Wer diese Generation sein will

Sally Rooney gilt als literarische Stimme der Millennials. Mit ihrem Roman Schöne Welt, wo bist du ist es Rooney nun einmal mehr gelungen, das Leben ihrer Generation in Worte einzufangen, die durch Scharfsinnigkeit und Menschenkenntnis leuchten. Ihre Ansichten zu Israel werfen nun jedoch dunkle Schatten.

Von Sophie-Marie Ahnefeld

Bild: Via Pixabay, CC0

Vier junge Menschen, die zu alt sind, um ihre Probleme noch auf jugendliche Unreife zu schieben. Die nicht länger nur über die Gleichgültigkeit und Beständigkeit des Systems, das sie kritisieren, frustriert sind, sondern auch über ihr eigenes Unvermögen, in irgendeiner Form Einfluss zu nehmen und Veränderung zu bewirken. Von ihnen handelt Sally Rooneys neuer Roman Schöne Welt, wo bist du. Und im Anbetracht der Probleme dieser Welt, die wir alle nur zu gut kennen, können sich auch die Protagonist:innen des Romans nicht länger der einen Frage entziehen: Wie behält man den Glauben an einen Sinn in einer scheinbar sinnlosen Welt?

»how sally rooney makes me feel«

Es sind die Beschreibungen eines Lebensgefühls, eines Zustandes der Gegenwart, die Rooney so außergewöhnlich gut gelingen. Die irische Schriftstellerin debütierte 2017 mit dem Roman Gespräche mit Freunden, ihr zweiter Roman Normale Menschen folgte 2018. Ins Deutsche übersetzt wurden alle drei Romane von Zoё Beck. Die Werke der 30-Jährigen erhielten zahlreiche Auszeichnungen und wurden verfilmt. Wie sehr Rooneys Bücher den Zeitgeist der Millenials treffen, versinnbildlicht ihre Rezeption auf Spotify: Wenn man auf dem Musik-Streaming-Dienst den Namen der Autorin eintippt, werden Playlisten mit Titeln angezeigt, wie »if sally rooney’s books were a playlist« oder »how sally rooney makes me feel«.

Ähnlich wie in früheren Romanen Rooneys basiert der Plot der Geschichte auf den verketteten Schicksalen der Hauptfiguren. Da sind zum einen Eileen und Simon, deren Band der Freundschaft sich bis zurück in ihre Kindheit auf dem Land im County Galway zieht. Während Simon nach einem Jurastudium mit Mitte 30 nun für eine kleine linke Parlamentsfraktion in Dublin arbeitet, ist Eileen mit 29 für ein Literaturmagazin angestellt, bei dem sie Rechtschreibfehler korrigiert und ein schlechtes Gehalt bezieht. Zum anderen thematisiert der Roman Eileens Freundschaft mit Alice, die nach dem Studium ein gefeiertes Buch schreibt. Finanziell abgesichert, aber psychisch am Ende weist sich Alice mit Ende 20 in eine Klinik ein. Nach ihrer Entlassung entflieht sie Dublin und zieht aufs Land. Dort lernt sie über eine Dating-App Felix kennen, der als Packarbeiter arbeitet und der Vierte im Bunde ist.

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Sally Rooney
Schöne Welt, wo bist du
(Orig.: Beautiful World, Where Are You)

Übers. von Zoë Beck
Claassen: Berlin 2021
352 Seiten, 20,00€

Dabei lebt der Roman weniger von seinem aufregenden Plot als von seinen Gesprächen und Gedanken. Aus jedem Absatz sprühen Funken eines kollektiven Lebensgefühls, dem angesichts von politischen Spannungen, Klimakrise und Pandemie kaum jemand dieser Tage entgehen kann. Doch Rooney rüttelt nicht nur auf, sie gibt ihrer Leser:innenschaft zugleich Worte an die Hand, die besänftigen. Denn mittendrin, zwischen dem Getöse und dem Lärm finden sich zwei Hände, zwei Körper, zwei Münder. Und aus diesen Verbindungen wächst etwas Schönes. Denn auch Freundschaft, Liebe und Sex bestimmen den Zeitgeist der Millenials und Rooney erzeugt mit ihrem charmanten Vierergespann ein wunderbares Durcheinander, das Fragen aufwirft. Kann man in dieser Welt trotz allem vielleicht doch glücklich sein?

…und wie sich Sally Rooney für Israelis anfühlt

Man muss zugeben: Die Frage nach dem Glück ist nicht neu. Originell an Sally Rooneys Werken sind vor allem ihre klare, schnörkellose Sprache und die Fähigkeit, einer ganzen Generation aus der Seele zu sprechen. Allerdings kann Authentizität zum Problem werden, wenn Probleme nicht als Probleme gekennzeichnet werden und moralisch fragliche Handlungen unreflektiert reproduziert werden. Diesem Vorwurf muss sich Rooney stellen. Wenn man möchte, kann man in Eileens Orientierungslosigkeit und Alices’ Traurigkeit Klischeehaftigkeit und First World Problems sehen: Was, wenn die Figuren mehr Mitleid mit sich selbst haben, in einer Welt voller Leid leben zu müssen, als Mitleid mit denen, die durch Kriege, Klimawandel und Armut die eigentlich Leidtragenden sind?

Der Eindruck von Hochmut und Weltfremdheit wird auch durch das medial vieldiskutierte Aufreger-Thema rund um die Übersetzung des Romans ins Hebräische verstärkt. Als Anhängerin der BDS-Initiative, die den Boykott Israels fordert und dies mit dem Vorwurf der Apartheid gegenüber Palästinenser:innen begründet, entschied sich Rooney gegen eine hebräische Übersetzung– und geriet dafür in Kritik. In einem Beschluss des deutschen Bundestages von 2019 wurden die Argumentationsmuster und Methoden der BDS-Bewegung als antisemitisch eingestuft. Und selbst wenn es Sally Rooney tatsächlich um die Gewährleistung von Menschenrechten in Israel ginge, bleibt die Frage, weshalb der Roman dann beispielsweise auf Chinesisch oder Russisch übersetzt wurde.

Rooneys Verhalten als Symptom ihrer Zeit?

In Folge dieser Entwicklung kam wiederum auf Twitter die Forderung des Boykotts von Rooney unter #boycottsallyrooney auf. Anstatt diesem Aufruf unreflektiert und vorschnell nachzukommen, sollten Rooneys fragwürdige politische Ansichten auch gesamtgesellschaftlich betrachtet werden – als Symptom einer überforderten Generation, die Rooney sowohl in ihren Romanen als auch durch ihr Verhalten portraitiert. Und als solche sollte damit nicht leichtfertig umgegangen werden.

In einer Welt, die wie eine tickende Zeitbombe erscheint, ist es eigentlich gar nicht so überraschend, wenn Menschen so wie Alice psychisch erkranken, oder wie Rooney radikale Ansichten entwickeln. Das entschuldigt ihr Verhalten keineswegs. Aber um Veränderung zu bewirken, braucht es zunächst Verständnis. Man kann in Rooney eine lupenreine Antisemitin sehen. Wahrscheinlicher ist, dass es sich bei dem Vorfall um ein Beispiel für politische Kurzschlussreaktionen auf eine zunehmend unübersichtlich werdende Weltlage handelt. In jedem Fall lohnt sich eine gesellschaftliche Debatte darüber, wie ihr potenziell antisemitisches Verhalten mit ihrem Image als moderne, hippe und tolerante Autorin zusammenpasst. Eine Debatte darüber, was es bedeutet, in einer widersprüchlichen Welt aufzuwachsen. Und darüber, wer diese Generation der jungen Erwachsenen eigentlich sein will. Schöne Welt, wo bist du steht im Zentrum dieses Konflikts.

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