Drei Generationen und ein Tigerschwanz

In K-Ming Changs Debütroman Bestiarium geht es um drei Generationen Frauen, um Immigration und um queere Liebe. Ihre Poetik, die mit Mensch-Tier-Verwandlungen und Natur-Konzepten spielt, ist dabei ekelhaft und wunderschön zugleich.

Von Hanna Sellheim

Bild: Via Pixabay, CC0

K-Ming Chang erzählt in Bestiarium eine Immigrationsgeschichte von Taiwan in die USA ebenso wie eine Coming-of-Age-, eine Coming-out-, eine Liebes- und eine Familiengeschichte. Es geht um drei Generationen von Frauen, um ihre verwobenen Biografien, um ihren individuellen und gemeinsamen Widerstand gegen die Gewalt patriarchaler Figuren. Der Roman wird abwechselnd aus der Sicht von Mutter und Tochter erzählt, hinzu kommen Briefe der Großmutter. Dabei nimmt Chang Bezug auf taiwanische Mythologie und flicht sie so in den Roman ein, dass daraus eine fantastische Erzählwelt erwächst. Immer wieder geht es um Verwandlungen zwischen Menschen, Tieren und Pflanzen, um Wesen, die sich nicht genau kategorisieren lassen.

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K-Ming Chang
Bestiarium

Hanser Berlin: Berlin 2021
288 Seiten, 24,00€

Eine besondere Position nimmt die Legende von Hu Gu Po ein, in der sich ein Tiger-Geist in einen Menschen verwandelt, jedoch weiterhin am Tigerschwanz erkannt werden kann. Diese Ausgangssituation wird im Roman gewissermaßen adaptiert. Als die namenlose Tochter sich das erste Mal verliebt, und zwar in ihre Mitschülerin Ben, wächst ihr ein Tigerschwanz, den sie zunächst schamvoll vor ihrer Familie versteckt, später aber sein Potenzial als »Waffe« erkennt. Aus solchen Phallussymbolen und den Löchern, welche die Ich-Erzählerin und Ben im Garten graben und mit Gegenständen füttern, entsteht eine immer auch etwas durchtriebene Metaphorik, die in einer schwebenden Ambivalenz bleibt, die alles zulässt, aber nichts aufzwingt.

Queere Tiere

Die queere Liebesgeschichte, erste sexuelle Erfahrungen zwischen zwei heranwachsenden Frauen und die Hürden einer heteronormativen Gesellschaft spielen eine zentrale Rolle im Roman. Diese Zusammenführung von Queerness und Tierlichkeit geschieht nicht zufällig, sondern dient dazu, Parallelen und Kontinuitäten aufzuzeigen:

In der Tierenzyklopädie, die Ben und ich auswendig kannten, hatte jede Hierarchie einen Namen, gab es für jegliche Gewalt ein Vokabular. Irgendwo musste es eine Bezeichnung für unseren Austausch geben, in einer Sprache, die man uns vorenthielt.

Fremdheit und Andersartigkeit erscheinen hier intersektional, beziehen sich sowohl auf Geschlecht, Herkunft, sexuelle Orientierung, Spezies. So geraten in Bestiarium binäre und hierarchische Kategorien munter durcheinander, werden dadurch obsolet. Chang entwirft etwas, das man mit Timothy Morton dark ecology nennen könnte – eine düstere Ökologie, in der Natur nicht erhaben und schön ist, sondern dunkel und hässlich, und sich der Mensch eben deshalb in ihr verorten kann:

In deiner Sprache heißt es, ein Leben wird ausgelöscht. Doch dieses Wort geht von der Annahme aus, ein Körper bestünde aus Licht, und Licht ist immer begrenzt. Wir sind Säcke voll Dunkelheit, und Dunkelheit verweigert sich der Lenkung, lässt sich nicht gefangennehmen.

In Bestiarium ist nichts ästhetisch, der Mensch ist kein erhabenes Wesen, nicht die Krone der Schöpfung, sondern sein Körper ist bestimmt von Schmutz, Ekel, Krankheit, Wunden und Schmerz. Ohne Scheu geht es seitenweise um körperliche Vorgänge und Ausscheidungen, um verstümmelte Körper und seelische Abgründe. Das mag zunächst pessimistisch erscheinen, eröffnet aber zugleich Potenziale für eine alternative Ästhetik und ein neues Nachdenken über die Beziehung des Menschen zu seiner Umwelt. Denn die Körper der Figuren lösen sich in produktiver Weise auf, sind voneinander und von ihrer Umgebung nicht zu unterscheiden. Das schließt an aktuelle Theoriediskurse zu Fragen von Umwelt-Körper-Beziehungen an, ohne sie aufdringlich zu referieren.

Ein fulminantes Debüt

K-Ming Chang ist Jahrgang 1998, Bestiarium ihr Debütroman, und das ist doch recht verwunderlich angesichts des hohen Maßes an sprachlicher Reflexion, das dem Roman zugrunde liegt. Ihre Sprache ist poetisch, schlägt unerwartete Brücken und Haken, gerät an ihre Grenzen und geht darüber hinaus:

Von Arkansas ist mir vor allem das Wetter in Erinnerung geblieben. Genau wie auf der Insel. Da hatten wir nun das ganze Geld für den Flug ausgegeben und waren am Ende wieder da, wo wir vorher schon gewesen waren. Es regnete, regnete unseren Schweiß. Unser Blut bekam die Farbe von Spiegeln, und Moskitos paarten sich mit unserer Haut. Ich kannte sämtliche Baumarten mit Namen, konnte ihre Dursthaltung einnehmen. […] Es war so feucht, die Luft vor Dampf ganz weißhaarig, und wir bekamen die Knie abgekocht.  

Chang betont die Zeichenhaftigkeit der Sprache, verweist mal auf die taiwanische Symbolsprache, lässt mal die Briefe der Großmutter mit Löchern auf der Seite erscheinen. Der Roman nickt mit erzählerischen Mitteln wie Fußnoten in Richtung des amerikanischen Postmodernismus, dreht aber nicht ins Abstrakte ab, sondern kehrt immer wieder zum Materiellen zurück, zum Körper und seinen Marotten, zur Natur und ihren Auswüchsen. 

Eine richtige Handlung mit Spannungselementen gibt es dabei nicht wirklich, vielmehr ergibt sich aus mosaikhaften Anekdoten und Erinnerungen von Mutter und Tochter ein Familienporträt, in dem nichts beschönigt ist. Gewalt und Trauma zeigen sich als Konstanten, die zugleich unterlaufen werden von der Hoffnung, die in den solidarischen Verbindungen zwischen den weiblichen Personen – ob romantisch, platonisch oder familiär – liegt.

K-Ming Chang verwebt damit virtuos relevante Themen, ohne anstrengende Meta-Diskussionen einfügen zu müssen und entwickelt so eine leichtfüßige, wenn auch schwer zu verdauende Poetik, die sich den Natur-Bezug auf produktivste Weise nutzbar macht. Bestiarium ist ein rätselhaftes Buch, manchmal schwer zu ertragen, aber mit so feinem Witz geschrieben, dass es eine:n mit seiner metaphorischen Wucht nicht erschlägt. So ist es weniger handlungsbezogene Spannung, wegen der es schwierig ist, Bestiarium aus der Hand zu legen, sondern vielmehr Gespanntheit auf das Wie, Überraschung angesichts der geballten sprachlichen Einfallskraft. 

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