; die Ich-Erzählerin spricht dann in kürzeren, prägnanteren Sätzen. Wie Wittig selbst beschreibt, kreisen Noas Gedanken immer wieder, ihre Sätze schwimmen auseinander und bilden Schleifen, was laut Wittig der »Schlüssel zu ihrer Hauptperson« gewesen sei. So spiegele sich Noas Angst nicht nur in der Landschaft, sondern auch in der Syntax des Buches wieder.  Dies wird durch die Lesung der Autorin verstärkt, die dann auch abgehakter und etwas schneller liest.

Falsche Stärke

Auf Wittig folgt Daniel Schulz mit seinem Debütroman Wir waren wie Brüder, der kurz nach der Wende in Deutschland spielt und das Leben, das Coming of Age eines männlichen Ich-Erzählers schildert. Schulzes Stimme ist naturgegeben tiefer als die seiner Vorgängerin, dennoch vermag sie den Raum nicht so zu fesseln wie zuvor Wittig. Zwar macht er immer wieder dramatische Pausen, schaut auf und nimmt einzelne Besucher:innen in den Blick, versucht, eine Verbindung zum Publikum herzustellen. Eine Verbindung, die vielleicht auch durch die Sprache seines Romans gestört wird. Diese ist hart, es reihen sich eher kurze Sätze aneinander, Schimpfwörter ziehen sich durch die Lesung.

Sein Beitrag wird mit dem Lied Always von Erasure eingeleitet.  Markus fragt: Erasure, die Ausradierung von Erinnerungen? So konkret habe sich Schulze dazu keine Gedanken gemacht, er habe das Lied intuitiv gewählt, nicht wegen des Bandnamens. Dennoch passt der Gedanke des Ausradierens zu der Handlung des Buchs. Der Protagonist denkt nicht viel über Vergangenes nach, er schließt sich immer der Gruppe an, die ihm am stärksten erscheint. Ob diese nun rechtes Gedankengut verbreiten, ist ihm dabei egal. Schulze sagt dazu: »Man muss das fühlen, was für eine Attraktion Nazi-Cliquen hatten, nach der Wende.« Wie ambivalent die Hauptperson der Geschichte ist, hört man schon im vorgelesenen Prolog, dort verprügelt der Jugendliche einen Nazi: Toxische Männlichkeit in Reinkultur, wer am härtesten zuschlägt, ist der Stärkste in jeder Lebenslage? Der Prolog wird erst im Laufe der Handlung als Rückblick deutlich und erklärt die Entwicklung des Protagonisten.

Schulzes Roman fand seinen Anfang in einem Essay von 2018 mit dem gleichen Titel wie das Buch. Er gewann für seinen Text mehrere Preise wie etwa den Reporterpreis. Seine Gedanken ausführlicher zu Papier zu bringen, war der Impuls für seinen fiktionalen Erstling. Markus und Schulze führen ein intensives Gespräch über die Stärken des Romans gegenüber einem journalistischen Text. Und Schulze hat Antworten parat, er weiß immer direkt zu erwidern und wirkt darin souveräner als seine Vorrednerin. Immerhin leitet er das Ressort der TAZ für Reportage und Recherche. Als größten Vorteil sieht der Autor in einem fiktionalen Text, dass er als Autor mehr Raum hat, seine Geschichte zu entfalten: »Ein Roman hat mehr Räume zum Einrichten, Betreten ist möglich.«

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Daniel Schulze
Wir waren wie Brüder

Hanser Berlin: Berlin 2022
288 Seiten, 23,00€

Alice, nicht im Wunderland

Die letzte Debütantin ist Selene Mariani. Ihr Roman heißt Ellis und erzählt von der gleichnamigen Protagonistin, die als Kind von Italien nach Deutschland zieht und sich dort nicht richtig einfinden kann. Auch die Autorin ist zwischen zwei Ländern aufgewachsen, in den Städten Verona und Dresden. Der Roman sei aber nicht als Autobiografie zu verstehen.

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Selene Mariani
Ellis

Wallstein: Göttingen 2022
147 Seiten, 20,00€

Ellis findet sich 2002 in Deutschland wieder, als Kind wird sie gemobbt und hat keine Freund:innen. Bis Grace auftaucht. Grace wird ihre engste Freundin, aber auch ein Spiegel für Ellis. Alles, was sie in Deutschland liebt und hasst, sieht sie in Grace wieder. Grace ist Retterin und Wirbelsturm zugleich. Der Roman spielt auf zwei Zeitebenen, einmal 2002, der Vergangenheit, und dann noch 2019, der Gegenwart der Handlung. Damit es keine Verwirrung für die Zuhörer:innen gibt, sagt Mariani die Zeitebenen an. Ihre Stimme ist hierbei lebendig, zieht eine:n unmittelbar in ihren Bann und in die Geschichte um diese etwas merkwürdige Außenseiterin, die sich über sich selbst nicht klar ist.

Auch dieser Roman wird durch eine Ich-Erzählerin belebt. Ellis erzählt von ihrer Teilnahmslosigkeit und ihrer Arbeit, doch ihre Tätigkeiten scheinen belanglos und wie von einem Schleier verhüllt. Der Schleier lüftet sich immer wieder, wenn Grace erscheint.  Das merkwürdige Wiedersehen der beiden nach fast zehn Jahren zeigt ihre Beziehung in wenig Worten gut auf: Grace geht auf Ellis zu, nicht umgekehrt. Grace ist es auch, die sie als Kind aus ihrer Einsamkeit holt. Als die beiden nach ihrem Wiedertreffen gemeinsam nach Italien reisen, scheitert Grace dort kläglich an dem, was Ellis sich erhofft: Anstatt ihre zwei getrennten Identitäten zu verbinden, sei Grace eine typisch deutsche Touristin, ihre Andersartigkeit fiele auf, wie die von Ellis, beschreibt Mariani die Situation. Anstatt wie gehofft ihre deutsche Freundin integrieren zu können, so den deutschen Teil ihrer selbst mit nach Italien nehmen zu können, werde sie wieder daran erinnert, nirgendwo wirklich zu Hause zu sein. Diese hybride Identität von Ellis und das Zusammenspiel von Vergangenheit und Gegenwart seien es, was den Roman ausmache, betont Mariani im Gespräch.

Auf die Ähnlichkeit des Namens Ellis mit Alice im Wunderland und die im Roman angebotene Referenz angesprochen, erwidert Mariani: »Auch wenn ich den Namen nicht bewusst ausgewählt habe, finde ich das Bild mit Alice passend. Der Name ist spannend, weder eindeutig Deutsch noch Italienisch, Ellis muss die Schreibweise immer wieder erklären, sie muss sich selbst erklären.« Ellis ist eine Person dazwischen, wie Alice zwischen den Spiegeln befindet sie sich auf der Suche nach ihrer eigenen Identität, aber auch ihrer Heimat. Ob Ellis am Ende ihres Debüts eine Antwort gefunden habe, fragt Markus die Autorin. Mariani antwortet darauf uneindeutig: »Es geht um das Dazwischen.«

Die Reihenfolge der Debütant:innen ist sinnvoll gewählt, die ruhige Art Wittigs leitet den Abend hervorragend ein, ihre detailreichen Beschreibungen machen Lust auf ihr Buch. Den wohl schwierigsten Roman in die Mitte zu legen beweist sich als weise, da er an einer anderen Stelle vielleicht die Stimmung getrübt hätte. Der von der Erzählweise sicher anspruchsvollste Beitrag von Mariani lässt schließlich den Abend harmonisch ausklingen, die Zuhörer:innen scheinen gefesselt von ihren Worten. Drei Bücher, die unterschiedlicher nicht sein könnten und doch alle durch ihre starken Figuren und die Erzählweise aus der Ich-Perspektive leben. Bis zum nächsten Tanz!

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