Vom Lieben und Leiden

Triggerwarnung: Suizid

Die DT-Inszenierung Gewalt und Leidenschaft nach dem Film von Luchino Visconti handelt von der ungleichen Wohngemeinschaft einer italienischen Adelsfamilie mit einem kunstinteressierten Professor. Verbotene Zuneigung, Intrigen und das nahezu perfekte Verbrechen sorgen für ein aufregendes Theatererlebnis.

Von Mara Fiene

Bild: Thomas Müller 

Leidenschaft bedeutet mehr als schlichtweg große Emotionen. Wie gefährlich dieses Gefühl werden kann, ist derzeit im Deutschen Theater in Göttingen zu sehen. Das Stück Gewalt und Leidenschaft nach dem gleichnamigen Film von Luchino Visconti behandelt sowohl komplexe Liebesbeziehungen und familiäre Machenschaften, als auch den politischen Disput zwischen Faschismus, ›Linken‹ und der zerstreuten Mitte.  Die deutsche Erstaufführung erzählt die Geschichte eines kunstinteressierten Professors (gespielt von Paul Wenning), der in seinem Palazzo in Italien ein zurückgezogenes Leben führt. Das ändert sich jedoch schlagartig, als die Marchesa Burmonti (Angelika Fornell) ihn überredet, ihr seine Wohnung im Obergeschoss zu vermieten.

Schnell ziehen dort ihr Liebhaber Konrad (Daniel Mühe) und ihre Tochter Lietta (Anna Paula Muth) sowie deren »Verlobter auf Probe« Stephano (Gabriel von Berlepsch) ein. Aufgrund von unangekündigten Renovierungsarbeiten und der chaotischen Familiensituation der Burmontis wird der Professor auf eine harte Probe gestellt. Obwohl er Zuneigung für die Familie und besonders für das wilde Wesen Konrads empfindet, ist er zunehmend von seinen Mieter:innen gestresst. Die Handlung findet ihren Höhepunkt, als die neofaschistischen Verbindungen der Burmontis und deren Beteiligung an einem Staatsstreich ans Licht kommen. Der politisch linke Konrad operierte als Spion und profitierte außerdem von dem prunkvollen Leben der Marchesa. Nachdem der Familienstreit am Tisch des Professors eskaliert, finden die Mitbewohner:innen Konrads leblosen Körper in der gemieteten Wohnung auf. Offen bleibt, ob es sich hierbei um einen Suizid oder um ein Verbrechen handelt.

Freund oder Feind?

Die politischen Unruhen des Italiens der 1970er Jahre spiegeln sich in dem Leben der Burmontis, Konrads und ihres neuen Vermieters wider. Die Mittel zur Erlangung der jeweiligen Ziele sind drastisch, dies drückt sich besonders durch die aufdringliche Rolle der Marchesa Burmonti aus, die den Professor manipuliert, um ihren Willen zu verwirklichen. Diese rücksichtlose und egozentrische Art, getrieben von Geld und Macht, stößt den ›linken‹ Konrad zunehmend ab. Dieser findet in dem ruhigen Professor, der die politische Mitte symbolisiert, einen Vertrauten. Die unfreiwillige Teilnahme am Zusammenleben der Burmontis und Konrads, wecken die verloren geglaubte Lebenslust des Professors. Doch auf diese Leidenschaft folgt Gewalt: der Terror der Renovierungsarbeiten, die gegenseitige Manipulation der Charaktere und am Ende sogar der Tod.

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Info

Das Deutsche Theater in Göttingen zeigt als größtes Theater der Stadt ein umfangreiches Repertoire auf drei Bühnen. Bereits seit den 1950er Jahren errang das DT unter Leitung des Theaterregisseurs Heinz Hilpert den Ruf einer hervorragenden Bühne. Seit der Spielzeit 2014/15 ist Erich Sidler Intendant des Deutschen Theaters Göttingen.

Die Genialität der Inszenierung findet sich in dem simplen, aber durchdachten Bühnenbild von Jakob Weiss wieder. Die komplette Handlung spielt sich in der Wohnung des Professors ab. In der schwarz-weiß gekachelten, von dickem Samt umhängten »Wohnung« finden sich zwar nicht viel mehr als ein Sessel und ein Telefon, dies umrahmt jedoch gekonnt das wilde Leben der ungleichen Wohngemeinschaft. Soundeffekte und Scheinwerfer sind so eingesetzt, dass das Bild immer wieder in ein neues Licht gerückt werden kann. Künstlerisch gelungen sind außerdem die Kostüme von Elena Gaus, die die gleichbleibende Szenerie der Wohnung auflockern und erstrahlen lassen. Dieser Schwung findet außerdem Verkörperung in der quirligen Rolle der Lietta, der Anna Paula Muth eine liebenswerte Kindlichkeit verleiht. Besonders beeindruckt Paul Wenning, der das gesamte Stück auf der Bühne präsent ist.

Erwähnenswert ist auch die stürmische und emotionale Rolle von Konrad (an diesem Abend gespielt von Paul Trempnau). Trempnau schaffte es, die innere Zerrissenheit des jungen Progressiven fühlbar zu machen. Er verkörpert in Dialogen und Gestik sowohl Traurigkeit als auch brennende Leidenschaft, was die Figur zu der wohl spannendsten des gesamten Stücks werden lässt.

Dynamik durch Kontraste

Die Handlung des Stücks und die damit einhergehende Aussage verlangen von den Zuschauer:innen jedoch eine gewisse Konzentration. Das Stück braucht seine Zeit, um den politischen Hintergrund und Konflikt tatsächlich zu benennen, weshalb einige Szenen vorab verwirren können. Die Machenschaften der Burmontis, deren Interesse am Professor und Konrads Rolle dabei werden erst durch die spät folgende Auflösung erkennbar. Dennoch ist es gerade diese künstlerische Dynamik der Kontraste, die dem Stück auch nach längeren Monologszenen Aufregung verleiht.

Die Handlung des Stücks und die damit einhergehende Aussage verlangen von den Zuschauer:innen jedoch eine gewisse Konzentration. Das Stück braucht seine Zeit, um den politischen Hintergrund und Konflikt tatsächlich zu benennen, weshalb einige Szenen vorab verwirren können. Die Machenschaften der Burmontis, deren Interesse am Professor und Konrads Rolle dabei werden erst durch die spät folgende Auflösung erkennbar. Dennoch ist es gerade diese künstlerische Dynamik der Kontraste, die dem Stück auch nach längeren Monologszenen Aufregung verleiht.

Dass das Stück sich jedoch durch eine gewisse Ernsthaftigkeit auszeichnet, lässt sich vorab bereits erahnen.  Die Lethargie des Professors und Konrads depressive Momente sowie diverse Streitigkeiten und verzweifelte Zusammenbrüche einiger Figuren werden nur von der überspitzen Art der Burmontis aufgelockert. Die darstellerischen Einzelleistungen der Schauspieler:innen schaffen so ein dynamisches Gesamtbild. Durch den bunten Mix von komplett unterschiedlichen Charakteren haben Zuschauer:innen in fast jeder Szene die Chance, etwas Neues zu entdecken. 

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