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Elendsviertel Prenzlauer Berg

Anke Stelling sprach im Literarischen Zentrum mit Anke Detken über ihren preisgekrönten Roman Schäfchen im Trockenen. Die Veranstaltung blieb mehr Lesung als Diskussion und wiederholte dabei einige problematische Aspekte des Buches selbst.

Von Hanna Sellheim

Anke Stelling gilt seit einiger Zeit als die Galionsfigur der politisch engagierten Literatur in der deutschen Kulturlandschaft. Im März erhielt sie für ihren letzten Roman Schäfchen im Trockenen, der mit der urbanen oberen Mittelschicht abrechnet, den Preis der Leipziger Buchmesse, nun folgte die Auszeichnung durch den Friedrich-Hölderlin-Preis. Eine »Erfolgsgeschichte« nennt Anke Detken diesen Werdegang, als sie mit Stelling am 06. Juni im Literarischen Zentrum über ihren Roman spricht.

Detken beginnt das Gespräch mit der Frage nach dem zentralen Thema von Stellings Roman: der Wohnungsproblematik. Stelling antwortet, sie habe keineswegs dezidiert einen Roman über die Wohnungsfrage schreiben wollen. Dennoch halte sie das Thema für wichtig, schließlich würden der eigene Lebensentwurf und die Zugehörigkeit zu einem bestimmten Milieu größtenteils über den Wohnort verhandelt. Prenzlauer Berg und Marzahn seien die zwei Chiffren, die in ihrem Roman für zwei gegensätzliche Milieus stehen. Dass Marzahn nur aus einer sehr privilegierten Stellung heraus als »Schreckgespenst«, wie Stelling es nennt, gesehen werden kann, reflektiert dabei weder sie noch Detken. Glücklicherweise sieht Letztere dann davon ab, Göttinger Entsprechungen zu den Berliner Bezirken zu suchen.

Stelling sieht zweierlei als ihren Auftrag: Bücher mit weiblichen Protagonistinnen zu schreiben und Care-Arbeit als literarischen Stoff zu etablieren. Denn die Verteidigung der »Literaturfähigkeit« solcher Themen sei leider immer noch vonnöten. Dabei räumt sie ein, keineswegs die Erste zu sein, die solche Themen angeht. Diese Überlegungen sind überzeugend, da naheliegend. Doch es bleibt ungeklärt, wieso Schäfchen im Trockenen dann nicht radikaler feministisch ist, die Kritik an als selbstverständlich angesehener weiblicher Familienarbeit nicht noch harscher formuliert.

Zu Bourdieu und Foucault »verdonnert«

Auf die Frage, ob sie Vorbilder habe oder sich in einer Tradition verorte, reagiert Stelling ausweichend. Stattdessen spricht sie über ihre Protagonistin Resi, über die Gratwanderung, die es sei, eine unsympathische Protagonistin durchzusetzen, damit der Text selbst nicht nerve. Dabei schiebt sie ein, dass sie selbst Resi keineswegs nervig finde, sondern sie liebe. Wie sehr Stelling

Roman


Anke Stelling
Schäfchen im Trockenen
Verbrecher Verlag: 2018
272 Seiten, 22 €

 

LZ


Das Literarische Zentrum ist fester Bestandteil des Göttinger Literarischen Lebens seit April 2000. Es stellt an sich selbst den Anspruch ein »begehbares Feuilleton« zu sein. In den vierteljährlichen Veranstaltungsprogrammen ist auch das Kinder- und Jugendprogramm »Literatur macht Schule« untergebracht.

 
 
selbst Vorbild für die Protagonistin – ebenfalls Schriftstellerin – gewesen zu sein scheint, deutet sich in der Veranstaltung immer wieder an, auch wenn Detken den ausdrücklichen Vergleich erklärtermaßen meidet.

Detken fragt nach, wie wichtig Stelling die soziologische Perspektive für das Buch gewesen sei, bringt an, dass Bourdieus und Foucaults Theorien eine wichtige Rolle darin spielen. Stelling gibt zu, die Theorien nicht gekannt zu haben. Erst eine Dramaturgin, mit der sie zusammenarbeite, habe Stelling dazu »verdonnert«, Bourdieu und Foucault zu lesen. Das erklärt vielleicht, wieso die Unterfütterung des Romans mit soziologischer Theorie nicht so ganz überzeugend wirkt. Denn, wie Iris Radisch ganz richtig schreibt, »sind es nicht die ›feinen Unterschiede‹ zwischen den Klassen, von denen Pierre Bourdieu geschrieben hat, sondern die allerfeinsten Unterschiede einer Abstiegsangst-Debatte, die die Berliner Boheme mit sich selbst führt, ohne besonders weit über die Ränder ihrer Kristallkelche hinauszusehen«, um die es in Schäfchen im Trockenen geht. Stelling und Detken diskutieren im Anschluss daran über die Rolle des kulturellen Kapitals im Roman und in Stellings eigener Entwicklung als Schriftstellerin. Sie spricht amüsant anekdotisch über ihre Ausbildung am Literaturinstitut in Leipzig: Sie als »Aufstiegskind« habe von der Existenz des Instituts nur aus der Brigitte erfahren. Ohne das, so sagt sie, wäre sie keine Autorin geworden.

Kurzes Gespräch, lange Lesung

Interessant sind Stellings Ausführungen zu ihrem Beschluss, bei einem unabhängigen Verlag zu publizieren und die Vorteile, die dieser gegenüber einem großen Verlag biete. Sie betont, dass ihr Erfolg erst mit dem Wechsel zum unabhängigen Verbrecher Verlag gekommen sei. In dem Zusammenhang teilt sie einige Seitenhiebe gegen das durch Internet und soziale Medien an Macht verlierende Feuilleton aus. Befremdlich erscheint dabei besonders die nebenbei fallengelassene Bemerkung, das Feuilleton sei teilweise eingekauft, die im weiteren Verlauf des Abends nicht wieder aufgegriffen und problematisiert wird. Hin und wieder plaudert Stelling auch aus dem Nähkästchen, erzählt, dass die Protagonistin Resi lange namenlos war und das Buch erst spät seinen Titel erhielt.

Das Gespräch fällt trotz des breiten Themen-Spektrums eher kurz aus und so bleibt die Veranstaltung doch hauptsächlich Lesung, sind die zwei Passagen, die Stelling aus ihrem Buch vorliest, doch sehr lang. Die Wut Resis wird durch Stellings Lesemodus nicht wirklich fassbar, dafür lässt sich am häufigen Gelächter des Publikums erkennen, welche besondere Art von Witz ihrem Text innewohnt.

Stelling spricht ruhig und präzise, wirkt sympathisch. Dennoch ergibt sich bei der Lesung eine vergleichbare Problematik wie im Buch selbst: Stelling inszeniert sich wie Resi als Foucault’sche Wahrsprecherin, die »genau und entlarvend« erzählt, die über »die Misere, das Leid, das Elend« schreibt. Das klingt natürlich erstmal gut, genauso wie Stelling die Forderung, Literatur müsse Gesellschaftskritik betreiben und eine Gesellschaft brauche Künstler*innen, erfrischend deutlich formuliert. Doch muss man sich dabei vor Augen führen, was sie meint, wenn sie Elend sagt: den Umzug einer extrem gebildeten Familie aus der oberen Mittelschicht in einen anderen Stadtteil. Ein bisschen weniger Lobhudelei und dafür tiefergehende Reflexion über die Verantwortung von Literatur in einer zunehmend ungerecht werdenden Welt hätten der Veranstaltung also vielleicht gutgetan.



Metaebene
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 Veröffentlicht am 14. Juni 2019
 mit freundl. Genehmigung d. Literarischen Zentrums
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