Abschied von der Kindheit

In seiner Inszenierung des Meyerhoff-Romans Wann wird es endlich so, wie es nie war beschreibt das Junge Theater Göttingen das Erwachsenwerden seines Protagonisten und seiner Umwelt. Zwischen Familienchaos und Psychiatrieatmosphäre weichen bald die Albernheiten.

Von Tanita Kraaz

Bild: Jacqueline Sophie Mendel, Andreas Krüger, Karsten Zinser, Jan Reinartz, Katharina Brehl, Agnes Giese (Fotografin: ©Dorothea Heise)

Josse (Andreas Krüger) trägt einen knallroten Pullover und einen ordentlich gebügelten Hemdkragen. Er ist ausgestattet mit kindlicher Neugier, als er das erste Mal allein zur Schule gehen darf. In seiner Umgebung summt und zwitschert es wie irre. In bester Hänschen-Klein-Manier entscheidet er sich dann auch dafür, nicht den vorgegebenen Weg zu gehen, sondern den abenteuerlichen, den durch den Kleingartenverein, wo er sich verirrt. Als die Schulglocke läutet, setzt der Stress ein: Zu spät kommen will der Grundschüler schließlich nicht. Da entdeckt er einen Mann, der bewegungslos in seinem Schrebergarten liegt: »Mein erster Toter.«

Das ist der Einstieg der JT-Inszenierung (Eike Hannemann) von Wann wird es endlich so, wie es nie war, der schon mit dieser Szene das Leitmotiv Tod einführt. Und anhand des Umgangs mit diesem Erlebnis erläutert auch der Autor und Erzähler Joachim Meyerhoff zu Beginn des zweiten seiner vier Teile umfassenden autofiktionalen Alle Toten fliegen hoch-Romanserie sein Verhältnis zur faktentreuen Wiedergabe der Vergangenheit. Nach und nach erfindet der Schuljunge Horrordetails zu diesem Schlüsselerlebnis dazu: Blut, Mordverdacht, aber schließlich auch einen Ring. Den erinnert er im Nachhinein tatsächlich. Krüger, der bisher hinter einem Notenständer aufgestellt war, um aus dem Meyerhoff-Roman vorzulesen, kommt aus seiner Deckung hinter dem Pult hervor auf das Publikum zu und schließt, wie auch der Josse im Buch:

»Erfinden heißt Erinnern.«

Unter diesem Motto konnten Meyerhoffs Bühnenprogramme und Romane bereits einen außerordentlichen Publikumserfolg erzielen. Kein Wunder, die Anekdotenverflechtungen bieten Voyeurismus, Witz, Weisheiten und insbesondere in diesem Teil die Normalität des bunten Familienlebens als Kontrastfolie für die Außergewöhnlichkeit des Psychiatriegeländes, auf dem die Familie lebt. Gelungen setzt das Junge Theater den Herrn Professor (Jan Reinartz), Leiter der Kinder- und Jugendpsychiatrie Hesterberg in Schleswig, als unangefochtenen, aber sanften Stubenpatriarchen in Szene: Der in der Bühnenmitte platzierte abgeschabte, braune Ledersessel, den er auch physisch gänzlich einzunehmen vermag, ist sein Thron und um ihn her lässt er sein Fußvolk sich tummeln. Es zanken die Brüder (Jacqueline Mendel, Karsten Zinser), die Mutter serviert (Agnes Giese) Bienenstich und einige seiner Patient*innen toben auch wie selbstverständlich im Wohnzimmer herum. Jede*r hat hier seine vorgeschriebene Rolle, die er*sie erfüllt und jede Szene könnte mit einem tiefempfundenen, zufriedenen Seufzer enden: »Hach!«

Es ist quasi die perfekte Scheinidylle, die sich schon dadurch infragestellt, dass der kindliche Josse nur beim nächtlichen Schreien der Patient*innen gut schlafen kann. Eine akustische Atmosphäre, die hier beklemmend umgesetzt wird, indem der Sound einer Miniaturdrehorgel geloopt wird und die Patient*innen auf der Bühne kreischen und stöhnen, während Josse erzählt. Auch die Segelkurs-Anekdote vermittelt eine sehr subtile Tragik: Von der Theorie euphorisiert überredet der Herr Professor seine Frau zum besagten Kurs. Beide legen ungeschickt, weil aufgeregt Ostfriesennerz und Gummistiefel für die praktische Prüfung an. Der Ledersessel wird zum Segelboot, von dem der Herr Professor zu stürzen droht. Dass Josses Mutter ihren Ehemann heldinnenhaft vorm Ertrinken rettet, dass nur sie die Prüfung besteht, wird ihr schon zugestanden. Dass danach nie wieder in die See gestochen wird, ist bleibt eine Randnotiz. Die pure Lebenstüchtigkeit dieser Frau wird also vom Chaos des Herrn Professors schlicht überschattet.

Jan Reinartz, Agnes Giese (Fotografin: ©Dorothea Heise)

Erst mit dem Aufwachsen des Schuljungen allerdings – Krüger muss bald nicht mehr auf den Knien den Größenunterschied zur Familie markieren – bleiben einzelne Szenen offensichtlich unversöhnt. Endlich, so mag man denken, gewinnen die Figuren an Tiefe: Agnes Giese führt die Mutter leichtfüßig in einen zweiten Lebensfrühling und Jan Reinartz beschneidet den Vater überzeugend der Möglichkeit, alle Misslichkeiten durch seinen Humor aufzufangen. So entsteht der Eindruck, dass mit Josse auch seine Umgebung erwachsen wird. Doch wie das Kulminieren der Tragik zum Ende hin ungekünstelt vermitteln? Das rührselige musikalische Thema – es handelt sich um eher klischeebehaftete Celloklänge – zur Hinterlegung der Todesszenen jedenfalls unterstützt den unliebsamen Effekt eher. Hier bietet der Slapstick des Hundes (Katharina Brehl) wohltuende Abwechslung. Der kotzt seine Henkersmahlzeit (zwei ganze Schokoriegel!) theatralisch und wiederholt aus – akustisch ganz wunderbar dargestellt durch das Umschütten von Dosengemüse.

Nochmal zu dem Hund

Das ist so eine Krux mit diesem Hund. Katharina Brehl spielt ihn wahnsinnig überzeugend: Sie hechelt und bellt und an genau den richtigen Stellen sind ihre menschlichen Reaktionen gesetzt. Auf die unfreiwillige Blutsbrüderschaft mit Josse etwa reagiert sie mit dem Ausruf: »Bist du behindert!?« Das Psychiatriegelände bietet eine Vielzahl an Referenzen für die vermeintliche Beleidigung. Die Menschen, die hier aber tatsächlich von der Gesellschaft als behindert, als anders markiert werden, sind im Gegensatz zum Möchtegern-Indianer an keiner Stelle gewalttätig. Erst durch die Veranschaulichung des kindlichen Übermuts und der Pein der Einsicht darüber wird die Absurdität dieses Labels vermittelt. Das ist die bedeutende Stelle, an der sich die Fassung (Eike Hannemann, Christian Vilmar) traut, einen ähnlichen, Reflexion provozierenden Umgang mit der Psychiatrie zu entwickeln wie der Roman. Über solche klugen Einfälle hinweg gelingt es einem manchmal tatsächlich auszublenden, wie befremdlich die Darstellung des anschmiegsamen Hunds durch einen Menschen ist, dem dann und wann auch mal der Kopf getätschelt wird.

Die Inszenierung des Jungen Theaters muss sich an der Ambition messen lassen, einem Bestseller eine neue, eine dramatische Form zu geben. Das ist keine leichte Aufgabe. Zuweilen verzettelt sie sich in Experimentierfreude und vernachlässigt die emotional ausdifferenzierte Gestaltung einzelner Szenen, sodass das Potential des gesetzten Leitmotivs nicht ausgeschöpft wird. Die Darstellung des ungläubigen Verlusts der kindlichen Unschuld allerdings bleibt formidabel: Josse ist oft nichts weiter als steifer Kommentator seines Lebens, der vom Bühnenrand die zunehmend komplexeren Konstellationen in seiner Familie beobachtet, ohne dass er selbst je den knallroten Pulli ablegt und ohne dass sein Hemdkragen je knittert.

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