Christoph Hein erzählt in Das Narrenschiff, wie Anpassung, Opportunismus und strukturelle Fehlplanung die DDR prägten. Ein facettenreicher Roman über menschliche Narretei, politische Ideologie und den Zerfall eines Systems, der ökonomische Ursachen und persönliche Schicksale verbindet.
Von Maximilian Menzel
Bild: Wikimedia (Das Narrenschiff von Hieronymus Bosch, zugeschnitten). Das Werk ist sowohl nach europäischem als auch nach US-amerikanischem Recht gemeinfrei.
Mit seinem neusten Roman Das Narrenschiff zeigt Christoph Hein, dass Narretei nicht zwingend im Satirischen bestehen muss. Sie kann auch in aller Nüchternheit zutage treten: die Geschichte der Symbiose von wirtschaftlichen Fehlplanungen und menschlicher Anpassung, die ein System zunächst stabilisiert, schließlich aber destabilisiert — eine Mahnung.
Das Narrenschiff? Das ist doch das vergilbte Reclamheftchen, verfasst von Sebastian Brant, das schon seit eh und je ungelesen in meinem Regal steht — genau das werden Sie sich jetzt denken, und da haben Sie natürlich völlig recht. Ende des fünfzehnten Jahrhunderts verfasst, entlarvte es die Torheiten seiner Zeit auf satirische Weise und offenbarte zugleich die zeitlosen Schwächen des Menschen. Bekannt ist es vielen, gelesen nur von den wenigsten.
Eine Reisegesellschaft bricht in Richtung Narragonien auf. Dabei verkörpert jeder Einzelne ein menschliches Laster wie Eitelkeit, Habgier oder Untreue, und auch die Fehler der Herrschenden bleiben hierbei nicht verschont. Am Ende stellt der Humanist Brant die verirrten Narren den Weisen gegenüber, als Erinnerung daran, dass Vernunft und moralischer Maßstab das Ziel menschlichen Handelns sein sollten.
»Sie halten fest an verstaubtem Aberglauben«
Brant und seine Narren haben seitdem eine breite Rezeption erfahren, stets um die aktuellen Gegebenheiten der jeweiligen Zeit kritisch zu spiegeln. Auch in der Popkultur der DDR fand die Allegorie ihren Platz: 1980 besang die Rockband Karat jenes Schiff, auf dem zwar List, Hochmut und Eitelkeit herrschen, es aber dennoch, oder vielleicht sogar genau deswegen, niemals untergeht.
Der von Karat besungene Aberglaube blieb seiner Zeit geschuldet unausgesprochen. Christoph Hein hingegen benennt in seinem 45 Jahre später erschienen Roman Das Narrenschiff jenen Aberglauben in aller Klarheit: den real existierenden Sozialismus. Hein verdeutlicht, wie an diesem auf unerbittliche Weise festgehalten wurde, getragen unter anderem von Opportunismus und Anpassung des Einzelnen.
Doch anders als bei Karat, die die Narretei der Menschheit als zeitloses Phänomen darstellen und ihre damit einhergehende Vorstellung von Unsinkbarkeit besingen, ist Heins ‚Narrenschiff DDR‘ nur eine Episode ihrer und geht bereits bei seiner Taufe mit einem Leck vom Stapel.
»Man darf sich irren […], aber nie gegen die Partei. Und wenn die Partei irrt, machst du einen Fehler, wenn du diesen Irrtum nicht teilst. Man darf nie gegen die Partei recht haben, denn sie allein hat immer recht.«
Mosaik
Die Protagonisten des Romans nehmen aufgrund ihrer Berufe sowie Ämter wichtige Funktionen im Staatsapparat ein, und anhand zeitgeschichtlicher Ereignisse, vom Aufstand des 17. Julis über den Mauerbau bis hin zur friedlichen Revolution sowie den dazwischen stattfindenden Führungswechseln in DDR und UdSSR, legt Hein in episodisch gestalteten Kapiteln dar, welche Bedeutung diese Ereignisse einerseits für die Protagonisten selbst haben und wie sie andererseits in ihrer Kausalität zum Bruch der DDR führen.
Wie facettenreich Hein dabei seine Figuren zeichnet, zeigt sich vor allem daran, wie er ihre Handlungen und Entscheidungen im Kontext des politischen Systems der DDR darstellt. Ein System, das den Einzelnen zunächst zur Anpassung und zum Opportunismus treibt, ihn schließlich dazu bringt, die Ideologie selbst zu glauben, und ihn am Ende trotz aller Eigeninitiative erst zermürbt und hernach desillusioniert zurücklässt.
Johannes Goretzka etwa, Ingenieur für Hüttenwesen und Erzbergbau, wird als Kriegsgefangener in der Sowjetunion vom Nationalsozialisten zum Stalinisten und steigt schon vor der Staatsgründung nach seiner Rückkehr aus der Gefangenschaft innerhalb der Partei empor. Doch als er im Rahmen des Fünfjahresplans eigenständig Entscheidungen trifft, aus der Überzeugung heraus zum Wohle des Staates Großes zu leisten, fällt er in Ungnade.
Kompetenz der Unqualifizierten
Über die Gestaltung der Figuren hinaus überzeugt der Roman durch die präzise Darstellung der wesentlichen Ursache des Zerfalls der DDR, die zugleich den Rahmen sowie Kern des Romans bildet: die Dysfunktionalität der Wirtschaftspolitik. Anders als meist in der kulturellen Rezeption zum Leben in der DDR, wo die wirtschaftlichen Defizite über die Knappheit von Ressourcen und den daraus resultierenden Unmut der Bevölkerung behandelt werden, rückt Hein die strukturellen Fehlplanungen der Wirtschaft konsequent in den Mittelpunkt und verweist dadurch auf eine Perspektive aus der Sozioökonomie, nach der die ökonomische Grundlage eines Staates maßgeblich seine Stabilität prägt und weitere strukturelle Defizite begünstigt. Die kluge Verknüpfung von ökonomischer Analyse und erzählerischer Darstellung macht den Roman nicht nur literarisch stark, sondern auch intellektuell bereichernd.

Das Narrenschiff
Suhrkamp 2025
750 Seiten, 28 €
»Es wird im Chaos enden, im Bankrott. […] [S]ie wollen auf den Ökonomieprofessor nicht verzichten, auch wenn sie sich meine Ratschläge und Hinweise nur kopfschüttelnd anhören und bei ihrer arbiträren Wirtschaftsphilosophie bleiben.«
Hein illustriert diese strukturellen Fehlplanungen an vielfältigen Beispielen: vom Brain-Drain vor dem Mauerbau über den Devisenhandel mit Replikaten von Faksimiles bis zu den praktisch unerfüllbaren Fünfjahresplänen, die Johannes Goretzka zu eigenmächtigen Interventionen treiben, während andere, wie Karsten Emser, Professor für Ökonomie und Mitglied des Zentralkomitees, geprägt durch seine Erfahrung im Moskauer Hotel Lux während des Großen Terrors, die Linie der Partei stets akzeptieren, um sich selbst nicht zu gefährden, und damit die fatale Kompetenz der Unqualifizierten billigend in Kauf nehmen.
Was bleibt
Was nach der Lektüre bleibt, sind nicht nur historische Einsichten, sondern auch Fragen nach zeitlosen menschlichen Verhaltensmustern, womit wir dann doch wieder bei Brant und Karat wären. Hein zieht diesen Bogen unaufgeregt: Der Untergang der DDR steht für sich, als Folge von Fehlplanung, Opportunismus und menschlicher Anpassung. Eine Mahnung, die keiner weiteren Worte bedarf. Und so überrascht es in keiner Weise, dass der Schutzumschlag des Buches das Mosaik-Fries am Berliner Haus des Lehrers von Walter Womacka zeigt, das Menschen im Zusammenspiel darstellt, voller Dynamik, doch stets dem Kollektiv untergeordnet, und das dadurch subtil auf die Frage verweist, welche Lehren aus der Geschichte zu ziehen sind.

