»Kein Wort über den Krieg«

Es ist schwierig, ohne Sentimentalität über Nachkriegszeit zu schreiben. Monika Helfer gelingt es mit Vati, die Nachkriegsgeneration mit einer einfachen und ehrlichen Sprache zu porträtieren.

Von Ana Tskitishvili

Bild: 32-Fuß-Freak via Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0, cropped

Monika Helfers Vati ist nicht nur ein Erinnerungsbuch, das der Familie der Autorin gewidmet ist, sondern auch eine Spiegelung der frühen Nachkriegszeit. Der Autorin gelingt es, diese schwere Zeit anhand von alltäglichen Dingen zu zeigen. Erzählt wird eine faszinierende Lebensgeschichte, die zugleich fiktional und biographisch ist.

»Wir sagten Vati. Er wollte es so« – so überraschend beginnt Helfers Roman. Dieser Wunsch, »Vati« statt »Vater« genannt zu werden, kommt aufgrund des »modernen Klangs« dieses Wortes, aber vor allem, um die Vergangenheit zu vergessen. Eine Vergangenheit, die voller Schaden und Schmerz war. Josef Helfer, der Vater der Autorin, verlor im Zweiten Weltkrieg in Russland sein rechtes Bein. Aber der Roman zeigt: Der Krieg verursacht nicht nur einen körperlichen Schaden, sondern ist auch Grund für ein großes seelisches Trauma.

»…ob sie wahr ist«

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Monika Helfer
Vati

Hanser: München 2021
176 Seiten, 20,00€

Monika, die das zweite von vier Kindern ist, erinnert sich an ihre Vergangenheit im Jugendalter. Die Autorin berichtet vorwiegend aus der Sichtweise eines Kindes, ändert jedoch manchmal die Perspektive zur späteren einer verheirateten Frau. In diesen Erzählperspektiven kann der:die Leser:in die Autorin kennen lernen – Monika Helfer, die über ihre Herkunft schreibt. Manche Episoden aus ihrer Kindheit sind so ungewöhnlich, dass sie sogar selbst darüber ins Zweifeln gerät, ob alles der Wahrheit entsprechen kann oder ihre eigenen Erinnerungen sie trügen.

Während Monika sich an die Vergangenheit erinnert, bittet sie oft ihre Schwester oder ihre Stiefmutter um Hilfe. »Wir beide wissen nicht, ob sie wahr ist«, sagt die Stiefmutter über eine weitere Geschichte. Diese Passage könnte auch ein Signal für die Leser:innen sein, die Balance zwischen Realität und Fiktion nicht zu verlieren. Obwohl Helfers Roman eher »wahr als erfunden« und voll von biografischem Material ist, bleibt Vati immer noch ein literarischer Text.

Über Krieg reden, ohne darüber zu reden

Beim »Setzen eines Denkmals« für ihren Vater wirkt Monika Helfers Sprache sachlich, ohne Emotionen. Sie verzichtet auf Hyperbeln, die bei der Thematik vielleicht naheliegen würden. Helfer beschreibt und zeigt ihre eigene Geschichte hingegen sehr einfach. Die Einfachheit ist der Kern ihrer Welt. Diese Welt ist den Leser:innen ihres Romans Bagage, der auch eine Familiengeschichte ist und von Helfers Großeltern und Mutter handelt, bereits bekannt.

Bemerkenswert ist, wie sich bei lustigen Abenden und netter Zeit das Leben der Kriegsversehrter  verändern konnte. Autorin beschreibt, wie sie alle »denkbar frischeste Luft und kein Wort über den Krieg« zufrieden waren. Manchmal ist es nicht notwendig, das Wort »Krieg« zu verwenden, um diese Spuren des Krieges zu demonstrieren. Fast in jeder einzelnen Zeile dieses Buches, in den Dialogen, finden sich zahlreiche Spuren von Traumata, die zeigen, was es bedeutet, Opfer eines Krieges zu sein. Beim Porträt ihres Vaters geht die Autorin realistischer vor, vergisst einen »Archetyp des Nachkriegsvaters« und versucht nicht, die Erzählung mit Klischees zu füllen. Diese Art von Ehrlichkeit ist sehr ansprechend und überraschend, denn sie bricht mit den Erwartungen von Leser:innen an Nachkriegsliteratur.

Kumpanin des Vaters

Monikas Vater findet eine Anstellung in einem Kriegsopfererholungsheim auf dem Hochplateau Tschengla. Die Atmosphäre des Ortes spielte eine große Rolle im Leben der Familie Helfer. Es ist ein verträumter Ort, an dem Vater Josef eine Bibliothek hatte. »Heilig war ihm das Buch«, schreibt sie. Es scheint ungewöhnlich, dass aus dem Kriegsopfer Joseph ein so großer Literaturliebhaber werden konnte – besonders im Hinblick auf die Armut während der Nachkriegszeit, in der die Menschen vor allem ans Überleben dachten. In der Familie und um ihn herum schätzt niemand Bücher so sehr wie Josef, Monikas Vati.

Nachdem Josef Helfer seine Bibliothek aufgrund mangelnden Platzes aufgeben muss, weiß Monika als einziges Familienmitglied, wo er seine »Schatz-Bücher«, die einen besonderen Stellenwert in seinem Leben einnehmen, versteckt hat. Die Autorin betont jedoch, dass sie bis heute nicht verstehen kann, warum sie sich als »Kumpanin des Vaters« entpuppt, warum sie die Einzige ist, die dieses Geheimnis kennt.

Das Buch ist an sich schon eine Antwort auf Monika Helfers Frage. Sie ist eine erstaunliche Schriftstellerin, die weiß, was es bedeutet, ein Buch zu lieben. Vielleicht hat Vati sie deshalb als seine Vertraute auserkoren.

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