Zurück zur Wahrheit

In Radikaler Universalismus belebt Omri Boehm die verschüttete Idee einer metaphysischen, absoluten Gerechtigkeit wieder. Die geistige Nähe der Philosophie Immanuel Kants mit der biblischen Figur Abraham ist dabei ebenso entscheidend wie das Ethos des amerikanischen Bürgerkriegs.

Von Fabian Vogel

Bild: Fabian Vogel

Wozu bedarf es heutzutage noch einer Philosophie des Universalismus, während doch Identitätspolitiken für ihr Versprechen, gesellschaftliche Ungleichheiten zu überwinden, zunehmend Anerkennung erfahren? Auf eindrucksvolle Weise skizziert Omri Boehm in Radikaler Universalismus – seinem neuesten und gar für den Deutschen Sachbuchpreis nominierten Buch – nicht nur die Wichtigkeit des universalen Denkens, sondern auch die politischen und philosophischen Angriffe auf ebendiese Philosophie: ausgehend vom Zeitalter der Aufklärung bis hin zu unserer Gegenwart. So legt er ausführlich dar, weshalb sich westliche Gesellschaften von der Idee einer moralischen Verpflichtung gegenüber der Menschheit haben abwenden können, und warum Identitätspolitiken diese Leerstelle keinesfalls füllen. Den Plot-Twist markiert schließlich eine besondere Deutung der alttestamentarischen Geschichte um die Bindung Isaaks, der entgegen Gottes Befehl nicht von seinem Vater Abraham geopfert wird.

Die menschliche Natur

Was charakterisiert den Menschen? Ist es seine Biologie, seine Psychologie, oder vielleicht gar seine Sozialität? Boehms Referenzen zu ebendieser Frage sind bemerkenswert; mit den naturalistischen Verständnissen von Spinoza und Nietzsche zeigt er sich jedoch überhaupt nicht einverstanden. Der Mensch ist seiner Auffassung nach weitaus mehr als ein kluges Tier und damit nicht auf seine Triebe und Instinkte zu reduzieren – er ist nicht determiniert. So rekurriert Boehm auf Kant, um die Frage nach der Bestimmung des Menschen adäquat zu beantworten: Den Menschen charakterisiert seine Freiheit, moralische Gesetze zu befolgen; dies macht ihn verantwortlich für die absolute Verpflichtung gegenüber der Menschheit – unabhängig von Gruppenidentitäten. Was genau das praktische Ausmaß ebendieser Verpflichtung ist, hätte der Autor im Verlauf seines Buches allerdings noch häufiger darlegen können.

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Omri Boehm
Radikaler Universalismus

Ullstein: Berlin 2022
176 Seiten, 22,00€

Boehm zeigt sich mit Immanuel Kant dahingehend einig, dass die absolute Verpflichtung gegenüber der Menschheit das höchste und ewige Gesetz darstellt. Die moralische Freiheit, dieses Gesetz auch zu befolgen, entspricht sodann auch der Grundlage von Respekt und Würde – weshalb sonst sollte einem Menschen ebendies zuteilwerden? Derartige Bezüge beschreibt der Autor eingängig und nachvollziehbar. Dazu gelingt es ihm, auf fesselnde Weise aufzuzeigen, inwiefern die absolute Verpflichtung gegenüber der Menschheit einem jeden Recht auf Gehorsam zuvorkommt, den eigentlichen Ursprung des Ungehorsams darstellt. Die Geschichte um den Abolitionisten John Brown und dessen Kampf gegen die Sklaverei in den amerikanischen Südstaaten kurz vor Ausbruch des Bürgerkriegs beweist dies geradezu exemplarisch.

Einheit oder Wahrheit?

Unabhängigkeitserklärung oder Verfassung: Welches dieser beiden Dokumente verfügt über entscheidende Autorität? Genau an dieser Frage scheiden sich Boehm zufolge die Geister in den US-amerikanischen Nordstaaten des 19. Jahrhunderts. Während nämlich die Abolitionist:innen die Sklaverei im Namen einer absoluten Gleichheit, wie sie in der Unabhängigkeitserklärung verankert ist, verurteilen, genießt für die Unionist:innen die Herrschaft des Gesetzes oberste Priorität. Boehm überzeugt darin, diesen schwelenden geistigen Konflikt kurzweilig nachzuzeichnen und die Abolitionist:innen um John Brown als Radikale Universalist:innen zu titulieren.

Den amerikanischen Bürgerkrieg möchte Omri Boehm sodann als Kampf gegen die Versklavung von Schwarzen Menschen und für die absolute Gleichheit verstanden wissen. Hierfür nimmt er mitunter Bezug auf Abraham Lincoln und dessen Rede in Gettysburg von 1863 – bemerkenswert daran ist die Verpflichtung auf die Wahrheit der Unabhängigkeitserklärung. Doch war es nicht Abraham Lincoln selbst, der die Hinrichtung des Abolitionisten John Brown Jahre zuvor öffentlich billigte? Diente die Gettysburg-Rede tatsächlich nicht vorrangig dem Ziel der Vereinigung der vom Krieg geplagten Süd- und Nordstaaten, sondern der Proklamation der absoluten Gleichheit? Omri Boehms Interpretation zu den Wirren des amerikanischen Bürgerkriegs liest sich spannend, doch wirkt sie teils ein wenig konstruiert.

Liberalismus als Abkehr von der Pflicht?

Dass Boehm die angesehenen Liberalismus-Konzepte von John Dewey und John Rawls scharf kritisiert, ist bemerkenswert, doch keineswegs überraschend. So stimmt der Autor weder mit den pragmatischen Überzeugungen des ersteren, noch mit dem kontraktualistischen Gerechtigkeits-Konzept des letzteren überein – er versteht sowohl Deweys als auch Rawls‘ Liberalismus als defizitär, da ohne Sinn für eine absolute, metaphysische Idee von Gerechtigkeit samt Verpflichtung gegenüber der Menschheit. Diese Kritik ist definitiv interessant; nach einer alternativen gesellschaftspolitischen Gerechtigkeitskonzeption, die der absoluten Verpflichtung gegenüber der Menschheit adäquat Rechnung tragen würde, sucht man in Radikaler Universalismus allerdings vergeblich. Boehms Überlegungen zur Republik Haifa in seinem Buch Israel – eine Utopie mögen diese Leerstelle noch am ehesten füllen.

Was hat der Liberalismus mit der Tyrannei gemein, beteuert ersterer nicht gerade die Freiheit des Subjektes? Indem Boehm geschickt das gegenwärtige Ausmaß eines positivistischen Wahrheitsverständnisses mit der Wichtigkeit des Konsens in liberalen Demokratien verknüpft, erscheint das postmoderne Subjekt plötzlich tyrannisiert – geistig wie auch moralisch unterjocht, da befreit von einem anspruchsvolleren Wahrheitsverständnis. So zeigt Boehm eindrucksvoll auf, inwiefern postmoderne westliche Gesellschaften einem regelrechten Faktenfetischismus unterliegen – ohne Sinn für eine moralische Verpflichtung gegenüber der Menschheit, dafür aber mit erheblichen sozialen Exklusionsmechanismen. Diese Thesen begründet Boehm schließlich gekonnt mit diversen Bezügen, beispielsweise zu Alexis de Tocquevilles Konformismus-Annahmen.

Abraham der Aufklärer?

Zuletzt beschäftigt sich Omri Boehm ausführlich mit der alttestamentarischen Figur Abraham und der Geschichte um die Bindung Isaaks – hierfür von besonderer Relevanz: die Überlegungen des jüdischen Rationalisten Maimonides zur Prophetie sowie diverse Bibelinterpretationen. So gelingt Boehm durch einen klugen Kniff, die Geschichte von der Bindung Isaaks als eine Frage von Gehorsam und Ungehorsam zu deuten. Dass auch Gott der universalen Idee von Gerechtigkeit unterliegt, mag dabei schließlich noch am wenigsten überraschen; viel wichtiger ist die Begründung dafür, warum Abraham als der erste Aufklärer unserer Zeit gelten sollte und das eigentliche Vermächtnis des biblischen Monotheismus die Proklamation des ethischen Ungehorsams – samt Verpflichtung gegenüber der Menschheit – ist.

Insgesamt schafft Omri Boehm in Radikaler Universalismus die Idee einer absoluten, metaphysischen Gerechtigkeit mitsamt ihrer entscheidenden Bedeutung, nämlich der moralischen Pflicht, auf eindrucksvolle Weise zu revitalisieren. Hinsichtlich drängender politischer Krisen erscheint dies auch geradezu notwendig – bedürfen Lösungen zu unausweichlichen Klimakatastrophen-Folgen und globalen Migrationsbewegungen nicht insbesondere eines ausgeprägten Pflichtverständnisses? Dass sich die Lektüre derart anregend und keinesfalls langweilig liest, ist gewiss auch dem flotten Schreibstil geschuldet, womit Boehm die vielfältigen philosophischen und theologischen Referenzen zu einer stimmigen Argumentation verknüpft. Um das voraussetzungsvolle Buch in seiner Komplexität und Dichte zu begreifen, ist allerdings Ausdauer vonnöten.

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