Mutig und impulsiv

Anja Romanowa wurde zu zehn Tagen Arrest verurteilt. Beeindrucken tut sie das nicht, schließlich hat sie gegen die Korruption der Regierung demonstriert und ist damit eine von den Guten. Kira Jarmysch erzählt über Furchtlosigkeit, das russische Justizsystem und die Geschichte einer jungen Frau.

Von Eva Schuchardt

Bild: Via Pixabay, CC0

Was zur Hölle? Anja Romanowa wurde gerade zu zehn Tagen Arrest in der Moskauer Haftanstalt verurteilt. Sie ist 28 und hat bis vor kurzem an der MGIMO studiert, dem renommierten Institut für Internationale Beziehungen in Moskau. Der Abschluss an der Universität wurde ihr trotz des erfolgreichen Studiums wegen eines Eklats nicht ausgehändigt. Ihre diplomatische Karriere im Außenministerium, in dem sie während ihres Studiums bereits gearbeitet hat, ist damit beendet. Jetzt ist sie in Arrest, weil sie zu Demonstrationen gegen Regierungskorruption aufgerufen hatte.

Kira Jarmysch erzählt in DAFUQ die Geschichte von Anja Romanowa. Im Herbst 2021 erschienen, schildert der Roman demonstrativ unbeeindruckt, amüsant und dennoch zeitkritisch vom gegenwärtigen Russland und dessen Ambivalenzen, die sich politisch, kulturell und gesellschaftlich im Alltag, im Bewusstsein der Bevölkerung, der eigenen Identität und den staatlichen Institutionen offenbaren.

Zur Hölle mit der Korruption

Jarmysch (*1989 in Rostow am Don) studierte Journalistik am MGIMO in Moskau. Sie ist politische Aktivistin, seit 2014 Pressesprecherin des Kreml-Kritikers und Oppositionspolitikers Alexej Nawalny und saß sogar neben diesem im Flugzeug, als er vergiftet wurde. Ähnlich wie ihre Romanheldin Anja verharrte auch Jarmysch im Jahr 2020 mehrere Monate im häuslichen Arrest, nachdem sie zu nicht genehmigten Demonstrationen aufgerufen hatte. Wer sich kritisch gegen Putin äußert, wird verfolgt, entmündigt und hinter verschlossene Türen gebracht. Dafuq? oder vielmehr: Was zur Hölle?!? beschreibt die Absurdität und Ungerechtigkeit im Umgang mit Oppositionellen, Kreml-Kritiker:innen und Journalist:innen in Russland wohl sehr treffend.

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Kira Jarmysch
DAFUQ

Rowohlt: Berlin 2021
416 Seiten, 22,00€

Sechs Frauen, drei Stockbetten, eine Zelle

Jarmysch erzählt also die Geschichte von Anja, die gerade ihre zehntägige Haft in der Moskauer Haftanstalt angetreten hat. Dabei ist Anja nicht allein, sondern sitzt mit einer bunten Truppe Frauen in einer Zelle. Da wäre beispielsweise Maja, die alles für ihr Äußeres tut und nach dem Motto »Schönheit gegen Geld« ihr Leben bestreitet. Alles auf Augenhöhe natürlich. Zur Regierung sieht sie respektvoll auf und Putin ist für sie »ein so starker Führer«. Da ist auch Irka, die ihre Alkohol- und Medikamenten-Abhängigkeit zwar akzeptiert, aus der Opfer-Rolle dennoch nicht mehr rauskommt und die Alimente für ihre Tochter nicht zahlen kann. Diana wiederum sitzt wegen Fahrens ohne Führerschein. Sie ist 25, zum dritten Mal verheiratet und hat ihren jetzigen Partner auf der Beerdigung ihres Ex-Mannes kennengelernt.

Jarmysch erzählt von sechs Lebensentwürfen und Identitäten, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Die erschaffenen Figuren, Szenen und Bilder reproduzieren Stereotype, brechen jedoch auch mit ihnen. Die Perspektiven zeigen sowohl die veränderte Haltung der Frauen in Russland gegenüber dem Regime als auch hinsichtlich ihrer Identität und dem eigenen Wirkungskreis auf. Vor allem durch Anjas Figur wird die Sicht einer ganzen Generation von jungen Frauen aufgezeigt, die mutig für ihre Rechte und Freiheit eintreten. Parallel dazu zeigen Irka und Maja gänzlich konträre Lebensrealitäten, die von Abhängigkeiten und sozialer Vernachlässigung gekennzeichnet sind. Trotz dieser Unterschiede haben alle Figuren dasselbe Schicksal, sie sind zu mehreren Tagen Arrest verurteilt. In der Zelle begegnen sie sich, es entsteht ein Austausch, der sowohl von Rangelei als auch Zusammenhalt geprägt ist.

Von allem etwas

Eindrücke aus der Arrestanstalt, die Gespräche mit ihren Mitinsassinnen und die Willkür der Aufseher werden Tag für Tag aus Anjas Sicht geschildert. Neben diesen Einblicken erzählt der Roman in ausschweifenden Rückblenden Geschichten aus Anjas Vergangenheit und ihrer Sozialisationsgeschichte. Das Verhältnis zu ihren geschiedenen Eltern, die Geschichte einer komplizierten Dreiecksbeziehung, die dazu führte, dass die Universität ihr kein Zeugnis aushändigte sowie Anjas Praktikum im Außenministerium und die dort herrschenden Hierarchien werden Stück für Stück erzählt und lassen ihre Figur plastisch werden. Der Roman schafft durch die Verbindung von Rückblenden und Arrestalltag ein verstricktes Geflecht, das am Anfang komplex erscheint, jedoch nach und nach Hintergründe und Eindrücke aus dem russischen Leben erfahrbar macht. So erzählt eine Rückblende zu Anjas Studienzeiten, wie sie ein Bewusstsein für die politische Situation in ihrem Land entwickelt:

Anfangs meinte sie noch, es hätte keine Überraschung gegeben – die Regierungspartei hatte gewonnen, und das war zwar ärgerlich (schließlich war Anja höchstpersönlich tätig geworden, um sie zu stürzen), aber absolut zu erwarten. Doch die Tage vergingen, und um sie herum verdichtete sich spürbar jene Erregung, die sie zuvor nur nebelhaft geahnt hatte. Das entnahm Anja den besagten Yandex-Schlagzeilen, aus denen das Thema Wahlen gar nicht mehr verschwand; den Witzen im Netz über die wundersame Veränderung der Stimmenanteile, der Verachtung für die Ergebnisse, die alle äußerten: angefangen von ihrer Mutter bis hin zu Mitarbeitern des Außenministeriums. Die Unzufriedenheit nahm unterschiedliche Formen an, zu spüren aber war sie überall.

Kira Jarmysch wirft in ihrem Roman vieles zusammen. Da geht es um die allmähliche Politisierung einer jungen Frau, die am Anfang gar nicht genau weiß »woher ihre eigenen Überzeugungen kamen, für die sie letzten Endes im Arrest gelandet war«. Da geht es um das irrsinnige Unterfangen, erwachsen zu werden und die Weichen für sein eigenes Leben zu stellen. Da geht es um eine Studie der Gesellschaft, um Orientierungslosigkeit und gescheiterte Existenzen, um die Willkür des russischen Justizsystems und das Essen in russischen Arrestanstalten, das eigentlich ganz okay ist. Kira Jarmysch gelingt es, das alles zusammenzuführen und am Ende einen Roman entstehen zu lassen, der einen kleinen oder größeren Teil der russischen Gesellschaft spiegelt – der nicht belehrend ist und dennoch vieles über die politische und gesellschaftliche Situation in Russland offenbart und im Hinblick auf den Krieg Russlands in der Ukraine umso deutlicher die Notwendigkeit und Dringlichkeit des eigenen Aufbegehrens verdeutlicht. 

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