Spurensuche am Ende der Welt

Als Marterl bezeichnet man in Bayern ein kleines Denkmal am Wegesrand zur Erinnerung an eine verstorbene Person. Johannes Laubmeier errichtet ein literarisches Andenken an den verunglückten Vater, indem er sich in seiner niederbayrischen Heimatstadt auf die Suche nach der verlorenen Zeit seiner Erinnerung begibt.

Von Carl Ohlms

Bild: Via Pixabay, CC0

Die Seele ist ein Gebirge – so beschreibt es der französische Ethnologe Claude Lévi-Strauss in seinem berühmten Brasilien-Reisebericht Die Traurigen Tropen. Aufgetürmt aus Schichten von Erfahrungen und Erinnerungen, die sich wie Felsmassen übereinander ablagern, erstarren, brüchig werden, sich wieder verschieben und ständig neue Formationen bilden. Nur die Zeit selbst kann Verschüttetes wieder zu Tage fördern und verloren geglaubte Regionen der Erinnerung wieder bewohnbar machen. Johannes Laubmeier erzählt in seinem Debütroman Das Marterl von dieser Architektur des Geistes, von der Zeit und der Heimkehr in zwei Welten.

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Johannes Laubmeier
Das Marterl

Klett-Cotta: Stuttgart 2022
288 Seiten, 22,00€

Laubmeiers autofiktionaler Roman erzählt von Johannes, der nach zehn Jahren in seine Heimatstadt A. in Niederbayern zurückkehrt. Der Tod seines Vaters bei einem Motorradunfall hatte ihn als Jugendlicher zerrüttet und verwirrt. Er ging zum Studium nach Cambridge, kommt jetzt mit seiner Freundin Leo wieder nach Deutschland und wird vom Ort seines Aufwachsens unerklärlich angezogen. Etwas in seiner Erinnerung ist noch nicht abgeschlossen. Um dem auf den Grund zu gehen, begibt er sich allein nach Bayern.

Auf Twitter schreibt der Autor, ursprünglich habe der Roman als eine »lange Reportage« begonnen. Diese Ausgangsidee ist noch deutlich zu erkennen: Oft durchstreift der Ich-Erzähler Johannes als stiller Beobachter die Stadt und die umliegende Natur und beschreibt wie ein Kulturforscher Land und Leute, Historie und Architektur, regionale Sagen und Mythen, Feste und Gepflogenheiten, alltägliche Situationen, wirtschaftliche Infrastruktur, Flora und Fauna. Das Marterl ist in dieser Hinsicht ein Reisebericht in zwei Welten: äußerlich in die bayrische Kleinstadt A., innerlich in die tiefen Schichten der Erinnerung. Johannes kehrt in beiden Fällen in ein rätselhaftes Land mit eigenen Gesetzen heim, die es neu zu verstehen gilt.

Meine Erinnerungen fransen an den Rändern aus, die einfachsten Details sind mir entfallen, während sich andere, völlig triviale Momente förmlich in mein Gedächtnis eingebrannt haben.

Schichten

Laubmeiers Debüt gelingt es, Vieles zugleich zu sein, ohne überladen oder bemüht zu wirken: Die anthropologische Reportage kommt als eine Detektivgeschichte daher; der Ort birgt Geheimnisse, denen Johannes wie ein Ermittler nachgeht. Er sammelt Beweisstücke, wälzt Akten, untersucht den Tatort und befragt Zeug:innen. Er begibt sich auf Spurensuchen, um den Tod seines Vaters aufzuarbeiten. In den Bericht des Ich-Erzählers werden Coming-of-Age-Episoden aus Johannes‘ Kindheit und Jugend eingeflochten, in denen jeweils der Vater eine zentrale Rolle spielt: die erste gemeinsame Bergwanderung, das erste Mal Stress in der Schule, die erste Erfahrung mit dem Tod, das erste Mal verliebt… Laubmeier hängt in dieses Erzählgerüst weitere Versatzstücke ein: Gedanken über das Wesen der Zeit und der Erinnerung, geschichtliche, botanische und ornithologische Exkurse, Reflexionen über Verse von Johannes‘ Lieblingsdichter Charles Olson, Träume und Erinnerungsfetzen, das Polizeiprotokoll des Motorradunfalls und Aufzählungen in Spiegelstrichen:

– Mein Vater fuhr Motorrad, eine BMW 650R

– Mein Vater wurde fünfundfünzig

– Mein Vater. Als er noch lebte, habe ich ihn nie so genannt

– Diese Liste ist nutzlos

Trotz dieser Heterogenität fällt die Erzählung nicht auseinander. Laubmeier konzentriert sich darauf, innere Vorgänge in Johannes‘ Psyche plastisch greifbar zu machen, indem er sie als Handlungen oder sinnliche Eindrücke schildert. Abstrakte Gedanken, essayistische Passagen und psychologische Spekulationen lässt er nie ausufern. Johannes‘ innere Suche nach einem Zugang zu seiner Melancholie, die er selbst noch nicht begreift, wird anschaulich als Spurensuche an den Orten seiner Kindheit.

Oft, und meistens zufällig, landete ich an Orten, die ich kenne […] Der städtische Skatepark neben der Kläranlage, in dem ich nie das Skaten lernte. Das Speedwaystadion, in dem meine Freunde heimlich rauchten, die alte Burg, in der wir uns an den Wochenenden trafen.

Die Erinnerung aufräumen

Die Orte, die Johannes besucht, die Natur, die er durchstreift, die Plätze, die er beobachtet, werden zu archäologischen Ausgrabungsstätten der Zeit. Historie, Mythos, Fiktion, Konvention und Erinnerung haben sich zu einer Einheit verwirrt, Ablagerungen der Jahrzehnte türmen sich übereinander und versperren Johannes die Sicht auf den Bauplan seines eigenen Geistes. Er muss erst Ordnung schaffen, das heißt ganz konkret: Aufräumen, wie im Kapitel »Ausgrabung«, in dem Johannes den Gartenschuppen seiner Mutter ausmistet. Er arbeitet sich durch Berge von Gerümpel, aus denen er Relikte der Vergangenheit hervorholt, die Erinnerungen an den Vater bergen und ihn langsam besser verstehen lassen.

Laubmeier nutzt klug die Möglichkeiten des Romans, um vom allmählichen Abklären des Chaos, vom Erschließen und Ordnen der Erinnerung zu erzählen: Es ist das Erzählen selbst, das alles monolithisch Aufgetürmte in einem Nacheinander ausbreitet und entwirrt. Indem Johannes über die Orte seiner Heimat erzählt, die großen geschichtlichen Zusammenhänge aus ihnen herausfaltet und umgekehrt seine eigenen Erinnerungen und Assoziationen in sie hineinlegt, wird das, was zunächst chaotisch und rätselhaft schien, für Johannes und dabei zugleich für die Lesenden geordnet und nachvollziehbar.

Literarische Psychoanalyse

Auf das Ende hin spitzt Laubmeier die psychische Krise des Protagonisten noch einmal zu: Die Gegenwart verschwimmt, greifbare Momente bröseln weg. Zunehmend arbeitet er mit desorientierenden, schlaglichtartigen Eindrücken. Laubmeier zieht am Ende nochmal sämtliche literarischen, symbolischen und mythischen Register, lässt Johannes durch den Nullpunkt der Zeit und ans Ende der Welt gehen, verschränkt auf beeindruckende Weise verschiedene Realitäts- und Erzählebenen, hält die Erzählung in der Schwebe – bis dann alles in einer unmotiviert vorgetragenen Psychologisierung verpufft. Das ähnelt der Dynamik einer Psychoanalyse, da zur Bewältigung des Traumas nicht die abschließende Erkenntnis, sondern vielmehr die neue Ordnung des Erlebten entscheidend ist. Literarisch ist das jedoch leider ein unbefriedigender Ausweg.

Schließlich tritt doch jenes psychotherapeutische Moment in den Mittelpunkt, das Laubmeier bis dahin erzählerisch gekonnt überspielt hat. Gut beobachtete Alltagssituationen, präzise und amüsante Beschreibungen, Retardationen zur Spannungssteigerung und kleine berührende Highlights in Form nostalgisch gefärbter Miniaturen in den Kindheitsepisoden zeigen die erzählerischen Fähigkeiten Laubmeiers. Er kann aber in seinem Debüt dem Sog der Introspektion, der Nabelbeschau und der Selbsttherapie noch nicht ganz entkommen. So nimmt er alle Elemente symbolischer und metaphorischer Doppelbödigkeit, die es bis dahin so unterhaltsam machen, Johannes auf seiner Spurensuche zu begleiten, zurück, wenn es darum geht, die Suche nach Selbsterkenntnis zum Abschluss zu bringen.

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