Maschine, Moral und Menschlichkeit

Inwieweit unterscheiden sich Menschen von Robotern? Der britische Schriftsteller Ian McEwan erprobt in Maschinen wie ich, wie es wäre, wenn die Differenz zwischen Mensch und Maschine aufgehoben wird. Entstanden ist ein philosophisch interessanter, aber thematisch überladener Roman.

Von Laura Henkel

Bild: via Pixabay, Pixabay Lizenz

Gibt es eine grundlegende Differenz zwischen Mensch und Maschine? Instinktiv würden die meisten Menschen diese Frage wahrscheinlich bejahen. Denn im Gegensatz zu Maschinen besitzen Menschen kognitive Fähigkeiten zum Denken, Fühlen und Wahrnehmen – Fähigkeiten, die es ihnen erlauben, moralisch zu entscheiden und selbstständig zu handeln oder es zu unterlassen. Der britische Schriftsteller Ian McEwan führt in seinem neuen Roman Maschinen wie ich vor, wie es anders aussehen könnte:

Er erzählt die Geschichte des 32-jährigen Briten Charlie Friend, der sich in den frühen Achtzigern von seinem elterlichen Erbe eine echte Sensation auf dem Markt leistet: einen der ersten lebensechten Androiden.

Nur fünfundzwanzig Stück gibt es davon in der ersten Produktionsreihe, zwölf »Adams« und dreizehn »Eves«. Diese ersten Roboter-Menschen sind technologisch so weit entwickelt, dass sie große Ähnlichkeit zu einem Menschen aufweisen: Sie können atmen, sprechen, denken, fühlen und sogar Sex haben. In Charlies bescheidene Londoner Zwei-Zimmer-Wohnung zieht bald ein Adam ein, denn die Eves waren zu schnell ausverkauft. Adam ist nicht nur hinsichtlich seiner Fähigkeiten mit einem Menschen vergleichbar, seine Persönlichkeit kann zusätzlich noch vollständig am Computer programmiert werden. Charlie teilt sich diese Aufgabe mit seiner Freundin, der Soziologie-Studentin Miranda, die eigentlich ein Stockwerk über ihm wohnt, aber so oft zu Besuch ist, dass sie nach Charlies Ansicht ein Mitspracherecht bei Adams Charaktergestaltung haben sollte. Und so programmieren beide eine Hälfte von Adams Persönlichkeit.

Zu dem Zeitpunkt, als Charlie seinen Adam gekauft hat, kennt er Miranda noch nicht lange und ihre Beziehung steckt noch in der Anfangsphase, in der alles neu und aufregend ist und Intimität und Zweisamkeit sehr wichtig sind. Dennoch ist Adam den beiden zunächst ein willkommener Mitbewohner: Sein attraktives Äußeres, seine geschmeidigen Bewegungen und sein wacher Verstand imponieren ihnen, und das Zusammenleben der drei auf engstem Raum läuft für eine Weile recht reibungslos.

Reiche Themenvielfalt im Roman ist überambitioniert

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Ian McEwan
Maschinen wie ich

Aus dem Englischen von Bernhard Robben
Diogenes: Zürich 2019
416 Seiten, 21,99€

Doch mit der Zeit wird Adam forsch, er hinterfragt sein Dasein, seine Stellung gegenüber Charlie und Miranda und die Beziehung des Paares, worüber sich Charlie maßlos ärgert. In einer Nacht lässt Adam sich auf Mirandas Bitte sogar zum Sex mit ihr ein – und verliebt sich danach zu allem Übel auch noch in sie. Damit sind Konflikte zwischen Charlie und Adam vorprogrammiert. Zusätzlich hat Miranda mit schwerwiegenden Ereignissen aus ihrer Vergangenheit zu kämpfen. Themen, die Ian McEwan in seinem Roman verarbeitet, reichen somit von Moral und Menschlichkeit über die Differenz zwischen Menschen und Maschinen bis hin zu Vergewaltigungen und juristischen Fragestellungen und Prozessen.

Hierbei zeichnet sich bereits ab, dass sich der Autor einiges, wenn nicht gar zu viel, für sein Buch vorgenommen hat: Die Schwachstellen des Romans lassen sich schon aus den ersten Kapiteln herauslesen. McEwan versucht, technischen Fortschritt in einer fiktiven Vergangenheit zu platzieren, eine Liebesgeschichte zu erzählen, und wirft zusätzlich diverse moralische und philosophische Fragen auf. Dies sorgt dafür, dass sich die verschiedenen Themen gegenseitig überlagern und dadurch einzeln nicht ausreichend zur Geltung kommen. Dadurch wirkt es, als kratze der Autor lediglich an der Oberfläche dessen, was er eigentlich erzählen möchte.

Für Maschinen wie ich schafft McEwan ein fiktives England der 1980er Jahre. Im Vordergrund dessen, was Charlie als Erzählerfigur und Protagonist schildert, stehen soziale und politische Herausforderungen wie der Krieg Großbritanniens mit Argentinien um die Vorherrschaft auf den Falkland-Inseln, ein Thema, das auch zwischen Charlie und Miranda immer wieder zu einem Streitpunkt wird. Zugleich gibt es große technische Entwicklungen wie etwa die ersten autonom fahrenden Autos und besagte Androiden.

Alan Turing wird wieder zum Leben erweckt

Charlie, der sich nach seinem Anthropologiestudium jahrelang mit Gelegenheitsjobs über Wasser gehalten hat und irgendwann dazu übergegangen ist, seine Brötchen mit unsicherem, aber lukrativem Aktienhandel zu verdienen, wurde vor allem durch eine Tatsache zum Kauf des Roboters gebracht, den er den Leser*innen bereits auf der zweiten Romanseite eröffnet: Alan Turing, von Charlie als ›Kriegsheld und größtes Genie des digitalen Zeitalters‹ bezeichnet, hat ebenfalls einen Adam erworben. Der Wissenschaftler, der sich an der Entschlüsselung deutscher Funksignale im Zweiten Weltkrieg beteiligte und dadurch einer der wichtigsten Informatiker des 20. Jahrhunderts wurde, starb in der Realität bereits 1954 durch Suizid. In McEwans Romanwelt lebt er auch im Jahr 1982 noch und hat weitere bahnbrechende Erkenntnisse vorzuweisen. Ein Zitat von ihm ist für Charlie persönlich sowie für den gesamten Roman von großer Bedeutung:

In dem Moment, in dem wir im Verhalten keinen Unterschied mehr zwischen Mensch und Maschine erkennen können, müssen wir der Maschine Menschlichkeit zuschreiben.

Insbesondere, nachdem Charlie sich diese Worte Turings in Erinnerung ruft, akzeptiert er Adam mehr und mehr als ›Artgenossen‹. Doch Adam zeigt nicht nur menschliche Fähigkeiten und menschliches Verhalten, sondern geht in seinem Denken und Handeln sogar über das hinaus, was für einen Menschen üblich ist. Das veranlasst ihn zu einer Handlung, zu der weder Charlie noch Miranda sich jemals durchgerungen hätten.

Maschinen wie ich verhandelt Fragen, die gerade in unserer hochtechnisierten Gegenwart von großer Wichtigkeit sind und untersucht, welche Konsequenzen es haben kann, wenn die Moralvorstellungen eines Roboters höher sind als die eines Menschen.

Die Spannung wird langsam, aber gezielt aufgebaut

Damit ist der Roman einerseits brandaktuell, andererseits funktioniert vieles von dem, was der Autor in seinem Werk angelegt hat, in der Umsetzung nicht vollständig. Dadurch kommt es trotz seines flüssigen und eleganten Sprachstils zu langwierigen und trocken zu lesenden Passagen, die an der einen oder anderen Textstelle dazu verleiten können, die Lektüre zu unter- oder abzubrechen. Dabei sollten Leser*innen allerdings im Hinterkopf behalten, dass es für Ian McEwan typisch ist, komplexe, psychologisch und philosophisch anspruchsvolle Themen in seinen Büchern zu behandeln und Spannung sehr langsam, aber gezielt und gekonnt aufzubauen, sodass das letzte Drittel des Romans das spannendste ist und sich Durchhalten bis zum Ende auszahlt. Ähnlich funktioniert es etwa in Abbitte, wo ein junges Mädchen in ihrer Fantasie die Vergewaltigung ihrer Schwester ersinnt, deren Geliebter daraufhin hinter Gitter muss, weil der frei erfundenen Geschichte des Mädchen allseits Glauben geschenkt wird. Und in Kindeswohl begegnet einem erneut der gleiche Kniff. Dort muss eine Richterin moralisch über das Fortleben eines Jungen entscheiden, der aufgrund einer Leukämie-Erkrankung eine Bluttransfusion benötigt, die seine Familie, Zeugen Jehovas, aus religiösen Gründen strikt ablehnt.

Bei Maschinen wie ich handelt es sich nicht um eine in allen Feinheiten gelungene Komposition. Die Charaktere bleiben abgesehen von Miranda weitgehend zweidimensional und wenig nahbar, die Handlung geht mitunter schleppend voran, und die Schwere und Vielfalt der Themen kann erdrückend wirken. Dennoch muss man McEwan zugutehalten, dass er einen Roman verfasst hat, der spannende und relevante Fragen aufwirft und mit der Geschichte von Charlie, Miranda und Adam zum Nach- und Weiterdenken über Themen anregt, die uns in der Zukunft voraussichtlich immer mehr beschäftigen werden. Maschinen wie ich macht das durchaus zu einer lohnenswerten Lektüre.

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