Das ambivalente Leben der Familie Engels

Meg Wolitzer erzählt in Das ist dein Leben sowohl mit humorvollen als auch mit teils sarkastischen Elementen das zwiespältige Leben der Familie Engels. Die dynamischen Familienbeziehungen werden durch das Thematisieren von Übergewicht und Körpergefühl beeinflusst.

Von Kira Pöttner

Bild: Via Pixabay, CC0

Wie ist das Leben mit einer berühmten Mutter? Wie gestaltet sich das Leben eines Teenagers, wenn die Mutter nur selten zuhause ist? Für manche kann die Abwesenheit sicherlich befreiend sein, für manche wiederum belastend. Mit diesen Themen beschäftigt sich der Roman Das ist dein Leben von Meg Wolitzer, der die Geschichte einer zerrütteten Familie in den USA der 70er Jahre erzählt. Die Originalausgabe erschien bereits 1988, 2020 wurde nun die deutsche Übersetzung veröffentlicht.

Tragische Familienkonstellation

Die Geschwister Opal und Erica haben ein besseres Verhältnis zu ihrer Babysitterin als zu ihrer Mutter – denn diese ist eine bekannte Komikerin, die durchs Land tourt und Witze über die eigene Übergewichtigkeit macht. Die Tatsache, dass sie im Schatten ihrer berühmten und erfolgreichen Mutter stehen, verkraften die beiden Töchter auf unterschiedliche Art und Weise. Erica ist 16 Jahre alt und neigt wie ihre Mutter zur Adipositas. Während sie sich zunehmend von Dottie distanziert, durchläuft sie im Laufe der Geschichte typische Phasen eines Teenagers. Sie lernt ihren eigenen Körper kennen, trifft ihre erste große Liebe, konsumiert Drogen und schreibt schlechte Noten in der Schule, obwohl sie hochintelligent ist. Auch die Beziehung zwischen beiden Schwestern beginnt aufgrund ihrer je unterschiedlichen Beziehung zu Dottie zu bröckeln.

Doch auch Dotties Karriere ist nicht so stabil, wie es zunächst scheint Zitat  – von einem auf den anderen Tag sind ihre Witze über korpulente Körper nicht mehr unterhaltsam:

Plötzlich lachte niemand mehr über dicke Frauen. Wenn Dottie jetzt dastand und ihre Witze erzählte, traf sie auf eine Mauer des Schweigens, breiter und kompakter als ihr Körper.

Es kommt daher zum Konflikt, als die ruhmreiche Karriere von Dottie anfängt zu verblassen und sie nur noch für billige Werbespots engagiert wird. Auch der Erfolg der eigenen Kollektion für übergewichtige Frauen ist fragwürdig. Durch die Krise der Mutter gehen die Schwestern nun endgültig getrennte Wege, die aber auf beiden Seiten nicht immer positiv und gradlinig verlaufen. Jede hat mit ihrer eigenen Situation zu kämpfen, seien es Liebeskummer, Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper, schlechte Wohnverhältnisse oder eine Zwangspause am College. Doch dann überrollt die Familie ein unerwartetes und tragisches Ereignis, das sie am Ende wieder zusammenbringt.

Identität und Körper

Im Zentrum des Buches steht die Beziehung zwischen der Mutter und ihren beiden Töchtern. Die Schwestern verkörpern zwei gegensätzliche weibliche Identitäten eines Teenagers. Die dynamischen Beziehungen innerhalb der Familie geben dem Roman etwas Bildhaftes und Zeitloses, womit man sich als Leser:in identifizieren kann. Auch die Thematik von Übergewicht und Körpergefühl spielt im Roman eine zentrale Rolle. Es wird durch die Darstellung starker Persönlichkeiten vermittelt, dass »dick sein« nicht mit »hässlich und erfolglos« assoziiert werden muss. Erica akzeptiert im Laufe der Geschichte ihren Körper und versucht nicht, sich aufgrund der Meinung anderer zu verändern.

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Meg Wolitzer
Das ist dein Leben

DuMont: Köln 2020
384 Seiten, 24,00€

Die Darstellung der Figuren und deren dynamische Weiterentwicklung wird von Meg Wolitzer authentisch und feinfühlig dargestellt. Der Einblick in das Leben der Familie ist durch verschiedene Krisen, Sorgen und Ängste spannend zu verfolgen, da sie glaubhaft präsentiert werden. Der humorvolle Schreibstil von Wolitzer entkräftet an einigen Stellen die tragischen Momente der Familie. Allerdings wäre ein genauerer Einblick in das Innenleben der Figuren wünschenswert. Der Zeitsprung von der elfjährigen Opal zur Collegestudentin in Yale kommt unerwartet, sodass Details über das Leben der pubertären Opal fehlen. Trotzdem ist die Situation von Dottie, Opal und Erica insgesamt psychologisch glaubwürdig beschrieben.

Der Roman lässt sich durch die klaren und einfachen Sätze flüssig und schnell lesen. Es gibt keine Rückblenden, viele Figuren oder verstrickte Handlungskonstruktionen. Auch heute weckt die mehr als dreißig Jahre alte Geschichte mit zeitgenössischen Themen, wie weiblicher Identität, immer noch das Interesse der Leser:innenschaft.

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