Über Gefühle, ohne Feelings

Leif Randt ist eine der beliebtesten Stimmen der jüngeren deutschen Literaturszene. Sein fünfter Roman Let’s talk about feelings stellt sich als ein »Coming-of-Middle-Age-Roman« vor, der ein Jahr im Leben von Marian Flanders erzählt. Obwohl der Titel vermuten lässt, dass es um Gefühle geht, bleiben diese am Rand der Geschichte.

Von Anna Zavattieri

Bild: Pixabay, CC0

Im Klappentext wird der Roman als »Coming-of-Middle-Age« eingeordnet. Der Coming-of-Age-Roman beschäftigt sich mit dem psychologischen, emotionalen und moralischen Wachstum der Hauptfigur, von der Kindheit oder Jugend bis ins Erwachsenenalter. In Randts Fall aber befindet sich der Protagonist bereits in seinen Vierzigern. Nach dem Tod seiner Mutter, ein berühmtes Fotomodel aus den 70er- und 80er-Jahren, fängt für den Berliner Marian ein neues Kapitel seines Lebens an. Er ist Besitzer einer Kleiderboutique in Schöneberg, die aber wirtschaftlich nicht gut läuft. Zwischen Alltagsleben, Drogen und Partys, erfolgreichen Geschwistern, Flirts und Freundschaften gestaltet Marian sein Leben neu.

Wo sind die Feelings?

Der Roman beginnt mit der (illegalen) Bestattung von Marians Mutter Carolina im Wannsee. Marian empfindet nur Traurigkeit und Passivität, sogar Einsamkeit, obwohl er auf die Frage, ob alles in Ordnung sei, immer positiv antwortet. Am Ende scheint er mit seiner neuen Freundin das Glück wiedergefunden zu haben. Aber was in Marians Kopf zwischen Trauer und Heiterkeit passiert, geht nicht wirklich in die Tiefe. Erst in den letzten Kapiteln wird klar, dass er eine Art innere Reise unternommen hat. Der Fokus liegt dennoch nicht auf seinen tiefsten Gefühlen und Gedanken, ganz im Gegenteil kreist der Roman um Marians hedonistische Lebensführung und Alltagsroutine.

Marian unternimmt nicht nur eine innere Reise, sondern er reist auch mehrmals im Laufe der Handlung um die Welt und innerhalb Deutschlands, so zum Beispiel nach Japan, zu einer VW-Party nach Wolfsburg, auf die Kanarischen Inseln und nach Indien. Ein Jahr nach der Bestattung seiner Mutter kehrt er zum Wannsee zurück. An dieser Stelle wird die Geschichte endlich einmal emotional und bewegend, denn nun spricht Marian ausdrücklich über seine Gefühle. Vor einem Foto seiner Mutter erzählt er ihr unter Tränen von seinem Leben nach ihrem Tod: »Beim erneuten Swipen durch diesen Ordner mit beinahe aktuellen Fotos […] begann Marian leise mit ihr zu sprechen: ›Hey Mum, schön dich zu sehen! Wir waren viel zu lang nicht mehr zusammen unterwegs, findest du nicht? Ich hab Neuigkeiten…‹«. Eine andere Stelle, an der Leser:innen davon ausgehen würden, dass die Figuren über Gefühle sprechen, ist der Podcast ›Let’s talk about feelings‹ von Marians bestem Freund Piet. Doch auch hier bleiben die Gefühle an der Peripherie: In der ersten Folge reden Piet und Teda, Marians Schwester, über Tedas Leben als bekannte DJ und daher über Musik.

Ein Coming-of-(Middle)-Age-Roman?

Die lineare Handlung macht das Lesen sehr angenehm und unterhaltsam. Die Lektüre ist von einem einfachen Stil, der reich an umgangssprachlichen Ausdrücken und Anglizismen ist, und ständigen Verweisen auf die Welt der Mode geprägt. Neben Marians innerer Entwicklung sind andere Themen im Roman für die Verbesserung von Marians Leben wichtig: Freundschaft, Liebe, Familie und Sexualität. Die Einordnung des Romans als ›Coming-of-Middle-Age‹ ist nur zum Teil richtig: Einerseits erlebt Marian eine Krise wegen Trauer, gescheiterter Liebe und der wirtschaftlichen Schieflage seines Geschäfts; diese Krise führt zu seiner inneren Reise – vom Bewusstsein, seine Mutter nie wieder sehen und mit ihr sprechen zu können, zum wiedergefundenen Glück. Andererseits wird sein persönliches Wachstum nicht völlig auserzählt und nur am Ende bemerkbar. Selten sind die Stellen, in denen Marian tatsächlich seine Gefühle zeigt; solche Stellen sind tief, spannend und können von Leser:innen gut nachempfunden werden.

Leif Randt
Let’s Talk About Feelings
Kiepenheuer&Witsch: 2025
320 Seiten, 24 €

Beim Lesen von Let’s talk about feelings hat man insgesamt eine gute Zeit. Man könnte diesen Roman auch als ironisch interpretieren, denn die Oberflächlichkeit, mit der Randt die Handlung darstellt, wirkt beabsichtigt: Randts Ziel wäre dann eine Darstellung der heutigen Gesellschaft, die sich auf das Äußere konzentriert. So beschreibt Marian die Menschen vorrangig anhand ihrer Kleidung. In diesem Sinne wird die Erwartung, etwas über die Gefühle einer Person zu erfahren und daraus zu lernen, bewusst nicht erfüllt. Für Leser:innen bedeutet dies jedoch: Keine Spannung, kein Knalleffekt, Feelings-los.

Schlagwörter
Geschrieben von
Hinterlasse einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert