Ausflüge ins Sperrgebiet

In Die Zone oder Tschernobyls Söhne erzählt Markijan Kamysch von seinen Ausflügen ins Sperrgebiet von Tschernobyl, spürt einem individuellen wie kollektiven Trauma nach und macht sich über Katastrophentourismus lustig. Sein virtuoses Spiel mit der Ironie lässt dabei stets offen, was Bericht ist und was Fiktion.

Von Hanna Sellheim

Bild: Via Pixabay, CC0

Schon der erste Satz fängt die Stimmung von Markijan Kamyschs Die Zone oder Tschernobyls Söhne treffend ein: »Angestachelt vom Optimismus utopischer Parolen und den Furzideen einer grotesken sowjetischen Gigantomie, formten wir unseren Traum.« Dieser Sound, der zwischen Flapsigkeit und Pathos, zwischen plattem Sarkasmus und sprachlicher Eleganz taumelt, zieht sich durch den gesamten Text.

Kamysch erzählt darin von seinen Ausflügen in die »Zone«, das Sperrgebiet um das 1986 verunfallte Atomkraftwerk Tschernobyl. Diese sind natürlich höchst illegal – es bleibt stets unklar, wie viel von seinen Berichten erfunden oder übertrieben, was Fakt und was Fiktion ist. Sicher ist: Kamyschs Vater war Atomphysiker und Liquidator, also einer der Menschen, die unmittelbar nach dem GAU zur Schadensbegrenzung strahlenden Schutt von den benachbarten Reaktorblöcken schippen mussten, »als alles noch geblubbert hat«. Er starb 2003 an den Folgen des Kontakts mit der radioaktiven Strahlung.

Ruf der Wildnis

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Markijan Kamysch
Die Zone oder Tschernobyls Söhne

Übersetzung: Claudia Dathe
Matthes & Seitz: Berlin 2022
180 Seiten, 18,00€

Geführte Touren durch Tschernobyl und Prypjat wurden 2011 erlaubt – also 25 Jahre nach dem Reaktor-Unglück. Kamysch jedoch schlägt sich auf eigene Faust in die verstrahlten Büsche, übernachtet in verfallenen Häusern und trinkt aus sumpfigen Pfützen. Ausflüge in das Gebiet um Tschernobyl sind auch heute noch gefährlich, was Kamysch immer wieder reflektiert. Er schildert aber auch glaubhaft die Faszination der Expeditionen, die dafür sorgt, dass er dennoch immer wieder zurückkehrt. Seine Streifzüge beschreibt er als kräftezehrende, körperliche Grenzerfahrung. Das Sperrgebiet erscheint in seiner temporeich tänzelnden Sprache als grundsätzlich anderer Ort, an dem Zeit sowie soziale Konventionen und Regeln verschwimmen. Seine Schilderungen lesen sich zuweilen wie ein Wildnis-Survival-Trip, der aber das Politische nie vergisst. Seine Ausflüge sind auch eine Auflehnung gegen Institutionen, gegen die Milizen, die das Grenzgebiet zu Belarus kontrollieren, in dem die Sperrzone liegt. Und damit schimmert natürlich immer auch das Aktuelle durch bei Kamyschs Expeditionen ins Vergangene.

Will man Kamysch glauben – und man will es, obwohl er nie behauptet, ein zuverlässiger, an Fakten interessierter Erzähler zu sein, im Gegenteil – ist die Tschernobyl-Zone beliebtes Ausflugsziel für Abenteuer-Tourist:innen, Plündernde und sogar Prominente. Dieser durch trashige Fiktionalisierungen wie Chernobyl Diaries angestachelte sensationalistische Katastrophentourismus, das Exotisieren von Tschernobyl als ultimativem Lost Place wird im Buch durchaus kritisiert. Kamysch wirkt dem entgegen:

Damit wir uns nicht missverstehen. Bezeichnung wie »Feldzug«, »Marsch« oder anderes Vokabular aus dem Wortschatz von Stammtischmilitaristen sind hier fehl am Platz. Spaziergang durch die Zone. So und nicht anders. In der Zone gibt es nämlich nichts, was sie zu einem megagefährlichen Ort, zu einem Bewährungsfeld für die Stärksten des Menschengeschlechts machen würde. Ist es das, was ihr sucht? Dann fahrt in die Tundra, steigt in Vulkane hinunter, in der Zone gibt es nur gemächliche Spaziergänge durch Mischwälder.

Seine mal subtile, mal brachiale Ironie lässt die Leser:innen immer wieder schwanken zwischen Belustigung über die ultra-männlichen Tschernobyl-Survivalists mit ihren Dosenfleisch-Vorräten und Verlockung, diese verbotene terra incognita mit eigenen Augen zu sehen.

Kamyschs Erzählung entwickelt einen Sog durch die bildhaften Beschreibungen der Panoramen und Rituale seiner Sperrzonen-Erkundungen, durch den Wechsel von Ich- und Du-Erzählung, der streckenweise zu einer mehr oder weniger ernst gemeinten Anleitung für den illegalen Zonenbesuch wird:

Wenn du zum ersten Mal in die Zone gehst, willst du dich unbedingt an jemanden dranhängen, der schon Erfahrung hat. Das ist der erste und schlimmste Fehler. […] Geh also beim ersten Mal unbedingt allein. Und halt dich bloß nicht mit der Vorbereitung auf. Dann kriegst du den richtigen Kick: Du bahnst dir deine eigenen Wege, bleibst ohne Karte und Kompass im Sumpf stecken, orientierst dich an den Sternen, obwohl du davon null Ahnung hast. […] Du rennst den geführten Toure hinterher und klaubst Zigarettenstummel auf wie ein Penner. Du bist ja auch ein Penner, du bewohnst die Apokalypse. Was brauchst du nun für das erste Mal? Eigentlich nichts weiter. Wirklich nicht. […] Viel cooler kommt es natürlich, wenn du das nicht machst, weil ich es sage, sondern weil du ein Spinner bist. Normale Leute haben in der verstrahlten Zone nichts verloren. Denk dran.

Sein Text ist ein beeindruckendes Zeugnis einer anderen, unzugänglichen Welt, der im besten Sinne autofiktionale Überwindungsversuch eines individuellen und kollektiven Traumas. Denn auch wenn Kamysch den Tod seines Vaters durch das Reaktor-Unglück nur am Anfang kurz erwähnt, liegt doch nahe, dass er mit seinen Erkundungen auch der vor seiner Geburt 1988 stattgefundenen Katastrophe und deren Konsequenzen sowohl für seine eigene Familiengeschichte als auch für die ukrainische Landesgeschichte nachspürt. Er gibt sich dabei jedoch nie der Düsterheit hin: »Dem Leben begegnen wir oft und dem Tod nur manchmal.«

Das Buch ist zudem ausgesprochen schön gestaltet: Ins Cover ist ein kleines Loch gestanzt, das einen vorsichtigen Blick auf das dahinterliegende Foto gewährt – eine Aufnahme aus der Zone, die durch eine weitere im hinteren Umschlag ergänzt wird und das Erzählte auf unheimliche Weise plausibilisiert. Die Zone oder Tschernobyls Söhne ist eigenwillig, einzigartig und unbedingt lesenswert.

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