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144 Seiten für 40 Leben

Im Erzählungsband Vierzig Leben ist Navid Kermani genau vierzig großen Wörtern auf der Spur. Statt sich dafür auf ausschweifende Traktate zu verlegen, findet der Autor einen leichtfüßigen, einen anekdotischen Modus der Annäherung – er erzählt genau so, wie ein guter, alter Freund erzählen würde.

Von Daniel Matthiesen

Das Vorhaben dieses Buches lautet: in kurzen Geschichten den Gehalt jener Begriffe zu beleuchten, die die Menschen seit ihrer Verwendung zu bestimmen versuchen. In Vierzig Leben ist von ›Sehnsucht‹, ›Offenbarung‹ und achtunddreißig weiteren bedeutungsvollen Wörtern die Rede, welche in die Tiefen der menschlichen Seele blicken lassen. Denn manchmal sind es vermeintlich triviale Ereignisse aus einer stereotypen Männerwelt, wie der Umgang mit gutem Whiskey, schönen Autos und Fußball, welche eine interessante, nicht unbekannte, aber erfrischende Perspektive auf die Welt zu geben wissen. Einmal mit dieser Lektüre angefangen, packt einen die Neugier und man ist von der ›Lust‹ – einem weiteren Schlagwort aus Kermanis Fundus – ergriffen, zu erfahren, wie sich die nächste Geschichte auf ihren Weg macht, den intentionalen Gehalt jener Begriffe, von denen bei Kermani die Rede ist, zu bestimmen.

Navid Kermani, 1967 in Siegen geboren, habilitierter Orientalist und freier Schriftsteller, lebt in der Wirtschafts- und Kulturmetropole Köln, zu dessen Fußballverein, dem 1. FC, ihn auch eine Mitgliedschaft verbindet. Als Sohn iranischer Eltern, gläubiger Moslem und geschätzter Schriftsteller ist er eine wichtige Stimme unserer Gesellschaft, wenn es darum geht, die Erfahrungswelten von Menschen unterschiedlicher Herkunft und Religion miteinander zu verbinden und die Grenzen zwischen Orient und Okzident in Frage zu stellen. Dies gelang ihm zuletzt in herausragender Weise in seinen Werken Zwischen Koran und Kafka. West-östliche Erkundigungen und Ungläubiges Staunen. Über das Christentum. Neben seinen Büchern und Essays fördert Kermani mit zahlreichen Reden, Vorträgen und Reportagen die Debatte um eine gemeinsame europäische Idee und nimmt Stellung zu aktuellen politischen und gesellschaftlichen Fragen, wie dem Alltag menschlicher Schicksale in Krisengebieten, und der nach Europa geflüchteten Menschen. Für seine Werke und sein Engagement wurde Navid Kermani mit zahlreichen Preisen und Auszeichnungen wie dem Friedenspreis des deutschen Buchhandels und dem Bürgerpreis der deutschen Zeitungen geehrt.

In seinem im Carl Hanser Verlag erschienenen und im Juli 2018 nun im Rowohlt Taschenbuch Verlag veröffentlichten Werk Vierzig Leben erzählt Kermani uns von eben jenen vierzig Leben. Vierzig Erzählungen, wie man sie sich unter Freunden erzählt, von alten Bekannten oder Freundes-Freunden hört. Jede Geschichte, jedes Leben, ist für sich ein einzigartiger Zugang zu dem Wesen des Menschen. Die doch meist trivialen Ereignisse einer Erzählung offenbaren Tiefgründiges und gleichen damit einer philosophischen Anthropologie, geben einen umfangreichen Einblick in die Diversität menschlicher Existenz.

Buch


Navid Kermani
Vierzig Leben
Rowohlt Taschenbuch: Reinbek 2018
144 Seiten, 12,00€

 
 

Vierzig Leben ist ein Buch, welches den LeserInnen neue Perspektiven eröffnet, in dessen Geschichten sie sich wiedererkennen können und über dessen Geschehen sie sich austauschen möchten. Wie die Degustation guten Whiskys, auf den Kermani gern in seinen Erzählungen zu sprechen kommt, ist dieses literarisch wie philosophisch ausgewogene Destillat wärmstens zu empfehlen.

Seit Tagen geht mir eine dreiunddreißigjährige Architektin aus der nordjapanischen Stadt Asahikawa nicht mehr aus dem Kopf, die sich mir vorstellte, als mich ein japanischer, aus dem südlich gelegenen Fukooka stammender Freund, der vor Jahren mit mir gemeinsam Spanisch in Buenos Aires studiert hat und heute bei einer japanischen Konzernvertretung in Düsseldorf arbeitet, auf seinem privaten Computer in Mettmann durch japanische Internetseiten führte, um die globale Simultaneität neuerer kultureller Prägung vorzuführen, über die wir uns beim Abendessen unterhalten hatten.

Ganz ähnlich wird es auch den LeserInnen ergehen, wenn sie sich von der Architektin über die ›Anmut‹ unterrichten lassen. Ebenso wenn sie von Georg, einem Freundes-Freund Adornos lesen, der diesem immer wieder vergeblich seine besten Whiskys anbot. Er erkannte wohl die Wahrheit in Georgs Aussagen über die verschiedenen Nuancen der Whiskys, empfand deren Verköstigung aber als falsch.

Adorno habe ihm, Georg, ohnehin geglaubt und musste also nicht die angebotenen Whiskys probieren, um sich seines Fehlers bewusst zu werden, nur zugeben konnte er es nicht, meinte Georg, der sich über die Ignoranz seines prominenten Freundes zugleich ärgerte und sie in Schutz nahm.

Ob es sich hierbei um den Fehler handelt, guten Whisky auszuschlagen oder die Anerkennung desselben nicht zu würdigen zu wissen, soll hier nicht vorweggenommen werden.

Auch werden die LeserInnen von einem Künstler erfahren, dem das Zerbersten von Autoscheiben wie Musik ertönt und von so manch unerwarteter Begebenheit, die sie in Erstaunen, Entsetzen und nachhaltige Überlegungen versetzen wird. Und vielleicht ergeht es vielen LeserInnen wie mir und sie beginnen, eines von Kermanis Vierzig Leben selbst einmal beim nächsten Kneipenabend zu erzählen und damit eine beinah hochphilosophische Debatte anzuregen. So kurzweilig das Vergnügen, sich dieser Lektüre zu widmen, so langanhaltend bleiben diese Kurzgeschichten und deren Akteure im Gedächtnis. Mit Navid Kermani hat die deutsche Gegenwartsliteratur nicht nur einen hervorragenden Autor, sondern auch einen kulturellen Vermittler gewonnen, der es wie nur wenige versteht, durch das Erzählen einzelner Schicksale menschliches Sinnen in seiner Ganzheit zu erfassen und in so deutlicher wie einfacher Form wiederzugeben. Mit Vierzig Leben werden uns die Dinge, welche uns in unserem tiefsten Sein beschäftigen, anhand der alltäglichen Ereignisse, die uns umgeben und widerfahren, veranschaulicht. Geschichten, die man sich gerne immer wieder erzählt.



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 Veröffentlicht am 25. September 2018
 Bild: Schenke von Jakob Dielmann via wikimedia / gemeinfrei, CC0
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